A Long Way Down

Nick Hornby, A Long Way Down

Nick Hornby,
A Long Way Down
Knaur (TB) 2006
978-3-426-61536-2

Also, es ist nicht so, dass Nick Hornby irgendwie mein Lieblingsautor wäre. Er schreibt mir halt ab und zu ein Buch, welches ich dann schlecht ablehnen kann, oder? Dass ich eine Schwäche für den Perspektivewechsel habe, ist ja nichts Neues. Und wenn das jemand so richtig gut kann, dann lese ich den halt. In diesem Buch hier haben sich vier angehende Selbstmörder auf dem Hochhausdach getroffen. Aber da sie nun einander begegnet sind, können sie sich ebensogut ein wenig Aufschub gewähren vom Sprung. Sie sind ein Musiker, ein Moderator, eine Mutter und eine Teenagerin – und alle irgendwie gescheitert, aber noch nicht ganz fertig damit. Und weil die je ihre Geschichte erzählen, also auch was sie denken, kriegt man mit, dass sie ein ähnliches Problem haben. Eigentlich ein Gewichtungsproblem. Sie wissen alle nicht, wie das, was sie sagen oder machen auf andere wirkt und wie stark. Und auch nicht, was aus ihrem Leben sie hervorheben und was sie verschweige sollen. Und deswegen ist es ja auch ein Hornby-Buch, weil der das kennt mit seinem autistischen Sohn. Weil der ein anderes Leben lebt. Er muss die gewöhnlichen Leben ausblenden, um sich mit einem Autistenleben rumzuschlagen. Kein Wunder also, dass er wieder einmal die erzählen lässt, die keine Vorstellung mehr haben, wie das normale Leben gehen könnte, wie man richtig redet und handelt. Deswegen passt das ja eben auch für mich. Also nicht, dass ich vom Hochhaus springen möchte, obwohl ich wirklich genügend Gelegenheit dazu hätte, drei Schritte nach vorn und einen nach oben und futsch wär’ ich. Nein, nicht deswegen.

Bis zum Kindergarten war ich hauptsächlich mit behinderten Kindern zusammen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass es zählt, wie man Messer und Gabel hält, dass es eine genormte Lautstärke für Gespräche gibt, dass man Dinge einfach irgendwo hinlegen kann, auch wenn sie nicht niet- und nagelfest sind. Ich habe das dann gelernt. Aber meine Eltern hatten keine bessere Idee, als mich in diese Steinerschule zu schicken, wo ich wieder eine Menge so machte, wie niemand es verstehen konnte, ich meine, wer weiss schon, was Eurythmie ist, wer vermeidet schon Nachtsschattengewächse und wer rührt gegen den Uhrzeigersinn in der Gülle weil irgend ein Sternbild das vorschreibt? Eben. Darum kriegte ich schon in der dritten Klasse Ferien von dem Irrsinn und fuhr ein gutes Jahr gegen Indien und wieder zurück. Weil sich unterwegs irgendwelche Osttürken und Perser und Afghanen und Balutschen und Russen gegenseitig ausschalten wollten, kamen zu meiner Biografie noch ein paar Kuriositäten hinzu, wofür ich wieder ein paar Normen opfern musste, die eigentlich zur Sozialisation gehört hätten; aber das erfuhr ich später. Ich will jetzt nicht langfädig werden, aber lasst euch gesagt sein: Einfach war meine Reintegration nicht. Erwähnte ich etwas Unwichtiges beiläufig, brachen die Leute in „Oh-s und Ah-s“ aus, weinte ich wegen etwas Traurigem, fanden sie es übertrieben, hüpfte ich eine Runde, war es zu wild und räumte ich im Restaurant das Geschirr ab, schüttelten sie mitleidig ihre erwachsenen Köpfe. Also nahm ich mir vor, wieder neu zu lernen, was man in welcher Situation sagen muss und auch wie laut und ich testete mich und die anderen wie es Kinder machen, wenn sie „fick dich, Mama“ sagen. Aber ich übe immer noch. Und eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass es allen so geht und sie oft nicht wissen, wie das, was sie gerade tun oder sagen im Leben um sie herum ankommt und auch nicht, wie und wo ihre Erfahrung überhaupt gebraucht wird. Vielleicht bringen sich ja deshalb so viele um. Jedenfalls geht es genau darum in diesem Buch, welches ungefähr in diesem Ton geschrieben ist – na ja, jedenfalls aus dieser einen Perspektive.

7 Reaktionen zu “A Long Way Down”

  1. Ima

    So eine Nach-Sozialisation in Eigenregie hat auch ihr Gutes: man versteht Hornby einfach besser.

  2. Tanja

    Ganz entschieden! Auch sonst hat es viel Gutes, aber ich musste ja den Rundumschlag-Stil des Buches hinbekommen…

  3. kaltmamsell

    Ich wünschte, Sie schrieben noch viel mehr Geschichten auf über wie Sie groß geworden sind…

  4. Isabella

    Hi!
    Ich hätte eine Riesengroße Bitte an euch!!! und zwar sollte ich dieses Buch für die Schule lesen nur ich hab leider zur Zeit zu viel Stress und darum verlege ich das lesen auf die Ferien, könnte mir bitte jemand den Schluss verraten?? DANKE lg, Isabella –> isabella.langecker@gmx.at

  5. Tanja

    Bitte im Forum www.buchhaendlerin.ch fragen.
    Gruss, Tanja

  6. sehr wichtig?

    sehr angenehmer Text;
    wenn auch sehr .. heruntersetzend.

  7. De la Montalvenia

    yeah
    dieses buch is eines der besten das ich je gelesen habe!!!

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