10x Standortbestimmung

20. September 2016
  • Ich lese Fiction: Imbolo Mbue, Behold The Dreamers
  • Ich lese Non-Fiction: Münkler, Die neuen Deutschen
  • Ich lese Bilder: American Realities
  • Ich verkaufe: Lehrberufe an der BAM.
  • Ich telefoniere: Weil “meine” Berufe jüngst in der Presse waren, tauchen neue Fragen zur Buchhändlerin und zur Fachfrau Kundendialog auf.
  • Ich redigiere: Die neuste Nummer vom Pegasus, die bald fertig ist.
  • Ich plane: Zusammen mit anderen ein grosses Jubiläumsfest für unsere Schule am 1. April 2017.
  • Ich schenke: Lists of Note und bestelle für mich selber auch noch ein Exemplar.
  • Ich esse: Im Flug.
  • Ich entscheide: Noch nicht.
  • 9/11 mit Abschiedsliedern

    11. September 2016

    Ich führe zu viele Jahrestage in meinem Kalender und überlege zu oft, was man zu welchem thematisieren könnte. Das liegt am Beruf, jedenfalls an der Art Buchhandel, wie ich sie mal gelernt habe (vor Internet und Totalglobal). Es war damals relevant für Umsatz und Ruf, ob eine Buchhändlerin die an dem Tag verlangten Titel bereit hatte und das Schaufenster mit den dann erscheinenden Presseartikel korrespondierte.

    9/11 ist ja für die meisten hier Mitlesenden mit vielen Erinnerungen verbunden. Ich habe beispielsweise bis heute einen Ordner mit Favoriten, den ich mir dazumal für Recherchen und Nachrichten zum Thema angelegt hatte. Angehende Buchhändlerinnen kennen 9/11 nur vom Hörensagen - die Jüngsten von ihnen kamen dann gerade erst zur Welt. Für sie sind Krieg im nahen Osten und Islamdebatte keine Entwicklung, sondern ein Dauerzustand. Und punkto Terroranschläge sind ihnen die neusten in Europa zeitlich und geografisch näher. Bücher zum Thema, die sich wirklich verkaufen, betreffen den IS und die Menschen, die ihm folgen.

    Dieses Wochenende voll mit Quartierfesten, einem autofreien Sonntag und vielen fröhlichen Menschen auf der Strasse habe ich oft an den Tag vor 15 Jahren in New York gedacht. Wie viele Seiten haben wir alle, die wir damals schon lebten, über diesen Anschlag gelesen, wie viele fallende Türme und Menschen gesehen? Wie oft über Ursache und Wirkung debattiert? Wenn ich nur hier vom Notebook aus kurz den Blick hebe, fällt er genau auf Ahmed Rashids “Taliban”. Ich frage mich: Wäre das heute auch noch so? Das Verfalldatum von Nachrichten erscheint mir inzwischen so kurz und Medienleute von heute werden anderen Bedürfnissen gerecht als solchen nach umfassenden Recherchen. Nach dem furchtbaren Erdbeben in Italien bekamen wir stündlich die Opferzahlen auf den Bildschirm geliefert aber am Ende musste ich selber herausfinden, ob alle geborgen werden konnten oder immer noch Menschen vermisst sind.

    Back to New York: Das Beste und bis heute Passendste zum Jahrestag habe ich bei Jon Carroll vom San Francisco Chronicle (seit 2015 pensioniert) gelesen. Er schrieb am 11. September 2002: The Ax Falls, And It Falls Again.

    And back to Italy: Die Musik der Grikos, die samstags am Strassenfest gespielt wurde, passte gut. Sie hilft, mit der Unsicherheit zu leben.

    Andra Mou Pei, melancholisch.
    Kalinifta, fröhlicher, als man zuerst meinen könnte.

    Pizzica Pizzica

    Wochenende in drei Bildern

    28. August 2016

    Fussballtournier

    Am Samstagmorgen war ich als Groupie von Bümpliz 78 auf der Bodenweid, wo unter vielen anderen Jungs und Mädels mein Neffe ein Fussballtournier bestritt. Wir haben das Heimspiel gewonnen.

    Säbeli Bum und Lorrainechilbli

    Am Nachmittag ging ich in die Lorraine an die Chilbi und ins Lorrainebad, wo die Bühne von Säbeli Bum stand. Und in die Aare natürlich.

    Schwiegerfamilientag

    Sonntag hatten wir (Schwieger-)Familientag, an welchem wir durch die Verenaschlucht mit Halt in der Einsiedelei zum Restaurant spazierten.

    Woran erkennt man Herzblut?

    26. August 2016

    Es ist schon eine Weile her und ich hatte es fast vergessen, dass ich mich für “schulpraxis” zum Thema “Herzblut” habe äussern dürfen. Erst als ich letzte Woche plötzlich Reaktionen wie E-Mails, Schulterklopfen oder Emoticons erhielt, fiel es mir wieder ein. Das Gespräch mit der Journalistin verlief damals so normal und beschwingt, dass mir gar nicht bewusst wurde, dass das Lehrpersonen im ganzen Kanton lesen würden. Als Einstieg sollte ich erklären, weshalb Leute auf die Idee kamen, mich für das Thema Herzblut zum empfehlen? Eine simple Frage zwar, aber für mich gar nicht leicht zu beantworten. Sie hat mich in bester Weise nachdenklich gemacht. Mir ist nämlich häufig unklar, woraus Menschen was schliessen. Aber ich bin natürlich dankbar dafür, einigen bei einem positiv besetzten Thema einzufallen.

    Vom Kopftuch zum Nikab

    21. August 2016

    Heute habe ich in der “NZZ am Sonntag” ein treffendes Interview (auf Anmeldung online) mit britisch-muslimischen Feministin Huda Jawad (Website, Twitter) gelesen. Es ging wieder einmal um das Burka-, bzw. Nikab-Verbot, das als Volksinitiative “Ja zum Verhüllungsverbot” heisst.

    Die Diskussion erinnert mich an die Kopftuchdebatte in den Jahren nach 9/11, als Frauen, welche zuvor ihre Haar nicht bedeckt hatten, mehr und mehr Kopftuch oder Hidschab zu tragen anfingen, was zu aggressiven Bemerkungen, mehr Berichterstattung oder gar Angriffen führte. Allerdings war das damals wirklich sichtbar und ein merklicher Unterschied im Quartier, während wir Burka und Nikab kaum je zu Gesicht bekommen in diesem Land. Aber dass Empörung alle Fakten vom Tisch wischt und die abstimmende Mehrheit bereit ist, Diskriminierung in die Verfassung aufzunehmen, haben wir ja mit dem Minarettverbot gelernt. Weil wir aber ein Diskriminierungsverbot kennen, hat das Initiativkomitee die Erwähnung der Ganzkörperverschleierung verschleiert (mehr dazu unter dem schon zitierten Link von humanrights.ch).

    Im Grunde ist es einerlei, weil hier ein immerwährender Stellvertreterkampf um Werte und Regeln im Gange ist und Differenzierung ungefähr so mühsam wie die ganze vermaledeite Migrationsbewegung auf dieser ganzen blöden Welt, die nun endlich einmal rückwärts drehen soll. Bref: Wenn’s nicht die Verschleierung ist, ist es etwas anders, auf das man einfach mit dem Finger zeigen kann. Vorausschauend gegen Rückwärtssehnsucht zu gewinnen ist dieser Tage unmöglich, denn sowohl die gebräuchlichsten Medien wie Messages versagen hier den Dienst. Ausser es gelingt eine Gegenbewegung zu der eine Mehrheit lieber gehört, aber das braucht sehr, sehr viel Mumm, Logistik und Freiwillige.

    Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass meine Meinung sich in den 12 Jahren nicht geändert hat, aber leider mein Mediengebrauch nicht mehr zeitgemäss ist. Zwar könnte ich ungefähr das Gleiche sagen wie damals an Weihnachten 2004, als in der Quartierzeitung ein Leserbrief von mir erschien, der mir unzählige Gespräche mit verschiedensten Menschen ermöglicht hat. Aber das dient nicht mehr, heute müsste ich mich anders und andernorts äussern, was mir nicht liegt, ich ertrage ja nicht einmal Facebook. So bleibt mir im Moment die eher bittere Erkenntnis, dass ich nicht viel mehr tun kann, als mich auf veralteten Kanälen wie hier oder im persönlichen Gespräch zu wiederholen.

    Leserbrief Wolkenkratzer Dezember 2004