Ein Abend,

Abwarten. Infoabend 2007.
an welchem ich die Lehrmeisterinnen Ausbildungsverantwortlichen begrüsst habe. Es war das erste Jahr so ganz richtig mein eigenes Programm. Ohne ein kleines Lifting unserer Website mit aktuellen Bildern konnte ich nicht antreten, dafür die angemessene Dekoration des Treppenaufgangs dem Chef delegieren.
Es sind wirklich viele gekommen, über fünfzig Leute: Lernende (weil sie ja darüber erzählt haben, wie es ist, eine Art Sonderfall zu sein), Kolleginnen und Kollegen (weil ich wirklich intensiv darum gebeten habe) und eben die, die ausbilden (freiwillig, sogar aus dem Wallis).
Für mich war es ein guter und ein schöner Abend, aber was kann ich dazu schon sagen? Nach solchen Anlässen müsste man einfach viele, viele Antennen in der Buchhandelswelt draussen haben. Doch mit Gossip hat sich Schulz von Thun leider nicht befasst.
Gute Nacht, vernachlässigtes virtuelles Leben.

Die Schule der Frauen

Iris Radisch
Die Schule der Frauen
Wir wir die Familie neu erfinden
DVA 2007
978-3-421-04258-3

Ich habe einiges auf mindestens drei Kinder-Küche-Karriere-Schlagzeile zum heutigen Tage gesetzt und gewonnen. Es gibt ja wirklich und wahrhaftig kein anderes Frauenthema mehr als die drei Positionen:
1. Kinder sind Erfüllung, Hausfrau zu sein ist wunderbar und wertvoll.
2. Kinder tut man sich nicht an, Erfüllung geht ohne besser.
3. Beides ist vereinbar.
Nach drei Tagen Presse um Eva Hermanns hohen Besuch in Bern, kann ich Nr. 1 abhaken (Klammer dazu folgt), für Nr. 2 ist der Zug schon länger abgefahren. Andere Frauenthemen haben entweder einen eigenen UNO-Tag oder eh’ keine Chance mehr, und so bleibt mir nur noch Nr. 3 übrig, um meinen langweiligen Alltag mit unlösbaren Problemen zu beleben.
(Eben, Eva Hermann: Ich meide bekanntlich Kritik an Frauen in der Öffentlichkeit. Aber ganz eingeklammert frag ich mich doch, ob es nicht eventuell eine effizientere Methode für intellektuelle, motivierte Schwestern gegeben hätte, sich mit den Konservativen anzulegen? Eine Opportunistin auszupfeifen, die von Berufs wegen rhetorisch gut und stoisch gelassen wiederzugeben vermag, was andere für sie aufgeschrieben haben – bringt das wirklich den gewünschten aufrüttelnden Eklat? Die Pro Libertate-Senioren – mit Radau überzeugt? Mmh.)
Und so habe ich gestern Nacht zu Position 3 dieses Buch gelesen. Dank geht wieder einmal an Liisa, ohne die ich nicht über meinen missgünstigen Schatten gesprungen wäre. Iris Radisch vertritt in ihrem Buch auch Eva Hermanns Ghostwriters Verlag PR-Beraters Eva Hermanns Meinung, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Märchen ist, welches ausser zum Herumerzählen nicht viel taugt. Aber dann ist es mit der Ähnlichkeit zum Glück vorbei.
Radisch begründet nicht mit der Biologie und ihre Lösung ist keine pfannenfertige. Sie macht mit spitzer Feder ein paar Kleinigkeiten klar, die in letzter Zeit unterzugehen drohen. Zum Beispiel, dass im Wesentlichen die Pille Schuld ist am Geburtenrückgang, dass nicht so verdammt viele Männer gerne mehr im Haushalt tätig wären (wenn sie nur könnten), dass ein Elternteil an einem Arbeitstag höchstens drei von 24 Stunden für ein Kind aufwänden kann und dass 98 von 100 Alleinerziehenden Mütter sind und sich die Mehrheit der Väter nur sehr begrenzt für die abgelegte Brut interessiert.
Wie gesagt, die Lösung präsentiert sie nicht. Aber es ist ein Plädoyer dafür, dass die Frauen das Tempo drosseln. Wir haben in kurzer Zeit den männlichen Part gelernt, etliche Fortsetzungsfamilien mit unübersichtlicher Verwandtschaft gemanagt, dem Mann vielleicht nicht mehr gerade das grösste Stück Fleisch aber immer wieder gnädig das jüngste Stück Frau zugestanden und jede Kinderkrankheit im Büro oder im eigenen Haus mit einem ermunternden Lächeln auf den Lippen ausgebadet. Radisch plädiert für mehr Partnerschaft. Für die Familien-Lobby, die neue Rollen erstreitet und nicht alte zementiert.
Ich habe das Buch gerne gelesen, weil es witzig ist, weil sie wunderbare literarische Bespiele benutzt und weil sie gut schreiben kann. Doch ihre Forderungen waren furchtbar enttäuschend; so vertraut und gewöhnlich. Vielleicht ist das ja das Zeichen für ihre Realisierbarkeit.
Na dann, auf einen neuen Versuch.

Heute gedacht

Die Bloggerinnen kommen, EMMA 3/4 2007
Heute habe ich die neue EMMA aufgeschlagen und daraus hat überraschend Lyssa rausgeschaut. Der Artikel „Die Bloggerinnen kommen“ gibt Einblick in die Bloggerei und speziell die von Frauen. Die gezogenen Schlüsse werden Leserinnen wohl widersprüchlich finden, was bei diesem Thema schon mal ein guter Ansatz ist.
Interessant war, dass es offenbar über die Studie der Ruhr-Uni Bochum hinaus ein Thema ist, wie Frauen und wie Männer bloggen. Für mich persönlich ist Bloggen eher ein Gender-Ding. Wer schreibt wie ein Mann, ist ein Mann, wer schreibt wie eine Frau, ist eine Frau. Ich bin öfter mit meiner – ebenfalls bloggenden – Mutter über das Geschlecht eines neuen Blogs uneinig, was zu nachhaltigen Debatten führen kann, obwohl Beweise natürlich in aller Regel ausbleiben.
Lyssa wurde – Kollateralschaden der meisten Frauenerfolge – derart angegriffen, dass sie sich zu folgedem Urteil gezwungen sah:

Männer bloggen einfach lauter, aggressiver. Immer nach der Devise; viel Feind, viel Ehr.

(Ich hoffe, EMMA habe sie im Gegensatz zur Süddeutschen richtig zitiert.)
Ich bin wie gesagt nicht besonders sattelfest in Sachen Geschlechtsmerkmale im Internet. Doch wenn ich mir die Häme in Erinnerung rufe, die Lanu (von der ich jetzt einfach mal annehme, dass sie eine Frau ist) in der Dotcomtodgeschichte entgegenschlug, so scheint mir Lyssas Urteil nachvollziehbar. Die damaligen Entgleisungen wirkten auf mich ähnlich und männlich, aber eben www-männlich. Vielleicht bräuchte ich neben „Sex“ und „Gender“ auch noch ein „Virtual“, weil im Netz sowohl biolgoisches wie gefühltes Geschlecht nach Bedarf geändert und vom User verschieden gelesen werden kann.
Übringens ist diese EMMA auch sonst die Lektüre wert, besonders die heroische Titelgschichte über Ségolène Royal und die beiden Essays über die Kinderfrage von Iris Radisch („Der Preis war zu hoch“) und Annette Antons („Mein Leben als Mann“).

Heute gemacht

Heute war ich mit dem 1. Lehrjahr im Schweizer Buchzentrum. Zum Glück hat es nicht geregnet. (Das klingt nach Schulaufsatz. Aber wer mal mit einer Meute junger Leute in abgelatschten Turnschuhen, Ballerinas und Stiefeletten durch die Pfützen der Gewerbezone Hägendorfs gelaufen ist und dann immer noch einen einigermassen guten Eindruck beim Gastgeber hinterlassen wollte, hat vielleicht Verständnis.)
BZ-Besuch im März 2007
Es war eine gute Exkursion mit einem ansehnlichen Programm. Doch es gibt noch viel Arbeit zu tun. Ich habe Vierergruppen für ein Thema eingeteilt, weil es unmöglich ist, im ersten Lehrjahr mehrere Stunden mitzuschreiben. Diese Gruppen werden je ein Thema erarbeiten und der übrigen Klasse vermitteln. Damit ich die Entwürfe der Schülerinnen einigermassen kompetent korrigieren und nachher gutes Material daraus generieren kann, musste ich mir den ganzen Nachmittag alles – von Organigramm über Datenbanken bis zur Materialflussrechnung – seriös notieren. Das sind die Momente, in denen ich um jede Stunde Berufserfahrung froh bin und wirklich nicht mehr jung sein möchte.

ja, ja, die Buchpreisbindung

Schon heute Morgen um 7:23 Uhr hat sich eine kleine Buchhandlung bei mir schriftlich und offiziell erkundigt, ob sie überhaupt noch einen neuen Lehrling nehmen soll? Und meine Mailbox quoll den ganzen Tag über vor Google-Alerts. Der Bundesgerichtsentscheid hat offensichtlich sämtliche meiner Buchhandelsstichworte bedient.
Mündliche Anfragen, Bitten und Beileidsbekundungen von allen Seiten, vom Chef bis zum IT-Support, von der Gewerkschaft bis zur Politikerin.
Das ist ja schon nett. Aber ich bin nicht gefährdet, danke. Und nein, ich möchte nicht darüber bloggen. Denn bei meinen Blog-Themen verfolge ich das Prinzip „Berichtigung und Originalität“. Wenn etwas grundfalsch kommuniziert wird – beispielsweise über den Buchmarkt – dann korrigiere ich das. Sonst schreibe ich nur zum Thema, was sonst niemand schreibt oder über Aspekte des Buchhandels, die allgemein zu kurz kommen.
Seit längerer Zeit habe ich der Berichterstattung nichts hinzuzufügen und – aufs Ganze gesehen – auch nichts daran auszusetzen. Die Branchenverbände waren dank Argumentationsnotstand in den letzten Jahren gezwungen, mehr Daten zum Buchhandel zu erheben und auszuwerten, und die Presse hat nun wirklich genügend Gelegenheit gehabt, Liberalisierungs-Kommentare zu üben. Diese beiden Faktoren ergänzten sich glänzend und verhindern, was noch bis vor einem Jahr üblich war: dass jeder mikroskopische Kurzschluss zur Buchpreisbindung in fetten Lettern erschien, weil „Bücher zu teuer!“ dem Publikum ja stets gefällt und der Sohn des Preisüberwachers so gern bei Amazon bestellt, im Fall.
Deswegen ist von meiner Seite nichts als Redundanz zu erwarten: Liberalisierung ist immer eine Frage der Alternative. Nachhaltigkeit hängt immer an Prognosen und die sind mangels lesbarer Kristallkugeln regelmässig falsch.
Viel wichtiger als meine Meinung sind die guten Buchhandlungen, die hier und jetzt ihr Überlebenskonzept anpassen müssen. Ich persönlich kenne so viele ausgezeichnete Buchhändlerinnen, die nicht nur auf dem neusten Stand sondern auch so realistisch, clever, einsatz-, leistungs- und lernfähig sind, dass sie die Wende ohne fixe Buchpreise sicher schaffen könnten. Die Frage ist nur, ob sie noch möchten.
Denn Bücher schreiben, Bücher machen und Bücher verkaufen ist nicht in erster Linie Sache des Geldes, sondern des Willens. Meine nachhaltige Prognose ist, dass das so bleibt.
[History.]

A Long Way Down

Nick Hornby, A Long Way Down
Nick Hornby,
A Long Way Down
Knaur (TB) 2006
978-3-426-61536-2

Also, es ist nicht so, dass Nick Hornby irgendwie mein Lieblingsautor wäre. Er schreibt mir halt ab und zu ein Buch, welches ich dann schlecht ablehnen kann, oder? Dass ich eine Schwäche für den Perspektivewechsel habe, ist ja nichts Neues. Und wenn das jemand so richtig gut kann, dann lese ich den halt. In diesem Buch hier haben sich vier angehende Selbstmörder auf dem Hochhausdach getroffen. Aber da sie nun einander begegnet sind, können sie sich ebensogut ein wenig Aufschub gewähren vom Sprung. Sie sind ein Musiker, ein Moderator, eine Mutter und eine Teenagerin – und alle irgendwie gescheitert, aber noch nicht ganz fertig damit. Und weil die je ihre Geschichte erzählen, also auch was sie denken, kriegt man mit, dass sie ein ähnliches Problem haben. Eigentlich ein Gewichtungsproblem. Sie wissen alle nicht, wie das, was sie sagen oder machen auf andere wirkt und wie stark. Und auch nicht, was aus ihrem Leben sie hervorheben und was sie verschweige sollen. Und deswegen ist es ja auch ein Hornby-Buch, weil der das kennt mit seinem autistischen Sohn. Weil der ein anderes Leben lebt. Er muss die gewöhnlichen Leben ausblenden, um sich mit einem Autistenleben rumzuschlagen. Kein Wunder also, dass er wieder einmal die erzählen lässt, die keine Vorstellung mehr haben, wie das normale Leben gehen könnte, wie man richtig redet und handelt. Deswegen passt das ja eben auch für mich. Also nicht, dass ich vom Hochhaus springen möchte, obwohl ich wirklich genügend Gelegenheit dazu hätte, drei Schritte nach vorn und einen nach oben und futsch wär’ ich. Nein, nicht deswegen.
„A Long Way Down“ weiterlesen

(Between) Business Lunch

Lunch one

Ich weiss nicht, wie andere Zusammenlebende das machen, ob sie nun Familien mit oder ohne Kinder, ob sie nun gleichen oder ungleichen Geschlechts sind: sie müssen sich regelmässig treffen und keine Bediensteten der Welt können ihnen das abnehmen. Denn Entfremdung führt zu Problemen, die erst mitgekriegt werden, wenn sie schon riesig sind. Eine geschätze Politikerin und äusserst vernünftige Frau hat mir erzählt, wie sie eines Abends früher nach Hause gekommen ist, ihre Familie einmal nicht aus dem Nach-Sitzungs-Blickwinkel angeschaut hat und feststellen musste, dass ihre Tochter klapperdürr war. Es war ihr nie zuvor aufgefallen, denn es war doch alles so gut organisiert.
Jetzt werden die meisten seufzen, dass ihnen das nicht passieren kann, dass sie es bemerken würden, wenn ihre Kinder, Partner wer-auch-immer, mager- oder sport- oder alkoholsüchtig wären und dieses Gefühl ist wunderbar und soll genossen werden. Meine leisen Zweifel sind es, die mich die Famlientermine gleichwertig mit allen anderen in die Agenda eintragen lassen.
Und einmal die Woche schaffen wir sogar einen Lunch und sehen uns mitten am hellichten Tag. Und weniger als zu zweit waren wir drei dabei noch nie.

Lunch two