Woran erkennt man Herzblut?

26. August 2016

Es ist schon eine Weile her und ich hatte es fast vergessen, dass ich mich für “schulpraxis” zum Thema “Herzblut” habe äussern dürfen. Erst als ich letzte Woche plötzlich Reaktionen wie E-Mails, Schulterklopfen oder Emoticons erhielt, fiel es mir wieder ein. Das Gespräch mit der Journalistin verlief damals so normal und beschwingt, dass mir gar nicht bewusst wurde, dass das Lehrpersonen im ganzen Kanton lesen würden. Als Einstieg sollte ich erklären, weshalb Leute auf die Idee kamen, mich für das Thema Herzblut zum empfehlen? Eine simple Frage zwar, aber für mich gar nicht leicht zu beantworten. Sie hat mich in bester Weise nachdenklich gemacht, mir ist nämlich häufig unklar, woraus Menschen was schliessen. Aber ich bin natürlich dankbar dafür, einigen bei einem positiv besetzten Thema einzufallen.

Vom Kopftuch zum Nikab

21. August 2016

Heute habe ich in der “NZZ am Sonntag” ein treffendes Interview (auf Anmeldung online) mit britisch-muslimischen Feministin Huda Jawad (Website, Twitter) gelesen. Es ging wieder einmal um das Burka-, bzw. Nikab-Verbot, das als Volksinitiative “Ja zum Verhüllungsverbot” heisst.

Die Diskussion erinnert mich an die Kopftuchdebatte in den Jahren nach 9/11, als Frauen, welche zuvor ihre Haar nicht bedeckt hatten, mehr und mehr Kopftuch oder Hidschab zu tragen anfingen, was zu aggressiven Bemerkungen, mehr Berichterstattung oder gar Angriffen führte. Allerdings war das damals wirklich sichtbar und ein merklicher Unterschied im Quartier, während wir Burka und Nikab kaum je zu Gesicht bekommen in diesem Land. Aber dass Empörung alle Fakten vom Tisch wischt und die abstimmende Mehrheit bereit ist, Diskriminierung in die Verfassung aufzunehmen, haben wir ja mit dem Minarettverbot gelernt. Weil wir aber ein Diskriminierungsverbot kennen, hat das Initiativkomitee die Erwähnung der Ganzkörperverschleierung verschleiert (mehr dazu unter dem schon zitierten Link von humanrights.ch).

Im Grunde ist es einerlei, weil hier ein immerwährender Stellvertreterkampf um Werte und Regeln im Gange ist und Differenzierung ungefähr so mühsam wie die ganze vermaledeite Migrationsbewegung auf dieser ganzen blöden Welt, die nun endlich einmal rückwärts drehen soll. Bref: Wenn’s nicht die Verschleierung ist, ist es etwas anders, auf das man einfach mit dem Finger zeigen kann. Vorausschauend gegen Rückwärtssehnsucht zu gewinnen ist dieser Tage unmöglich, denn sowohl die gebräuchlichsten Medien wie Messages versagen hier den Dienst. Ausser es gelingt eine Gegenbewegung zu der eine Mehrheit lieber gehört, aber das braucht sehr, sehr viel Mumm, Logistik und Freiwillige.

Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass meine Meinung sich in den 12 Jahren nicht geändert hat, aber leider mein Mediengebrauch nicht mehr zeitgemäss ist. Zwar könnte ich ungefähr das Gleiche sagen wie damals an Weihnachten 2004, als in der Quartierzeitung ein Leserbrief von mir erschien, der mir unzählige Gespräche mit verschiedensten Menschen ermöglicht hat. Aber das dient nicht mehr, heute müsste ich mich anders und andernorts äussern, was mir nicht liegt, ich ertrage ja nicht einmal Facebook. So bleibt mir im Moment die eher bittere Erkenntnis, dass ich nicht viel mehr tun kann, als mich auf veralteten Kanälen wie hier oder im persönlichen Gespräch zu wiederholen.

Leserbrief Wolkenkratzer Dezember 2004

52. Seite

14. August 2016

Lesealbum 52. Seite

Lektüre: Dimiter Inkiow, Ich und meine Schwester Klara
Gelesen am 13. August 2016 im Bethlehemacker, Bern

Die Leserin wird übermorgen 10 Jahre alt und hat sich zum Geburtstag eine Nacht unter freiem Himmel gewünscht. Einen guten Schulanfang allerseits!

Could she win?

28. July 2016

Meine Freundinnen wissen es, weil sie’s oft genug anhören müssen: Bei mir will einfach keine richtige Hoffnung aufkommen, dass Hillary Clinton die erste amerikanische Präsidentin wird. Ich halte sie für eine sehr fähige Politikerin und im Gegensatz zu vielen auch für glaubwürdig. Ich habe im Laufe der Zeit einiges von ihr und über sie gelesen und heute Abend wieder einmal ein paar Stunden Videos und Radiosendungen gehört, in denen sie sich über die Jahre hin geäussert hat. Sie argumentiert vor allem in innenpolitischen, sozialen Fragen stringenter als die meisten. Was andere ihr als Opportunismus auslegen, sehe ich eher als etwas misslungene Anpassung an die Backlashes, von denen die globale Welt heimgesucht wird. Den Umgang damit müssen alle Fortschrittlichen üben. Vor acht Jahren habe ich schweren Herzens eine Wette auf ihre Nicht-Nomination gewonnen, allerdings hätte ich dabei nie gedacht, dass ihr gerade Obama den Rang ablaufen würde.

Ich kenne die USA nur ein wenig. Ich habe das Land zwar mehrmals bereist (auch Flyover States) und zweimal in Behindertenheimen da gearbeitet (immer ländlich, einmal New York State, einmal Minnesota), es ist jedoch viel zu gross und zu verschieden, als dass ich es je erfassen könnte. Die Kontakte zu den Menschen haben mich viel gelehrt - eben auch, dass man in diesem Einwanderungsland nicht agnostischen, gescheiten Frauen vertraut. Als Schweizerin ist mir zudem die Situation geläufig, in der alles von der Mobilisierung abhängt und mehr als 50% für die anderen genügen, um Kamikaze-Entscheidungen zu fällen, die alle zurückwerfen. Den tiefen Graben - oder eher die klaffende Wunde - zwischen denen, die verlieren oder zu verlieren glauben und denen, die optimistisch in die Zukunft blicken, kenne ich ebenfalls aus vielen Jahren Politik in der Peripherie. In der Stadt wählen erstere wenig, sie sind nicht aktiv, in ländlicher Gegend hingegen sind sie häufig die einzige politische Kraft. Und Hillary Clinton vereint alles, was sie seit jeher hassen. Zudem lässt sich auf sie projizieren, was sie fürchten. Das bringt Mobilisierung für Trump in den Swingstates. weiter…

Eine feierliche Woche

7. July 2016

Vom 28. Juni bis am 1. Juli haben wir unsere Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger gefeiert.

Die erste Schlussfeier war die der Buchhändlerinnen und Buchhändler. Ich organisiere diesen Anlass mithilfe von ein, zwei Kolleginnen und Kollegen. Das Fundraising mitgerechnet beschäftigt er mich über sieben Monate des Jahres regelmässig und im achten intensiv. Heuer hat Meral Kureyshi gelesen, der trotz der Ernsthaftigkeit ihres berührenden Textes witzigen Interaktionen mit dem Publikum gelungen sind. Jedes Mal denke ich, wie schön und gut es ist, dass wir diese Feier in - für unsere kleine Branche - opulenter Form ausrichten. (Das denke ich natürlich erst danach.)

Die Schlussfeierlichkeiten waren für mich in zweierlei Hinsicht besonders: Die Buchhandelsfeier mache ich nun schon eine ganze Dekade, das heisst zehn Reden, zehn Lesungen, zwanzig verabschiedete Klassen. Zudem habe ich dieses Jahr an allen Anlässen unserer Schule teilgenommen. Meine Kollegen bei den Kaufleuten haben neue Abläufe ausprobiert, die mich interessierten. (Bei solchen Feierlichkeiten muss man immer auch das Publikum im Blick haben, welches wegen einer Person kommt und nicht endlos Geduld für alle anderen hat.) Bei den Drogistinnen wollte ich gern dabei sein, weil mein langjähriger Kollege Abteilungsleiter in die Pension verabschiedet worden ist, unter anderem vom Jodelklub Spiez, in dem eine frisch diplomierte Drogistin Solistin war.

Den Schlusspunkt setzten meine Fachleute Kundendialog. Deren Feier wird mehrheitlich vom Trägerverband organisiert und findet deshalb in Zürich statt, dieses Mal waren wir im imposanten Technopark. In bester Stimmung wurde rundherum gedankt. Und ich fiel aus allen Wolken, als die jungen Leute auch mir dankten - ich unterrichte sie gar nicht und sie haben mit mir fast nur zu tun, wenn es Ärger gibt oder etwas Unangenehmes geschehen ist. Eine Absolventin hat “Time of my life” gesungen und was passt besser als ein “Final Dance”? Es war einfach hin- und mitreissend. Das Publikum beherrschte den Refrain zum Teil erstaunlich gut und selbst die vom Ramandan etwas geschwächten Verwandten wippten fröhlich.

Für mich war’s ein anstrengendes und streckenweise konfliktreiches, manchmal gar trauriges Schuljahr. Aber es ist alles gut geworden und in Erinnerung bleibt ein friedlicher, lustiger Abschluss. Gaudeamus igitur!

Stimmung Schlussfeier Buchhandel 2016