Bei der Serie „Aus dem Reisenotizbuch“ handelt es sich um einzelne Seiten aus meinem Moleskine, die ich zwischen dem 4. April und dem 20. April 2007 geschrieben habe.
Es sind Momentaufnahmen und Auszüge. Grosse Erkenntnisse, die wenige Seiten später schon wieder revidiert werden, kleine Beobachtungen, die ich vielleicht falsch interpretiert habe.
Das ist ja das schöne an Reisenotizbüchern. Dass sie keinen Moment von einem verlangen, bei seiner Meinung zu bleiben.
Autor: Tanja
Die Buchpreisbindung ist gefällt
(Die Berufshistorie zwingt mich zum Bloggen.)
Noch ein letztes Mal das kleine Flehen eines alten Autors lesen, ein Tränchen verdrücken und dann – endlich! – billigere Bücher.
Nun muss der Hugo Loetscher den Hugo Boss ausziehen und auch aus seiner Villa an der Goldküste, den Gürtel enger schnallen halt. Nun müsst ihr die Ferraris verkaufen, liebe Kollginnen, die Bali-Ferien annullieren liebe Kollegen und das Diamantenarmband für die Geliebte gegen ein indianische Glücksbändeli eintauschen auf dem Märit, liebe Verleger. Jetzt weht ein anderes Lüftlein.
„Hunkeler und Harry Potter jetzt 30% günstiger!“, heisst es in einer Medienmitteilung, die um 14.22 Uhr über den Ticker der Nachrichtenagentur sda lief. „Bei je zehn Schweizer Top-Bestseller aus den Bereichen Belletristik und Sachbuch wurde kurzfristig der Preis um 30 Prozent gesenkt, weitere sollen folgen“, heisst es weiter.
Die Buchhändlerin bleibt eigenständig
Die FAQs an mich sind mit Abstand:
Warum machst du das? Wie lange bleibst du noch in dieser trostlosen Branche? Die Preisbindung… Der Konzentrationsprozess… Die Digitalisierung der Information… Die Googlisierung der Gesellschaft… Die Verwikipedianiserung der Kulturgeschichte… Such dir einen anderen Job… Was regst du dich immer noch auf? Dieser Zug ist längst abgefahren.
Die Antwort war, ist und bleibt unspektakulär: Weil ich Buchhandel am besten kann.
Langweilige Tatsache meines Lebens, dass ich fast alles vom Buchhandel und von Buchmenschen gelernt habe. Ich bin das wandelnde Beispiel nur angelesenen Wissens.
Aber wie jede Antwort kann ich auch diese gerne etwas ausschmücken:
Ich mache nicht gerne Angebote, wo kein Bedarf besteht, deshalb hab’ ich trotz ein paar guten Gelegenheiten nie in die Werbung gewechselt. Ich kämpfe nicht prinzipiell gern, nicht um Freundinnen, nicht um Männer und auch nicht um Arbeitgeber, die mich nicht haben wollen. Bref: Es gibt nur sehr wenig, worum ich kämpfe.
Über die beiden Jahre, in denen diskutiert wurde, ob mein Beruf in der Schweiz beibehalten, nur verwischt oder ganz abgeschafft werden sollte, hat mir diese Einstellung geholfen, nicht aufzugeben und mich offensichtlich auch einigermassen glaubwürdig gemacht.
Soll der Buchhandel eines natürlichen Todes sterben, so sei es. Aber so lange noch ein paar Tausend Menschen dieses viersprachigen Landes in diesem Beruf leben und wirken, so lange jedes Jahr hundertdreissig Neue ihre Lehre beginnen, so lange gibt es verdammtnochmal keinen Grund für Selbstmord.
Nun ist die Nachricht also angekommen. Die „schöne grosse Welt des Detailhandels“ (Zitat aus einem Argumentationswettstreit) muss vorläufig auf uns verzichten. Verkaufen wird wichtiger, aber Einkaufen bleibt wichtig. Wir lehren und lernen jetzt alle Medien, aber deswegen können wir immer noch Goethe, Shakespeare, Petrarca, Cervantes und Balzac in Buchform.
Die Branche hat heute der neuen Berufsbildung zugestimmt. Einstimmig.
Bis das letzte Lehrmittel gewählt und das letzte Budget gesprochen ist, werden noch viele Vernehmlassungen ins Land gehen und es wird Kompromisse brauchen, bis die Augen tränen. Aber unser kleiner Beruf bleibt eigenständig und bei seinem Namen.
Und weil man ja immer gewarnt wird vor der Unbill, die Entspannung nach langer Anspannung mit sich bringt, habe ich nur ganz leise bei einer Tasse Tee gefeiert.
Déjà-Fait
Das Glück der Verzettelten ist, wenn sie sich am Ende eines ereignisreichen und ermüdenden Sonntags hinsetzen, um zwei Lektionen für Montag zu planen und feststellen, dass sie diese schon vor 24 Stunden fixfertig vorbereitet haben.
Und das Zusatzglück dabei ist, dass ein gnädiger Kurzschluss im Hirn sie wieder den gleichen unpassenden Dateinamen wählen liess.
Tant mieux
Ich habe alle Tests, die vor Ostern von meinen Lernenden verpasst wurden neu erstellt, durchgeführt und korrigiert. Es hatten viele gefehlt. Die Sachbearbeiterin im Schulsekretariat hat mir gestern erzählt, neun von zehn Lernenden, die sich morgens krank melden würden, hätten Tests oder Referate halten müssen. Würden wir also das Berufschulrad dreissig Jahre zurückdrehen – was mein Chef immer gerne mal wieder propagiert – keine Empfehlungsnoten mehr geben, weder Referate noch Gruppenarbeiten durchführen und einfach Frontalunterricht abhalten – wenn also nichts mehr zählen würde ausser der Lehrabschlussprüfung, könnten wir die Krankheitsfälle vermutlich drastisch reduzieren. „Old School“-Unterricht im Sinne der Volksgesundheit.
Daneben habe ich vergangene Woche ein paar Berge von Wäsche und E-Mails versetzt, mehrmals eingekauft da Etliches vergessen, geputzt, die staubigen Betten gelüftet und von fünf Sitzungen zwei geleitet und drei protokolliert. Das Update der Quartierwebsite habe ich ewig hinausgeschoben, ja, gar eine Aversion dagegen entwickelt, weil ich die Aufträge per Mail, per DVD im Briefkasten, auf Fresszetteln und per Telefon erhalten und den Überblick völlig verloren hatte. Der Mann hat mir zwar heute Abend sehr nett beim Aufdröseln geholfen, doch als ich endlich startbereit war, fiel mir ein, dass der Hoster das ganze Wochenende für Erneuerungen braucht und nicht einmal mehr seine eigene Website funktioniert. Tant pis.
„Tant mieux“ weiterlesen
Am Vorabend des 26. Aprils
Habe ich vor einem Jahr geahnt, dass der Klimaschutz ganz oben auf die Themenagenda rückt und das Atomenergie-PR so richtig echt auf Vordermann gebracht wird? Nicht nur hier, auch in den USA und China. Eher nicht.
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Jedesmal, wenn das Kind Geburtstag hat, denke ich an eine ferne Bekannte. Sie fragte mich kurz nach der Geburt schnippisch, ob „das Bündel“ wie üblich schön und erst noch gescheit sei? Sie brauchte vom Mann IT-Dienstleistungen. 1995 war OS irgenwas der Hit, man konnte gerade neu mehrere Fenster gleichzeitig aufmachen und das Kind verzögerte die eine oder andere Solution ein wenig. Ich proste ihr seither jährlich in Gedanken zu und sage: Sicher! Arme Kinder, arme Erwachsene, deren Eltern sie nicht schön und gescheit finden. Wer soll es denn sonst tun?
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War mir vor zwei Jahren klar, dass ich und Kolleginnen und Kollegen hunderte Manhours brauchen würden, um „Die neue Buchhändlerin“ vorzuschlagen? Hätte ich gedacht, dass etwas wie ein neuer Bildungsplan mich auspressen würde wie Alessi die Zitrone? Unterbewusst vielleicht.
Wenn also jemand mit Stossgebeten zur Absegnung des Bildungsplans beitragen möchte: bitte gern! (Und wenn jemand, der stimmberechtigt und am Leben ist, nicht an der Vernehmlassung vom 30. April teilnimmt, so bleibt er für alle Zeiten von diesem Blog ausgeschlossen. Danke.)
Weltbuchtag 2007
Meine Schülerinnen werden in die Bahnhöfe ausschwärmen, ich selber werde auf dem Schulgelände Lektüregeschenke und Buch-PR machen.
Aber den Blogbeitrag zum diesjährigen Welttag des Buches widme ich einem Frust-Thema. Also Vorsicht, Moral-Alarm.
Zum meiner Lehrzeit mussten wir uns im Buchhandel kaum mit Profidieben herumschlagen. Bücher waren nun mal nichts, was Hehler abnahmen. Gelegenheitsdiebe, die von unserer Sorglosigkeit profitierten und Junkies, die vom Stempelkissen bis zu den Büroklammern alles mitgehen liessen, prägten das Bild. Dazu kamen ein paar Trickdiebe, die man mit der Zeit kannte. (Das sind in den meisten Fällen die, die etwas Klitzekleines mit einer grossen Note kaufen und dann beim Wechselgeld Theater machen.)
Soweit, so vertraut. Dass Buchhändlerinnen und Buchhändler in Sachen Diebstahl eher naiv sind und in den Büchern irgend etwas Idealistisches aber nicht das Geld sehen, ist leider auch kein reines Märchen. Unternehmensberater empfehlen uns, regelmässig ein paar Regale leerzuräumen und den Gegenwert der ausgeräumten Bücher in Geld hinzulegen, damit wir endlich lernen, richtig darauf achtzugeben.
Die Gelegenheitsdiebe, Trickdiebe und Junkies sind uns erhalten geblieben. Zusätzlich haben wir noch die Profidiebe bekommen. Es gibt Banden, die unsere Stauräume suchen, uns ablenken oder dringenden Toilettenbedarf vortäuschen, um regelmässig die Porte-Monnaies des leutseligen Buchhandelspersonals mitgehen zu lassen.
Noch viel sprunghafter zugenommen hat jedoch der Diebstahl von Büchern und Non-Books im grossen Stil. Denn dieser Tage braucht man keinen Hehler mehr, heute gibt es einen direkten Markt für solche Ware. Online. Ist es nicht nett einen frischen Bildband, den neusten Sowieso und ein paar unterhaltsame Hörbücher zum Spottpreis zu bekommen? „Gebraucht“ wie neu!
Ich rechne zwischendurch mit meinen Schülerinnen aus, wie viele Taschenbücher wir verkaufen müssen, um einen geklauten neuen Irving zu decken oder wie viele Irvings wir an Mann und Frau zu bringen haben, bis wir uns ein elektronisches Sicherungssystem leisten können.
Dagegen freuen sich immer mehr Leute über immer mehr Schnäppchen beim Online-Shopping. Sie trösten einen in dieser kalten, vertechnisierten Konsumgesellschaft ohne liebevoll lächelnde Tante Emmas.
Der Computer im Netz ist ganz allgemein ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse geworden. Die Standardsoftware wird geklaut weil Bill Gates böse ist, Bücher werden gescannt weil Google gut ist, Bilder und Texte werden sowieso kopiert, was das Zeug hält. Schriften werden gestohlen, obwohl das heutige Konsumentenauge kaum eine Arial von einer Frutiger zu unterscheiden weiss, geschweige denn eine Ahnung von den Schriftschnitten hat. Das Scheiben brennen hat sich schon lange zum beliebten Kindersport entwickelt. (Das Kind in diesem Haushalt hasst die Erinnerung an den Tag, als seine Begeisterung dafür von der aufgebrachten Mutter brutal gebrochen und der ganze Stapel CDs an die Stelle ihrer Entstehung zurückgebracht wurde.)
Ach ja, falls es morgen in der Presse einmal mehr untergeht: Der 23. April ist der World Book and Copyright Day.
Damit wünsche ich einen erfolgreichen Start in die neue Woche und gebe zur Feier des Tages allen den kostenlosen Rat, niemals Urheber zu werden.
Curtains Up
Meine kalifornische Brille ist schön. Und sie funktioniert. Ich gucke mein Daheim durch ihre positiv gefärbten Gläser an. Das reduziert den Rückkehrkoller und erhöht die Tatkraft.
Sieh nach oben! Wie liebevoll diese Leute ihren Balkon beflanzen!
Schau nur, wie lange das chinesische Mädchen auf seinem kleinen Bein hüpfen kann!
Hey, ich sehe die Windows-Hügel! Nur die Kühe haben die wegretouchiert.
Wo ist das Ende des Erdbeerfeldes? Strawberry Fields Forever.
Guck die Kirschblüten. Es ist Frühling.
Die Wunderbrille. Bloss nicht verlieren.
Curtain’s Close

Zum 20. Jubiläum unserer Erwerbsarbeit machen wir extra keine, sondern ausserordentliche Ferien. Für den Mann wird es eine Rückkehr in die Kindheit, für das Kind Entdeckung von Neuland, für mich –
ähm.
sehe ich riesige Herausforderungen auf mich zukommen.
Da aber meine zwei Reisebegleiter keines dieser Probleme haben, müssen wir meine bloss fair verteilen. Aufgehen tut’s ja.
Easy!
Also: Wenn mein Flugzeug heil landet, ich nicht an der Reisekrankheit verende und mich kein Zimmermädchen in den Tumbler sperrt, bin ich am 21. April zurück.
Bye, bye.
Hurra! Ich partizipiere!
Die Entwicklungshilfe ist zur Entwicklungszusammenarbeit geworden und die Entwicklungszusammenarbeit zur Kohäsion.
Kaum erstaunlich, dass das Globale nun auch auf das Lokale abfärbt. Quartierarbeit muss heute permanent beweisen, dass Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner partizipieren. Und je höher der Ausländeranteil an der Partizipation, desto besser die städtische Statistik der Integration. Optimal ist, wenn handwerklich versierte Freiwillige aus dem Quartier die Saalvermietungen an möglichst ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger managen. Dazu gibt es bei uns ein Formular mit einer extra Spalte für das Eintragen der Anzahl „Ausländer“ pro Saal-Aktivität. Nur kommen die Freiwilligen vermehrt ins Schwitzen, weil man ja den Inländer kaum mehr vom Ausländer unterscheiden und weissgott nicht von jedem in Gold gekleideten Knirps den Pass verlangen kann. Wir sehen dann einfach zu, dass in der Ausländer-Spalte immer eine fette Zahl steht.
Ich bin wohl niergends so erfolgreich wie in der Partizipationsstatistik. Jahrelang habe ich mehrmals pro Woche neu zugezogenen Kindern das Quartier und das Leben und die Sprache näher gebracht, also als Partizipatorin Partizipationsoptionen am laufenden Band vermittelt. Heute – wo sich eine gewisse Aggression gegenüber Nicht-Integrierten einstellt – habe ich mich hinter den PC zurückgezogen. Ich partizipiere nun, indem ich via CMS abbilde wie andere partizipieren.
Man mag mir Sarkasmus unterstellen. Aber das ist nur ein kleiner Seitenwechsel. Er lehrt mich, wie verdammt unangenehm es ist, Teil eines Entwicklungsprogramms zu sein.
Soeben hochgeladen:
Tagi-Kinder bepflanzen die neue Lärmschutzwand.
Brünnen-Baustelle: Abriss meines ehem. Kindergartens.
