Beziehung versus Beziehung

7. February 2016

Täglich treffe ich viele Entscheidungen für soziale Beziehungen, die gleichzeitig Entscheidungen gegen mein eigenes soziales Netz sind. Das geht wohl den meisten in Menschen-Berufen so.

Heute zum Beispiel wäre ich gerne der Einladung eines Kollegen ins Haus der Religionen, das bei mir um die Ecke liegt, gefolgt. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich Mitarbeitergespräche in einer Weise dokumentieren will, wie es mir in meiner Arbeitszeit nicht möglich ist und in der Folge die Protokolle häufig sonntags schreibe. Dies nicht auf reiner Gewissenhaftigkeit, sondern weil es die Lehre ist, die ich nach 53 solchen Gesprächen und zehn Jahren Führung von Lehrpersonen aus Konflikten gezogen habe.

Heute war das Abwägen der Beziehungspflege am einen und anderen Ort besonders dialektisch. Gerade findet ein vielversprechendes Symposium zur HIOB-Frage statt, welches mich auch für meine Mitarbeitergespräche interessiert hätte. Leiden ist zunehmend weniger eine existenzielle Erfahrung, es ist keine Prüfung ohne absehbares Ende. Leiden ist eine Herausforderung, die wir mit Sinn und Verstand eigenverantwortlich zu terminieren suchen. Das beschäftigt mich und meine Mitarbeitenden häufig. Bei Unfall, Krankheit und Verlust sind Hadern wie auch Akzeptanz des Schicksals bei jedem Schritt des Wiedereinstieges die wichtigsten Gesprächsthemen.

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Den roten Faden haben andere

25. January 2016

(Der rote Faden fehlt in meinen Notizen der letzten Wochen. Ich versuche immer wieder, die Notizbücher farblich zu trennen, aber schon nach wenigen Tagen stelle ich die Unmöglichkeit des Vorhabens fest und schreibe Französischvokabeln, To-do-Listen, Geschenkideen und einzelne Sätze aus dem Feuilleton durcheinander ins gleiche Heft. Heute konsultiere ich manchmal den WhatsApp-Verlauf, um überhaut zu wissen, was ich gedacht und gemacht habe und noch zu machen hätte.)

Nun gibt es zum Glück eine Menge Leute um mich herum, die effizenter sind und an denen ich mich hin und wieder orientieren kann.

Beispielsweise hat Hanjo mich mit seinem formidablen Typoscript über bloggende Lehrer/innen auf das ZUM-Wiki Lehrerblogs gebracht, welches mir schon gute Dienste leistete. Seine Veränderungen wiederum haben mich dran erinnert, dass auch bei mir solche anstehen: Ich höre nach 17 Jahren auf mit dem Unterrichten. Dies ohne diesen Teil lohnmässig zu ersetzten. Und ohne Illusion Freizeit, denn Zeitfenster in der Schule sind Schwämme, sie werden mit jeder Leerung saugfähiger. Aber ich brauche mehr Zeit für das konzentrierte Arbeiten und weniger Aufgaben gleichzeitig, bei denen es keine Fehlertoleranz gibt. Zum Beispiel vorgestern hatte ich Prüfungs- und Stundenplankorrekturen sowie Testergebniskontrollen der neuen Schulverwaltungssoftware gleichzeitig an einem Arbeitstag, an dem ich auch selber noch unterrichtet habe. Das ist für mich nicht zu schaffen. Wenn ich auch nur eine Räumlichkeit im zukünftigen Stundenplan falsch absegne, entstehen ein Rattenschwanz von Problemen und Arbeiten in anderen Abteilungen. Oder - bliebe es ganz unbemerkt - es steht ein Informatiklehrer im nächsten August in einem Schulzimmer ohne PCs und alle PC-Zimmer in allen sechs Schulhäusern sind besetzt. Wir planen knapp, so sind die Verhältnisse. Von falschen Personaleinsätzen oder mangelhaftem Informationsfluss, die Lehrpersonen dauerhaft beunglücken, gar nicht zu reden… Geschwindigkeit und Präzision schliessen sich meiner Meinung nach bei Arbeiten, die nicht Routine sind, einfach aus.

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Endlich Schnee

24. January 2016

Der Unterbruch hier ist länger geworden als gedacht, aber das haben Zwangspausen wohl an sich. Bei mir war in vielerlei Hinsicht eine schwierige Zeit und ich habe versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, wobei es manchmal nicht ganz einfach ist, herauszufinden, was dazugehört. Ich bin bloss froh, hat es endlich geschneit. Es wirkt weltfremd und berührt mich peinlich, wenn die Schweiz hauptsächlich über Schneemangel klagt und Initiativen lanciert, um Initiativen durchzusetzen.

Kostbare Momente

27. December 2015

Aus meinem Geburtstagstisch stehen Glückwunschkarten, eine Geburtsanzeige und eine Todesanzeige.

Wir haben trotz und wegen alledem weitergebacken. Und am Heiligabend auch Responsorien gesungen. In solchen Lebensphasen kommen und gehen meine Kräfte wie Wellen. Alles, was einer klaren Linie folgt, kann ich auch im Wellental bewältigen: Das Backen, Säugling wiegen, Waschen, Singen, Holz spalten.

Heut’ Abend hab ich nun die letzten in unserer Kleinfamilienbäckerei gemachten Weihnachtsgüezi zum Verschenken verpackt. Sie sind für ein Team des PZM, dem Arbeitsort vom Kind, welches nun ein Mann ist, der Einblick hat in die Höllen derer, die dem irdischen Leben zu entfliehen suchen.

Weihnachtsgebäck 2015, Edition für das Kriseninterventionszentrum Münsingen

Ich wünsche euch allen einen freundlichen Jahresausklang im Kreise naher Menschen. Ich hoffe, ihr habt wie ich an Weihnachten den Vollmond gesehen und euch am schönen Augenblick - verweilte er doch! - erfreut.

Reduzierte Formen

3. December 2015

Ich vermisse das Schreiben. Aber die vielen losen Enden in meinem Kopf verunmöglichen es.

Das ist merkwürdig, weil Bloggen ja genau dazu erfunden worden ist, lose Enden in die Welt zu setzen, auf dass jemand die Verbindung finde und kommentiere. Meine These: Jede neue Form ist ein Versprechen auf Reduktion und gibt der vorhergehenden oder noch früheren Form mehr Gewicht. Das heisst, wir wagen uns heute neben den Kurznachrichten in Echtzeit weniger, einen Brief zu verfassen, denn seine Form allein macht seinen Inhalt schon so wichtig. Wer traut sich hier und heute schon, etwas Nichtiges zu Papier zu bringen ausser ein paar letzten Schülerinnen, die für ihre Aufsätze immer noch Tintenbuchstaben auf Linien setzen und sie rechtzeitig am Rande stoppen.

Viele gehen davon aus, ein Blogbeitrag lohne der Publikation nur dann, wenn er schlüssiger sei als unsere Tweets. Ebenso entwickelt sich unser Lesen: Bücher müssen es Wert sein oder zumindest relevant empfohlen, geteilt. Und die letzten handgeschriebenen Couverts im Briefkasten lassen uns aufschrecken. Freudig, wenn sie den Beginn eines Lebens markieren und niedergeschlagen, wenn dessen Ende.

Aber vielleicht ist alles nur ein banales Zeitproblem. Und wir hätten es in der Hand, könnten uns hinsetzen an einen Brief oder ein Buch, das Internet vergessen und unsere Formen erweitern.


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