Aufmerksamkeit für Unterschiede?

4. April 2021

Dieses Blog verwende ich, um über meine Aktivitäten zu berichten und zu reflektieren. Letzteres kommt zu kurz, weil ich über vieles, was schwierig ist und interessant wäre, nicht konkret berichten kann oder alles unfertig ist. Doch irgendwie bin ich immer am Nachdenken, das hat sich mit meinem neuen Aufgabe nicht geändert. Neben meinem recht klassischer 24/7 Managementjob beschäftigen mich auch Diversität, Meinungsfreiheit, Cancel-Culture, Zensur. Heute schreibe ich mal in Gedankensplittern, unstrukturiert, dafür hoffentlich reflektiert.

Ich gebe zu: Die grosse Aufmerksamkeit den Unterschieden gegenüber ist mir manchmal zu viel. Dass ich Ungerechtigkeit übersehe, ist mir bewusst. Heute betrübt es mich besonders, wie viel schwerer es Kindern mit dunklerer Hautfarbe hierzulande haben, das erlebe ich im Verwandten- und Freundeskreis. Wir sind in der der Schweiz in den letzten Jahren essenziellen zivilgesellschaftlichen und politischen Aufgaben nicht nachgekommen, im Grunde skandalös.

Was „man“ tut und was „sich gehört“ sind verlangsamende Faktoren, die sich überall äussern im Land, wo sich immer noch ein Grossteil der Schülerinnen und Schüler in geraden Pultreihen auf die Hinterköpfe starren und Leistungen im Wesentlichen mit Ziffern von 1-6 bewertet werden. Die ganzen Belehrungen und Bewertungen tagein, tagaus empfinde ich als unnötig, seit ich klein bin. Deshalb wollte ich auch nie Lehrerin werden und als ich es doch wurde, nicht bleiben, was zu keiner Zeit an den Lernenden lag. Im Gegenteil: Sie waren es, die mich 16 Jahre im Job hielten.

Es gibt ungefähr eine Hand voll Dinge, die einem Kind beigebracht werden müssen, damit es möglichst unversehrt bleibt, den ganzen Rest könnten wir ihm zum selber Lernen und Nachfragen überlassen, dann, wenn es soweit ist. Wichtig ist, dass wir da sind, wenn uns ein Kind oder ein Jugendlicher braucht, dass wir uns vorbildlich verhalten und selber wissen, welche Werte wir haben und verteidigen. Ich glaube, dass das alles zu machen ist, ohne sich über andere zu erheben. In meiner Familie war das Coronajahr eine schöne Bestätigung für unsere Bemühungen, einander positiv gegenüberzustehen, egal was. Auch wenn bei uns wirklich jede Meinung zu Covid-19 und zur Maske und zur Impfung vertreten war, hat sich niemand nachhaltig verkracht.

Ich bin allen dankbar, die sich der „Inklusion“ annehmen und finde es schade, dass das Thema einige nervt und gar Leute es nicht ernst nehmen, die von Berufes wegen dazu verpflichtet wären. Im Vorschulalter verbrachte ich viel Zeit in Heimen mit Menschen mit Behinderungen, wo meine Mutter arbeitete. Ich weiss noch etliche Namen, erkenne meine Freundinnen und Freunde auf Fotos – aber Behinderungen? Keine Ahnung, woran sie litten. Wie langweilig wäre unser Leben gewesen, hätten wir uns darauf beschränkt. Genau das ist heute erforscht: diese Einordnung und Beschränkung machen wir nicht von selber, sondern weil wir sie lernen.

Erforscht ist auch, dass wir gerade in Situationen, wo wir einander vieles abspenstig machen sollten, erstaunlich gut miteinander klarkommen. Auf Reisen kann mich nicht entsinnen, dass wir je eine Toilette in der Nähe gehabt hätten. Schon das allein bedeutete ja für mich mehrmals täglich und nächtlich Begegnungen mit unbekannten Menschen, mit denen ich das Terrain teilen und einen Modus finden musste. Das sind tausende gewesen und ich habe keine schlechte Erinnerung, die ich mit einzelnen Personen verbinden würde.

Grundsätzlich wurde ich immer dann viel „betatscht“, wenn ich das einzige weisse Kind war. Es wurde mir ständig in das blonde Haar gefasst und ich habe es natürlich gehasst.Ich bin froh, wird das heute thematisiert und zugleich frustriert, passiert es noch immer und sogar bei Erwachsenen in der Schweiz.

Auch das Angebot eines indischen Paares in Goa, mir für ein paar Rupien meine Schweizer Garnitur Kleider abzukaufen, wohl weil sie mich für ein Junkiekind hielten, war mir sehr unangenehm. Das Bewusstsein für die Grenzen der Kinder und ihr Recht darauf, vorurteilsfrei angesprochen zu werden und nein zu sagen.

Allseits frohe Ostertage!

Aufs Kinderbilderbuch!

3. April 2021

Mein Editorial im aktuellen Heft ist dem Kinderbilderbuch gewidmet, denn:

Der Kulturpessimismus mancher Kundinnen und Kunden gehörte für mich zum anstrengenden Teil des Beratungsgespräches in der Buchhandlung. Das Bilderbuch gab besonders häufig Anlass zur Feststellung, früher sei alles besser gewsen. Gegenüber jenem aus der eigenen Kindheit hatte jedes neue einen schweren Stand: zu dunkel, zu wirr – und warum dieses offene Ende? (…)

Aufs ganze Heft Schweizer Buchhandel 3/2021, das ich hier gern einmal als PDF publiziere, um treuen Mitlesenden einen Einblick in die Schweizer Buchbranche zu geben. Voilà!

SBH_03-21-Kinderbuch

Vorbilder finden

8. März 2021

In der Branchenzeitschrift „Schweizer Buchhandel“, deren Herausgeberin ich nun neu von Amtes wegen bin, schreibe ich jeweils das Editorial, was mich regelmässig vor Zerreissproben stellt. Dieses hier passt immerhin zum Tag.

Der SBVV wurde 1849 gegründet. Damals schrieb sich Bettina von Arnim beim preussischen König für Kommunisten, Freiheitskämpfer und den zum Tod verurteilten Dichter Gottfried Kinkel um Kopf und Kragen.

Clara Schumann gebar das vierte ihrer acht Kinder und bereitete den Umzug per Fuhrwerk von Dresden nach Düsseldorf vor. Ihre Hochbegabung als Pianistin liess sie beiseite, und ihren Drang zu komponieren setzte sie zugunsten der Interpretation, Dokumentation und Promotion der Werke ihres Gatten Robert Schumann ein, als deren Herausgeberin sie Zeit ihres Lebens fungierte. weiter…

Ein Lehr- und Wanderjahr

1. Januar 2021

2020 wird für mich ein lehrreiches Jahr der grossen Veränderungen bleiben. Meine Vorliebe für Transformationsprozesse hat mir viel geholfen: Im Lockdown in der Schule, bei der Stellensuche, beim Wechsel in eine andere Führungsposition und im Umgang mit Verlusten. Das Bild hier steht für die Krise, die ich letztendlich an Weihnachten doch noch hatte. Meine Nichte machte mit ihrem Vater einen Ausflug an den Murtensee, ich bekam diese Bild und noch eines von einem weissen Schwan. Und dann mochte ich grad ein paar Stunden überhaupt nicht(s) mehr.

Wir waren als Familie getrennt und sahen keinen Grund zum Feiern. Meine Mutter hatte gerade ihren Gartenanteil verloren und die wenigen Begegnungen weniger Personen galten der Räumung. Wie schon im Vor- und Vorvorjahr, war mein Sohn sehr stark mit der Pflege ausgelastet, er hatte für sich selber kaum Zeit, ein ZOOM musste reichen. Der Mann und ich sind beide mit Aufgaben betraut, die nicht aufhören, weil hier gerade Feiertage sind. Eine Nichte und ein Neffe befanden sich hintereinander in kantonsärztlich verordneter Quarantäne, eine Riesenherausforderung für die Eltern. Dazu bekamen wir regelmässig persönliche Weihnachtspost für unseren verstorbenen Freund, dessen Postfach zu uns umgeleitet wird und der so viele Bekannte in aller Welt hatte, dass es einfach nicht gelingen will, sie zu informieren. Wir sind nach drei Monaten noch immer daran, diese Gespräche zu führen und Briefe zu schreiben. Das nimmt mich mit.

Aber zu den guten Dingen: Meine Familie, meine Freundinnen und Freunde und ich sind gesund. weiter…

Geburtstäglicher Statusbericht

6. Dezember 2020

und ein paar Überlegungen zum Leben:

Bisher war ich immer eingebunden in ein Schuljahr, ein Buchjahr, ein Geschäftsjahr. Ich wusste ziemlich genau, was ich am 5. Januar, am 4. Juni und am 10. Oktober machen werde, ich war ein stabiler, um nicht zu sagen langweiliger Mensch mit einer vollen Agenda. Nun plane ich nicht mehr weit voraus. Ich führe einen der ältesten Verbände der Schweiz durch diese Corona-chaotische Zeit, ob das gut geht, weiss ich nicht, so wenig wie alles andere. Es ist fast noch einfacher geworden, sich in dieser Unplanbarkeit für das Wesentliche einzusetzen. Es zeigt sich nicht nur besser, auch ividuell unterschiedliche Reaktionen sind akzeptierter; mehr Fehlertoleranz, weniger Perfektionismus. Schuldzuweisungen sind natürlich omnipräsent, aber ich glaube, der Eindruck, es seinen mehr, täuscht. Es konzentriert sich bloss alles auf ein Thema, darum wird die Aggressivität augenfälliger, die vorher schon da war.

Viele haben dieses Jahr in ihrem Kreis schmerzlich erfahren, wie schnell gestorben wird, auch ich. Da rücken die Fragen nach dem, was wirklich wichtig ist, in den Vordergrund. Unsere Zeit ist endlich und mein Anliegen in der Sache nicht besonders originell: Ich möchte sie gut einsetzen. Geburtstage eignen sich, darüber zu reflektieren, wie. Heute habe ich mit dem Mann lange – und nicht zum ersten Mal – über mein schlechtes Gewissen diskutiert (oder gar gestritten?), weil ich so viele Privilegien habe. Selbst habe ich mich längst mit dieser Antriebsfeder angefreundet, sie hilft mir in absurden, kräftezehrenden und ungerechten Situationen, durchzuhalten. Aber fürs Umfeld ist es manchmal mühsam, wenn ich ständig so angespannt bin. Ich kann nichts versprechen, aber ich nehme mir für 52. Lebensjahr vor, entspannter zu werden und mehr Zeit in den feinen Badezusätzen und weichen Kissen zu verbringen, die ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Aber zuerst schreibe ich einen Brief an einen Freund im Strafvollzug und ein E-Mail an eine Journalistin, um sie vielleicht für eine Recherche dieses niederschmetternden Falls zu gewinnen. Und noch vorher feiere ich mit meinen Nächsten. Ungefähr so wird’s auch weitergehen, wenn ich Gesundheit und Elan habe, was ich allen rundum wünsche!

Fotos: vom Mann, entspannt.