gehe ich zeitig und zusammen mit dem passenden Buch ins Bett:
staat
sex
amen
Die 81 Sprachbeobachtungen von Beat Gloor (Titel dieses Beitrags ist eine von ihm). Denn man sollte einfach auch das Gute sehen bloggen.
Autor: Tanja
französische Zustände
In der Sonntags-, Alltags- und Wochenpresse (besp. dem heutigen SPIEGEL) habe ich gelesen, dass Arnaud Lagardère seine Journalisten entlässt, wenn deren Äusserungen nicht mit dem gefühlten Bild des neuen Präsidenten korrespondieren. Ob’s nun um einen Schnappschuss von Cécilias Lover ging oder darum, dass sie die Wahl schwänzte: Dass in Frankreich italiensiche – oder gar russische! – Zustände denkbar wären, war der hiesigen Presse einige Meldungen und sogar ein paar entsetzte Analysen wert.
Ich habe 2003 zusammen mit unserer Französischlehrerin eine damals gut recherchierte Liste erstellt, mit der wir den Schülerinnen darlegen wollten, dass weit über die Hälfte des französischen Verlagsumsatzes von Lagardère-Töchtern erwirtschaftet wird (durch EU-Eingreifen im selben Jahr hat sich das dann wieder geändert). Leider ist es uns damals nicht gelungen, auch noch alle Printmedien und TV-Sender zuverlässig zuzuordnen.
Wenn ein französischer Politiker also mit diesem Giga-Unternehmen Kollateralschäden und -nutzen teilt (Lagardère macht Flugzeuge und musste in PR-mässig schlechten Phasen auch schon mühsame Fragen zur Rüstung beantworten), hat er den Grossteil seiner ohnehin beschränkten politischen Freiheit eingebüsst.
Ich bin daher erstaunt zu lesen, diese Vorkommnisse demonstirerten Sarkozys Macht. Wie erbärmlich muss der Wirkungskreis eines Politikers sein, wenn er schon vor Amtsantritt vor einem Medienerben die Hose runterlassen muss, um ein paar Spazierfotos und eine Information aus dem öffentlich zugänglichen Wahlregister zu verhindern? Und dies offensichtlich ohne Erfolg und obwohl er im Moment zu den besten Pferden im Verlagsstall gehört. Denn die XO Editions, bei denen Sarkos Bestseller „Ensemble“ erschienen ist, sind selbstverständlich Lagardères Töchter. (Auch Max Gallo, der meine Favoritenliste der Wahlkommentare anführt, ist im Moment in XOs Werbe-Gnaden. Gallos Statement zu Sarko: „Er ist der Nation dankbar, er ist stolz, Franzose zu sein. Und vielleicht ist es letztlich wichtiger für die Zukunft unseres Landes, dass ein Immigrantenkind Präsdident geworden ist als eine Frau.“)
Viel mehr als an einen Mächtigen erinnert mich Sarko an Heines „Ein Haar in der Milch“. Das ist aus den Briefen, die Heine aus Frankreich schrieb und die unter dem Titel „Über die französische Bühne“ meines Wissens schon im 19. Jahrhundert veröffentlicht worden sind:
Frankreich ist das Land des Materialismus, er bekundet sich in allen Erscheinungen des hiesigen Lebens. Täglich steigert sich meine Angst über die Krisen, die dieser soziale Zustand Frankreichs hervorbringen kann. Wenn die Franzosen nur im Mindesten an die Zukunft dächten, könnten sie auch keinen Augenblick mit Ruhe ihres Daseins froh werden.
Und wirklich freuen sie sich dessen nie mit Ruhe. Sie sitzen nicht gemächlich am Bankette ihres Lebens, sondern sie verschlucken dort eilig die holdesten Gerichte und stürzen den süssen Trank hastig in den Schlund und können sich dem Genusse nie in Ruhe gewahr werden.
(Bemerkung für Nicht-Heine-Leser: Heine liebte Frankreich. Und Heine schrieb über Deutschland oder England auch nicht freundlicher. Nur anders.)
Aus dem Reisenotizbuch [3]

Aus dem Fotonotizbuch: Aufnahme vom 6. April 2007.
Mit Brücken verbindet mich eine Hassliebe. Ich mag die Leere darunter nicht. Ich verabscheue sie als Reiseziel für Lebensmüde. Aber ich bewundere die Architektur, denn die Brücke als Bauwerk ist immer und überall eine Herausforderung.
Und ich liebe ihren Ton.
Jede Brücke klingt anders.
Happy Birthday GGB.
Maaam…?
Kind:
… hast du mir ‚was mitgebracht?
Mutter:
Ja.
Kind:
Was?
Mutter:
Ein Buch.
Kind:
Oh. Ein Buch.
Mutter:
Ja. Es ist neu und ich dachte es passt zu dir.
Kind:
Ahaa.
Mutter:
Komm schon, ich zeig’s dir.
Kind:
Also halt.
Mutter:
Hier. Mich haben schon die ersten Seiten gepackt, es geht darum, dass jemand versucht – man weiss nicht wer – einen Jugendlichen als labil hinzustellen. Ein sehr fieser Anfang. Aber du brauchst es ja nicht jetzt zu lesen. Ich leg’s hier hin.
Kind [eine halbe Stunde später]:
Das ist ja wirklich mega-neu. Die CD die der hier kauft, ist erst vor einem halben Jahr erschienen!
Kind [kurz vor Mitternacht]:
Fertig! Uff!
Mutter:
Und – ?
Kind:
Sehr gut.

Natürlich ist Leseförderung nicht immer so einfach. Doch ich habe fünf goldene Regeln, die ich im Laufe der Jahre bei veschiedenen Kindern angewendet und als Buchhändlerin oft weiter empfohlen habe. Viele haben mir zurückgemeldet, dass es ganz gut funktioniert:

Criss-Cross
(Meine Schonzeit hat geholfen, der Arm hat sich freundlicherweise wieder zu meinem übrigen Körper gesellt und braucht nicht länger betäubt zu werden. Auf Auffahrt hin muss ich immer besonders tipp-fit sein, denn da schreibe ich alle mündlichen Prüfungsfragen samt Auswahlsendung an Antworten alles-neu-macht-der-Mai auf. Danke noch einmal für die Genesungswünsche.)
Die letzten beiden Nächte habe ich hälftig mit Kreuzworträtseln verbracht. Schon lange suche ich nämlich eine Möglichkeit, den Fachwortschatz zu trainieren. Ich habe von Tests über Glossare und Lückentexte in Einzel- Partner- und Teamarbeit die ganze Methodenvielfalt walten lassen. Leider funktioniert das nur im Schulzimmer und während der Schulzeit, die Anwendung des Fachwortschatzes untereinander ist danach so mangelhaft wie zuvor.
Früher – als alles noch besser war – lernte der Lehrling vom Chef wie man in der Branche was nannte. Ob etwas eine Remittende ist oder eben ein Umtausch, ob zuerst das fliegende Vorsatzpapier oder der Schmutztitel kommt, was es mit dem Buchbinder und was es mit der Bauchbinde auf sich hat, ob Koch, Neff und Volckmar ein Borsortiment, eine Verlagsauslieferung oder ein Kommissionär ist begriff man im Nu. Auch die „Hurenkinder“ unterschied man locker von den „Waisenkindern“, Bezugsformen sowie Rabattarten konnte man im Schlaf runterrasseln, und wenn ein Schutzumschlag kaputt ging, bestellte man genau diesen nach und schickte nicht das ganze Buch zurück „weil Cover defekt“.
Heute stellt sich mir die Frage, was von diesem Branchencode noch zu vermitteln und nützlich ist. Die Antwort aus Deutschland ist eindeutig: Alles! Die Antwort aus der Schweiz ist eher vage und geht in Richtung „weniger ist mehr“. Aber welche Begriffe zentral sind, darüber herrscht bei den Buch-Eidgenossen keine Einigkeit. Das wiederum bedeutet für mich, dass ich meine Liste der unentbehrlichen Fachbegriffe laufend neu zu definieren habe.
Unter anderem deswegen habe ich Kreuzworträtsel gemacht. Kreuzworträtsel lösen die Schülerinnen schliesslich zu jeder unpassenden Gelegenheit, egal wie stupide und langweilig diese auch sein mögen. Schülerinnen-Hirne sind offensichtlich bereit, die neu erworbenen Begriffe zu behalten und wieder und wieder anzuwenden. Wenn’s im Criss-Cross aufgeht, gibt das ein Gewinnergefühl. Und wenn die Schule davon nicht profitiert, ist ihr auch nicht zu helfen!
Der Puzzlemaker beispielsweise bietet Gelegenheit, sehr rasch eigene Kreuzworträtsel zu kreieren. (Wegen Layout-Mängeln will ich mich aber nach einem käuflichen Kreuzworträtselprogramm umsehen, Tipps willkommen.)
Während mir geschlossene schriftliche Fragen sonst widerstreben, weil sie bloss einen riesigen Kontrollaufwand (Stichwort Abschreiben und Spickzettel) generieren und die Schülerinnen höchstens auf Taxonomiestufe 2 bringen, finde ich sie bei der Kreuzworträtselkreation richtig spassig. Win-Win.
Und zum Schluss ein (noch nicht zu Ende durchdachtes) Beispiel.
Aus dem Reisenotizbuch [2]
5. April 2007 13:00 [Zeitzonen habe ich nie ganz verstanden.]
Fast Food in China Town. Budget 20$. Kostet insgesamt nur 14$.
Kind nimmt sich noch übrig gebliebene Nudeln zum Zvieri mit.
Warten vor der Kirche auf Cable Car.
Kind gibt „John Sick From Aids Need Food“ einen Quarter vom Taschengeld. John bleibt stumm, seine Augen sind geschlossen.
Als ein anderer Tourist ihn heimlich fotografieren will, springt er auf, verdeckt das Gesicht mit den Händen und ruft „No! No!“. Der Unanständige erschrickt, als wäre ein Toter auferstanden.
***
Zusatzeintrag des gleichen Tages aus dem Fotonotizbuch:
Dieses Bild wurde mit vorherigem Einverständnis aufgenommen. Es zeigt einen weiblichen Tourist Guide in China Town. Sie erklärt der Reisegruppe, dass dieses Denkmal auf die erste kalifornische Volksschule hinweist, welche vor 160 Jahren auf heutigem China-Town-Boden gebaut worden war. Zum Vergrössern anklicken.

Tischgespräch [26]
Mutter:
Ich finde, wir sollten uns weniger aufregen über die Verschleierten, so einfach dürfen wir doch nicht zu provozieren sein! Wir sollten das lockerer nehmen, ganz anders anschauen, wie kleine Kinder halt. Oder in die Mode einfliessen lassen, die Verschleierung übernehmen? Das wäre doch auch etwas für die Metrosexuellen?
Vater:
Ja, ein feines diagnoales Streiflein auf schönem Stoff über zarten Männerhäuptern. Firmen wären viel freier als beim klassischen Anzug, ihre Firmenfarbe ins ganze Tenue einfliessen zu lassen. Polizisten würde man in straffes Blau einschleiern, das Personal von Bernmobil in Weinrot. Die könnten bestimmt auch vom Gesichtsschleier profitieren, dann können sie fahren wie sie wollen.
Die Männer würden die falsche Frau küssen und sich in den Polizisten mit dem schönen blau-weissen Tschador verlieben.
Kind:
Und die Sportler-Tenues, alles in Schleier. Puma-Schleier, Nike-Schleier, das würde doch passen. Und YB-Schleier mit der Dreizehn und Schwegler drauf.
Vater:
Ja, ihr habt mich überzeugt, ich begrüsse den Schleierzwang für alle und für Hunde. Ich kann diese sabbernden Hundegesichter in der Stadt nicht mehr sehen, ein Schleier wäre eine Wohltat.
Kind:
Aber Diebe könnten profitieren, je nach Schleier würde man sie kaum noch sehen.
Vater:
Genau, Tarnschleier für die Armee. Streifen kann man ja aufnähen.
Kind:
Und die Punks! Sie bräuchten eine Extra-Vorrichtung für ihren Irokes.
Vater:
Die bekommen einen Reissverschluss. Aber was ist mit den anderen? Sollen die Juden ihr Chäppli drunter oder drüber tragen? Und die Christen das Kreuz?
Kind:
Schreibt doch einen Leserbrief!
Mutter:
Genau. Das ist eine gute Grundlage für die nächste Toleranz-Debatte.
mausarm
manchmal macht es einfach knack. wenn ich mich über die schülerinnen beuge und am ihrem laptop etwas erkläre und einen buckel mache aber doch die hand nach der maus ausgestreckt halte und noch einmal und noch einmal und hurtig das und jenes online nachsehen aber sich nicht gerade hinsetzen für kein mail und der chef will, dass ich ihm dem memory-stick fülle, weil er schon wieder vergessen hat, wie es geht und er hat seinen pc schräg und einen rosenquarz darauf gestellt, wie das viele menschen tun, die den computer eher als zwang oder doktrin empfinden. wie gesagt, plötzlich ist einfach genug, obwohl ich doch gerade erst ferien hatte, und nun kann ich nur noch mit wenigen fingern schreiben und schlafen sowieso nicht mehr und das ganze rückentraining und üben von mauslosen kurzbefehlen ist wieder zunichte. allerdings wer weiss schon wie oft ich ihn ohne hätte, diesen rechten mausarm, der gar nicht mehr zu mir gehört sondern amputiert. schreiben mit adler, triumph über die maus.
Wochenrückblick
Am Montag endlich wieder Rückentraining, dringend nötig. Unterricht im 1. Lehrjahr und im 3. Lehrjahr. Besprechung der Unterrichtsbeurteilung im 1. Lehrjahr. Gutes Gespräch, neue Gruppenarbeits-Methoden festgelegt.
Am Dienstagmorgen ein Meeting, welches mich hässig gemacht hat, besonders der informelle Teil. Am Abend dafür eine sehr konstruktive Sitzung (Freiwilligenarbeit kann so erholsam sein). Kein Unterricht, nur Büro.
Am Mittwoch Fall der Buchpreisbindung. Unterricht im 1. Lehrjahr und im 2. Lehrjahr. Das Thema war natürlich gegeben, die Lernenden wollten wissen, wie es jetzt mit der Branche weitergeht. Aber ebenfalls – pragmatisch wie stets – genaustens informiert werden, welche von ihren Schulunterlagen sie jetzt wegwerfen und vergessen könnten? Besprechung der Unterrichtsbeurteilung, keine Klassen-Beschlüsse, nur individueller Massnahmen.
Am Donnerstag 2. Lehrjahr und 3. Lehrjahr. Wieder Thema Buchpreisbindung. Was man denn sagen solle, wenn man von der Kundin in der praktischen Prüfung gefragt würde, wie viel Rabatt sie auf 21 Maria Stuart im Reclam bekäme? Ebenfalls eine angenehme Unterrichtsbesprechung im 2. Lehrjahr und doch noch genügend Zeit für meine Einführung in die Verkaufspsychologie. Meine Grundlagen liefern immer noch Underhill und Winter.
Am Freitag Exkursion zum Salon du livre. Die war freiwillig, die Kollegin vom Französischunterricht führte sie durch (ich konnte nicht mit). Die Exkursion schien sehr beliebt zu sein, manche Klassen waren so geschrumpft, dass die Kollegen ganz entsetzt fragten, ob sie denn überhaupt unterrichten sollten? Aber sicher! „Der Unterricht wird durchgeführt“ ist immer das übergeordnete Ziel.
Am Samstag 1.5 Kilo Pommes Frites, 1 Kilo Rindshackfleisch in Hamburger-Form gebracht, zwei Liter Softdrinks, zwei Liter Wasser, ein Sack Bärentatzen, vier Tüten Popcorn, ein James-Bond-Film, ca. 15 BRAVOs, ca. 30 Mickys, = eine Geburtstagsparty für Jungs.
„Wochenrückblick“ weiterlesen
Aus dem Reisenotizbuch [1]
4. April 2007 10:35 MEZ
Kleine Verspätung, noch sind wir am Boden. Ich höre den Stewardessen zu. Sie reisen nicht, sie arbeiten. Wie in einer Buchhandlung oder sonst einem Dienstleistungsbetrieb. Ihr Arbeitsplatz ist ihr Flugzeug, eine fliegende Firma halt. Sie äffen gerade die abwesende Kollegin nach, welche malheuresuement peux pas travailler le soir et les week-end… ja aber wann denn dann? Unterwegs aussteigen?
Neben mir sitzt einer, der gemäss seinem Einreiseantrag Kirchhoff heisst, ich nenne ihn Bodo. Er kaufte seinen Kundera bei Weiland in Hannover, die machen ja immer den roten Kleber mit dem alten Weiland drauf.
4. April 2007 12:30 MEZ
Flug über Nordirland.
Kind: Movie „Casino Royal“
Mann: iPod; Let it Be
Ich: Hakan Nesser, Sein letzter Fall
Bodo: Wirtschaftsbeilage der Times
4. April 2007 13:35 MEZ
Käseteller über den Faröern. Roquefort, Chèvre, Camembert.
4. April 2007 17:05 MEZ
Überquerung Hudson Bay.
Kind: Games
Mann: Movie „Monsters, Inc.“
Ich: iPod; Led Zeppelin
Bodo: schläft
4. April 2007 21:35 MEZ
Langsam absinken gegen Nevada. King Lear Peak, Great Basin, Reno. Turbulenzen. Angurten.
4. April 2007 22:00 MEZ
Sinkflug über Sacramento. Auf Rat des Captains stelle ich die Zeit um.
Wir landen mitten in einem sonnigen Nachmittag in San Francisco.