Frauenstreik 2019: Statusmeldung

18. June 2019

Emotionen: Ich bin überwältigt und desillusioniert zugleich. Das vorherrschende Gefühl ist Dankbarkeit all den Frauen von Genf bis zum Bodensee, von Basel bis Bellinzona, die das überhaupt möglich gemacht haben. Organisieren, überzeugen, schreiben, verfassen, verhandeln, planen, fundraisen, beauftragen, nachfragen, beantworten, beschwichtigen, wiedererwägen, motivieren - nicht für eine Woche, sondern über Monate hinweg, Tag und Nacht. Mobilisierung braucht enorm viel Kraft und es bleibt bis zum Ereignis ungewiss, ob diese Energie je wieder zurückkommt. Über eine halbe Million Menschen waren am vergangenen Freitag auf der Strasse für Lohn, Zeit und Respekt für Frauen.

Drei Tage später bin ich ermattet von den blöden Sprüchen zum Streik, den ständigen Witzen auf Kosten der Frauen, den vielen Männern, die das zwar doof finden, aber schweigen. Was Coline de Senarclens “ridiculiser les organisatrices et les femmes en général” nennt und rhetorisch beeindruckend erklärt, dass wir uns davon nicht beirren lassen, geht genau das mir an die Nieren. Dennoch werde ich die Forderungen wiederholen, mithelfen, sie politisch und rechtlich zu erstreiten, die Kinder und Jugendlichen dazu anhalten, das Gleiche zu tun. Chancengleichheit in einem wohlhabenden, friedfertigen Land, in dem alle Menschen sich auf Augenhöhe und ohne Überheblichkeit und Vorverurtreilungen begegnen, das wäre meine Vision. Und ich wünschte mir letzte Tage hienieden, wo mir ein Jugendlicher mit violett lackierten Fingernägeln mal glucksend, mal weinend aus einem gedruckten Buch vorliest und eine Palliativmedizierin an meinem Bett ihr Baby stillt, während sie mich geduldig über die Stationen meines Ablebens informiert.

(Streiktagebuch folgt.)

Zum Weltbuchtag 2019

23. April 2019

Ordnen ist menschlich und Schubladisieren eine erprobte Methode, den Wirren des Lebens zu begegnen. Warum sympathisieren wir dann mit Charakteren, die alles durcheinanderbringen? Von Romeo und Julia über Effi Briest und Pippi Langstrumpf bis zu Pettersons Findus und Lorenz Paulis bösem Pferd – lauter Figuren, die anders sind, als die Erwartungen an sie.

Wo wir dichter beieinanderleben und uns gleichzeitig ständig bewegen, transformiert sich die Gesellschaft in Windeseile. Stereotype bieten keinen Schutz, sondern verzögern überlebenswichtige Entwicklungen. Zumindest die, die gerne lesen, haben das immer schon geahnt – oder ist es sogar umgekehrt?

Hier setzt die Wirkung von Buchhändlerinnen und Buchhändlern ein: Wider Stigmatisierung und Stagnation mit beherzten Gesprächen, couragierter Sortimentsgestaltung und mutiger Kundschaft. Der Welt zugeneigt und den Menschen, die uns in ihr begegnen.
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Zum internationalen Frauentag 2019

8. March 2019

Mein Tagebuchschreiben begann gleichzeitig mit dem Schreiben, das war noch vor der Schule. Ich mochte Jahrestage und verglich die Ereignisse mit buchhalterischer Akribie. Auch die UNO-Tage und -Jahre scheinen mich schon früh beeindruckt zu haben, jedenfalls notierte ich am 31.12.1979 eine Schlechtbehandlung durch meine Mutter “am letzten Tag des Jahrs des Kindes”. Dabei liess ich unerwähnt - wohl weil es mir damals gar nicht bewusst war - dass meine Mutter nur wenige Tage vorher meine Schwester geboren hatte und schon wieder den Haushalt schmiss, in einer zu klein gewordenen Dreizimmerwohnung mit ebensolchem Budget, dafür mit offener Tür fürs halbe Quartier.

Die Notiz kam mir bei der Suche nach Zeichen der frühen Kindheit in die Hände, über die ich mich neulich mit meiner gleichaltrigen Cousine länger unterhalten hatte. Ich las diese Nacht Breife und Tagebücher und suchte nach Fotos unserer ersten Jahre, von denen es gar nicht so viele gibt (das war eine Geldfrage damals). Wir hatten gesellschaftlich schlechte Prognosen bei unserem Start ins Leben um die Jahreswende 1969/70. Nicht einmal geheiratet waren unsere Mütter worden! Ein Vater bereits bei der nächsten, der andere auf dem Absprung nach Indien. Als Kinder wurden wir schräg angeschaut, weil wir den Namen unserer Mütter trugen, der eigentlich der Name unseres Grossvaters war, seinerseits ebenfalls ein Unehelicher. Köpfe wurden geschüttelt und Nasen gerümpft auf dem Dorfe. Und unsere Mütter? Sie arbeiteten. Am Tag für Geld, am Abend für den Haushalt und in der Nacht nähten, strickten und häkelten sie unsere Kleider, passende Ringelsocken inklusive. (Und in diesen Kleidern sehe ich auch heute noch das Rebellische meiner Mutter, sie machte es immer gern eine Tick anders, ein Muster mehr, ein Janis-Joplin-Schnitt beim Röckli, ein paar Bubenschuhe zu den Manchesterhosen.) Ob hippig oder heimeling, unsere Mütter überliessen ausser unserer Entstehung nichts dem Zufall. Sie förderten uns nach Kräften und schickten uns sogar je in eine Privatschule. Ich war von der ersten bis zur letzten Klasse in der Rudolf-Steiner-Schule, und meine Mutter spann und strickte sich für deren Basare die Finger wund. Natürlich färbte sie auch hunderte von Ostereiern für den Marktstand der Schule und nähte aus kostengünstigen Stoffresten die Kostüme für unsere Theateraufführungen. Sie arbeitete als Erzieherin und Bibliothekarin und sie las Berge von Büchern. Als sie die Volksbibliothek durchhatte, fuhr sie in der Unibibliothek fort. In den Neunzigern erschloss sie sich den Computer, in neuen Jahrtausend begann sie mit Bloggen, was sie bis heute tut. Meine Cousine und ich unterhalten uns oft darüber, wie viel wir unseren Müttern verdanken und schulden. Sie verlangen jedoch weder Dankbarkeit noch geben sie uns das Gefühl, in ihrer Schuld zu stehen. Sie wollen einfach, dass wir frei sind und für uns selber und die kommenden Generationen weiterkämpfen um den gerechten Anteil an Macht, Geld, Welt. Machen wir. Versprochen!

Cornelia und Tanja 1973 mit Grossvater Tanja und Cornelia 2019

Aufgeräumte Vorbilder

17. February 2019

Mit Tomi Ungerer hat mein letztes grosses Vorbild den Jordan überschritten (alle siehe oben im Banner-Header). Das ist noch schwer vorstellbar für mich, aber tut seiner Funktion als Modell in meinem Leben bestimmt keinen Abbruch. Wer seine Stimme und französisch-deutsch gemischte Sprache hören möchte, dem sei ein Gespräch ans Herz gelegt, das Claudia Dammann 2013 in Zürich, im Diogenes Verlag, mit ihm geführt hat. (Denen in Zeitnot empfehle ich Minute 18:00 bis 22:00 über Liebesallergie oder gar bis Minute 25:00 zu den Gründen fürs Kinderbuchmachen).

Ich habe die Gelegenheit genutzt, hier ein wenig aufzuräumen und die Links zu prüfen. Die Kategorie “CAS Schulleitung” ist aufgehoben - diese Weiterbildung schliesse ich am 15. März ab, ohne darüber Wesentliches gebloggt zu haben. Ansonsten bleibt alles beim Alten auf nja.ch.

Zum Jahreswechsel

6. December 2018

Da der allgemeingültige und mein persönlicher Jahreswechsel recht nah beieinanderliegen, kann ich ja gleich über beides nachdenken. Ich schwanke bei der Gelegenheit immer zwischen kategorischem Imperativ und emmentalerischer Dankbarkeit, wieder ein Jahr älter, noch immer gesund und doch bereit für das jüngste Gericht zu sein. Zudem habe ich jedes Mal, wenn eine neue Dekade im Anzug ist, das Bedürfnis, einen grösseren Schritt zu tun. Mit dreissig wollte ich unbedingt und erstmals im Leben ein Zimmer für mich allein (brauch ich nicht mehr), mit vierzig trat ich von allen Ehrenämtern zurück (netter Versuch) und auf mein Fünfzigstes hin kehre ich wohl wieder zurück zu den Wurzeln. Ich war immer eine Feministin. Weniger vorne auf der Demo, sondern eher die in der Delegation, die in den Achtzigern mit Architekten darüber stritt, warum beim Bau von Unterführung (Beleuchtung?) oder Parkplatz (Übersichtlichkeit?) oder der öffentlichen Toilette (wieder nur Pissoirs?), die Bedürfnisse der halben Bevölkerung ignoriert werden? Das immerhin ist erreicht, aber die Lohngleichheit, die Diversity in Firmen, Nein heisst Nein, die Verteilung der unbezahlten Arbeit und des Geldes – noch lang nicht erledigt.

Und weil ich damit rechne, dass die Nachkommen ein, zwei Generationen mit Populismus als relevante Kraft konfrontiert sein werden, investiere ich weiter in die politische Gegenbewegung. In die Sozialdemokratie und den Liberalismus als Begriff der Freiheit. Und damit meine ich nicht den blöden Spruch vom Glückes Schmied. Sondern die Unterstützung eines Selbstverständnisses, gerade von jungen Menschen aus aller Welt, das stabil aber nicht starr ist – das sich von Herkunft unabhängig zu machen vermag. Und die Förderung eines Zusammenlebens, wo sich die Freiheiten des einen und der anderen vielleicht harmonisch begegnen, aber ihre Grenzen ohne Unterdrückung oder gar Krieg aneinanderstossen. Ich weiss, wie schwierig das ist, denn mein Alltag fand noch nie in einer Blase statt, an manchen Tagen lasse ich so viele Federn, dass mich abends friert.

Seit ich denken kann, treibt mich das freie Wort um, die freie Presse – im Wissen um den hohen Preis, den so viele dafür zahlten und noch zahlen werden. Es wäre vermessen, zu glauben, ich könnte verhindern, dass Menschen (die niemand gewählt hat) durch Firmen ihre Macht über andere ausbauen, indem sie die Information okkupieren. Was ich aber tun kann, ist darauf hinzuweisen. Und mitzuhelfen, die freie Information zu fördern. Vielleicht sind das dereinst nur noch Bücher und Zeitschriften, die in Wohnstuben verlegt und in Hinterzimmern gedruckt werden. Es wäre ja nicht das erste Mal.

Frohe, lesereiche Adventszeit allerseits!