Ehemaligen-Post

(…) Nochmals herzlichen Dank für ihre Beharrlichkeit meinem Abschluss gegenüber. Ich werde Ihnen mein ganzes Leben dafür dankbar sein. Es war für mich eine enorm schwierige Aufgabe.
Heute denke ich aber fast jeden Tag, wie schön es ist Buchhändlerin zu sein. Wie stolz bin ich und wie wahnsinnig gut tut es, wenn ich jemandem sagen kann, welchen Beruf ich ausübe.

Nicht immer geht es. Aber manchmal. Und dann ist es wunderbar zu hören, dass es sich gelohnt hat.

Spickzettel

Wie jeder weiss, gibt es unzählige Möglichkeiten zu spicken. Für Spickzettel strengen ganze Generationen ihre Hirnzellen gegenüber dem Unterrichtsstoff um ein Vielfaches an. Ich habe damit zwar kein moralisches Problem, verzichte aber an dieser Stelle auf ein Ranking der besten Spick-Ideen. Denn das gibt es ja schon in verschiedensten Schülerforen. (Allerdings wüsste ich von keiner Website, auf welcher Lehrer und Lehrerinnen sich dazu äussern, was gute Spickzettel sind. Und das wäre ja eigentlich die Goldgrube.)
Spickzettel sind bekanntlich das Resultat geschlossner Fragen. Sie eignen sich für Definitionen, Jahrzahlen, Formeln, Zitate. Wer Zusammenhänge aufzeigen oder gute Aufsätze schreiben soll, profitiert nur mässig.
Jedenfalls habe ich mich mit einer Klasse richtig amüsiert. Alle meine sechs Klassen schreiben nämlich diese Woche Tests, die Parallelklassen zum gleichen Thema. Bevor ich heute die Tests austeilte, machte mich eine Schülerin darauf aufmerksam, dass auf ihrem Pult ein Spickzettel zu eben diesem Thema stehe, der dann „im Fall“ nicht von ihr sei. Da ich kein Putzmittel zur Hand hatte, habe ich mir den Spicker kurzerhand (zwecks Chancengleichheit) 1:1 an die Tafel diktieren lassen:

LUG: Auskunft: häufigkeit Zeitraum verkauf
WWS: überprüfen Beständ bis Verkauf

Da im Test die Frage:

Worüber gibt die LUG Auskunft? Erklären Sie kurz theoreitsch.

und auch die Frage:

Schreiben sie vier Stichworte zum Vorteil des WWS auf.

vorkamen, war dieser Spickzettel eigentlich ganz gut geplant. Was zeigt, dass ich frage, was ich ankündige, was mir wiederum Lehrerinnenkarmapunkte bringen sollte.
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Unterrichtsbeurteilung 2007

So, die Unterrichtsbeurteilungen sind gemacht und ausgewertet (Vorjahr & Vor-Vorjahr).
Ich lass‘ meine noch ein wenig im Couvert, aber der Kollege am Schreibtisch nebenan liest schon seit Stunden vor. Wir gehören beide zu der verschwindenen Minderheit, der nichts an der Geheimhaltung liegt.
Aus arbeitstechnischen Gründen konnte ich leider des Kollegen Kommentare nicht mitschreiben; ein bedauerlicher Umstand gemessen am bloggerischen Unterhaltungswert seiner Lesung. Hier immerhin die Essenz der letzten zwanzig Minuten:

„Was schätzen Sie am Unterricht dieser Lehrperson?“
„Einiges.“ Ha!

„Die Proben dieser Lehrperson entsprechen dem angekündigten Inhalt.“
Das schreiben 16 von 17. Nur der 17., der kann das nicht beurteilen. Ist das nicht toll?

Oder diese Bemerkung hier: „Ich finde es schade, dass Sie nicht me – “ Und dann? Einfach abgebrochen! Das ist sicher wieder dieses Sch*-Programm!

„Die Lehrperson zeigt den Nutzen des Stoffes auf.“ Und was lese ich dazu für eine Bemerkung? „Wen es interessiert, der hört zu und der Rest halt nicht.“ Bestechend!

Oder eine andere schreibt: „Ich kenne diesen Lehrer nur von einer Stellvertretung. Aber besonders hat mir gefallen, wie er zwei Mitschülerinnen das 20minuten weggezogen und quer durch das Schulzimmer in den Papierkorb geschmissen hat.“ Da sieht man’s wieder! Die wollen Grenzen!

„Das würde ich am Unterricht dieser Lehrperson ändern:“ Und was schreibt mir hier eine? „Ihr Englisch klingt zu Englisch und ich hasse Englisch.“

Niederlassung

Ich glaube, um seine Eltern zu mögen, sollte man sie näher kennen. Ich kannte meinen Vater nicht besonders gut. Er war in meinem Leben entweder Gast oder Exkursionsleiter. Als Exkursionsleiter war er perfekt. Ich habe unbeschadet die halbe Welt bereist und meine erste Schnupperlehre im Alter von vier Jahren gemacht. Mein Vater hat gekellnert, auf dem Bau gearbeitet, als Pfleger in der Psychiatrie, als Assistent im Operationssaal und er hat alles transportiert, was man sich vorstellen kann: Konzertflügel für eine Umzugsfirma, totes und lebendiges Vieh als Chauffeur im Inland, Schokolade als Fernfahrer, Menschen im damals unverzichtbaren Sundecker. Mindestens einmal war ich überall dabei.
Von seiner Überzeugung, dass ein schweizerisches Kind nicht minder überlebensfähig sei denn ein indisches, also eigentlich ab dem zweiten Lebensjahr selbständig, wich mein Vater nie ab. Trotzdem kann ich mich an Fälle von Fürsorge erinnern. Lange vor den entsprechenden Empfehlungen setzte er mir bei heiklen Aktionen einen gelben Bauhelm auf. Und er tat einiges, um für mich einen genügend kurzen und wetterfesten Schlafsack aufzutreiben. (Man erinnert sich: Kinderschlafsäcke gab es in den Siebzigerjahren nur, um die Kinder an der Matratze zu befestigen.)
Ich kann nicht wie andere sagen, was ich von meinem Vater fürs Leben gelernt habe. Aber jedes Mal, wenn ich meinen Niederlassungsausweis brauche, fällt mir wieder etwas ein, was ich ohne ihn nicht erlebt hätte.

Niederlassungsausweis

Eine Seite Notizbuch

Der kleine Ball muss mit Wucht unter den Geschirrschrank gekickt worden sein, er ist ganz platt gedrückt. Ein Mikadostäbchen wurde ersetzt, es ist dünner, kleiner und anders bemalt. Die Blüten des Kirschzweiges sind ungeöffnet braun geworden und bedecken den staubigen Boden. Ein gefalteter Zettel liegt nahe des Schreibtischbeins, darin nichts als eine klitzekleine Zahlenfolge am linken unteren Rand. Der Leim ist ausgetrocknet, anstelle des Deckels wird eine wiederaufladbare Batterie gefunden. Auf dem Boden des Papierkorbs klebt ein Post-it beschrieben mit der Schrift meiner Mutter.
***
Auf dem Fenstersims der Frauentoilette im Schulhaus lag ein Apfel. Auf einem Blatt daneben stand schwungvoll mit rotem Filzstift die Frage: „Wem gehört dieser Apfel?“ und darum herum räkelte sich eine lachend gezeichnete Schlange. Die Putzfrau hörte weder noch sah sie meine Abwehr und warf alles in hohem Bogen in ihren rollenden 110-Liter-Sack.

Ordnung ist Silber, Zähne sind Gold

Dass auch Lehrer zur Dentalhygiene müssen, hat Herr Rau schon einmal geschrieben. Das ist übrigens die nackte Wahrheit und schlichte Notwendigkeit.
Nur ich habe abgesagt, mit einer Halblüge als Entschuldigung.
Ich konnte

  • den Schreibtisch
  • die Staubschicht
  • die Kaffeetassenringe
  • die ungeoutlookten Termine
  • das Chaos auf meinem Desktop
  • den Erdrutsch aus meiner Tasche
  • nicht mehr ertragen. Mir zugunsten von der Dental- auf unbestimmte Zeit die Arbeitshygiene zu versagen, erschien schlicht unmöglich.
    Natürlich habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen und selbst meterweise verwendeter Zahnseide vermag keinen Ablass in Gang zu setzen.

    Tascheninhalt im März

    Tischgespräch [25]

    [Vater macht Piercing-Faxen mit japanischen Tischstäbchen.]
    Kind:
    Hör auf, das sieht grausig aus.
    Vater:
    Aber das haben manche Neger in Afrika auch quer durch die Nase.
    Kind:
    Sag nicht Neger, das ist rassistisch.
    Vater:
    [seufzt ertappt.]
    Kind:
    Sag „Farbige“ …  Allerdings erinnert mich das mehr an rosa oder orange.
    Mutter:
    Mich auch. An Kinderüberraschung.
    Vater:
    „Farbig“ ist schon seit zehn Jahren nicht mehr korrekt.
    Mutter:
    Ich meide die Bezeichnung der Hautfarbe einfach. […] Vielleicht ist das ja der Sinn der Korrektness. Nur gibt es Situationen, in denen die Rasse für eine nähere Beschreibung nötig ist und das war wohl hier mit dem blöden Bild vom Stab durch die Nase so ein Fall. Und in den USA ist „race“ auch bei allen Gruppen gebräuchlich.
    [… Alle schweigen ratlos.]
    Kind:
    Muss ich wirklich die Teile der Geschlechtsteile noch einmal alle aufschreiben?
    Mutter:
    Wenn es im NMM-Test kommt, würde sich das wohl empfehlen.
    Vater:
    Also wir hatten das nie in der Schule. Das war alles viel zu peinlich.
    Mutter:
    Wir schon, aber weniger konkret. Die Befruchtung setzte erst nach dem Geschlechtsakt ein und war austauschbar mit der bei Tieren und Pflanzen.
    Vater:
    Kein Wunder, in der Steinerschule gibt es sowieso nur diese undefinierbaren Leiber: Erdenleib, Sternenleib…
    Mutter:
    Sternenleib? Kann ich mich nicht erinnern.
    Vater:
    Halt Astralleib!
    Mutter:
    Stimmt, das kommt mir irgendwie bekannt vor.
    Kind:
    Was ist mit diesem Leib gemeint, was soll das heissen?
    Vater:
    Das ist anthroposophisch. Und Anthroposophie besteht aus unverständlichen Ausdrücken, die Rudolf Steiner erfunden hat.
    Kind:
    Also in meiner Klasse war ein Mädchen in der Steiner-Schule schnuppern und sie hat nichts davon gesagt. Es hat ihr gefallen.
    Mutter:
    Mir hat es auch gefallen. Das Unverständliche war zweitranging. Und weil ich viel gelesen habe, hat es mir nie an Aufklärung gefehlt. Aber vielleicht hat sich der Lehrplan in der Zwischenzeit auch etwas geändert. Der Lehrer, mit dem ich Biologie hatte, lebt auf jeden Fall nicht mehr.
    Kind:
    Es ist gut, bleibt das Mädchen noch bis zum Sommer bei uns. Bis dann haben wir die Grundlagen sicher durch.

    Bilancia

    Schreibtisch:

  • Wolf Schneider, Deutsch fürs Leben / rororo 2000
  • Wintergedichte / Reclam Universal-Bibliothek 2001
  • Andreas Thalmayr, LYRIK NERVT / Hanser 2004
  • Nick Hornby, A Long Way Down
  • Iris Radisch, Die Schule der Frauen
  • Duden Nr. 1 / 2006 (ungebraucht)
  • P.F. Thomése, Izak / Berlin Verlag 2005
  • Van de Vendel, Anna Maria Sofia & der kleine Wim / Carlsen 2004
  • Desmarteau, Alles steht oben geschrieben / Bajazzo 2003
  • Vor meinem Bett:

  • Ornela Vorpsi, Das ewige Leben der Albaner / Zsolnay 2007
  • Vikas Swarup, Rupien! Rupien! / KiWi 2006
  • Steven Gilbar, Bibliomanie / Dörlemann 2006
  • Anita Lasker-Wallfisch, Ihr sollt die Wahrheit erben / rororo 2005
  • Stephan Lamprecht, WordPress 2.x kompakt / bomots 2006
  • Walter Muschg, Tragische Literaturgeschichte / Diogenes 2006
  • Tadeusz Borowski, Bei uns in Auschwitz / Schöffling & Co 2006
  • Peter von Matt, Das Wilde und die Ordnung / Hanser 2007
  • Kerth / Pütmann, Die besten Strategietools / Hanser 2005
  • „Bilancia“ weiterlesen

    Ein kaltes Eisen

    Die Politik der Zukunft wird die alten Kategorien von „links“ und „rechts“ und das alte Parteien-Lagerdenken überwinden müssen. Ich bin für eine klassische Law und Order-Politik im Inneren (rechts). Ich bin, im Namen von Menschenrechten und der Befreiung der Armen für weltweite Militäreinsätze gegen Diktatoren und Schlächter (rechts? links?). Gleichzeitig bin ich für starke Umwelt-Investitionen (grün), mehr Ausländer im Inland (links) – ich will aber klügere, ausgewähltere, englischsprechende (neo-liberal). Ich bin für eine massive Reduzierung des Kündigungsschutzes (ultraliberal). Gleichzeitig bin ich bereit, weiterhin die bizarr hohen Spitzensteuern (links) zu zahlen, wenn diese in einem erstklassigen, leistungsorientierten, modernen Ganztags-Schulsystem verbaut werden (Gesamtschule, also links). Ich verlange für mein Steuer-Geld effektive, serviceorientierte Verwaltungen und gutgeschwungene Autobahnen. Wenn ich alles dies nicht kriege, werde ich mein Geld schwarz ins Ausland bringen (kriminell? Notwehr? CDU?).

    Das meint Matthias Horx in einem seiner Kommentare in der Wiener PRESSE. (Zuerst entdeckt bei arts20, Quelle mit dem Urheber direkt geklärt, danke sehr.)
    Solche Zitate sind heute beliebt. Die Folge des Anspruches sich nur mit Deckungsgleichem zusammenzutun, ist bekanntlich eines der Probleme unseres Soziallebens wie auch der direkten Demokratie, der dadurch das Personal ausgeht.
    Jahre lang habe ich gedacht, die Kehrseite der Medaille würde uns dafür weiter bringen. Aber leider gibt es die nicht. Sich nicht festlegen zu wollen und offen zu sein für alles, bedeutet noch lange nicht kompromissbereit und konsensfähig zu sein. Im Gegenteil. Die grössten Betonköpfe begegnen mir genau unter jenen, die bei jeder Gelegenheit das Gärtchendenken der Parteien, den spiessigen Ansatz der Vereine, die Korruption der Interessegruppen und die Wirkungslosigkeit der Selbsthilfeorganisationen betonen. Vitales Bedürfnis Nicht-Festgelegter nach Sturheit trifft auf die ermattete Suche Rest-Engagierter nach Annerkennung für sich selbst und die, denen sie halt angehören.
    Exgüsé, aber ich weiss weder, wie wir mit dieser Besetzung das Klima retten, noch die Integration vorantreiben geschweige denn das politische Interesse steigern. Bekenntnisse wie das von Horx unterhalten mich zwar, aber sagen mir nichts ausser: Ich bin so besonders.
    Warum auch nicht?
    Ach ja, noch was: Pilot-Versuch eines Verkehrsministers.