Futura 2007

Diese Woche ist praktische Prüfung. Wie die abläuft, habe ich 2006 geschildert. Letzte Woche habe ich die theoretische Prüfung abgenommen, was 20 Studen Fragestellung von Handelswegen über Marketing bis zu den unbeliebten Kennzahlen bedeutete.
Diese Woche brauche ich nur gut zuzuhören, zu protokollieren und hin und wieder zu fotografieren. Und viel Neues lernen, das mach‘ ich natürlich auch. Im normalen Leben gebe ich mich der Illusion hin, den Überblick über die Neuerscheinungen zu haben. In diesen Prüfungstagen komme ich zurück auf den Boden und erkenne meine Ahnungslosigkeit.
Futura 2007
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Drei relvante Dinge,

von denen ich (seit vielen Jahren) nicht verstehe, weshalb sie andere nicht verstehen:

  • Dass Kultur nicht die Bereitschaft bedeutet, Traditionen zu erhalten, sondern sie zu missachten.
  • Dass die Voraussetzung für Demokratie Differenz ist und der Kompromiss ihre Grundlage.
  • Dass man mich nicht stören kann, wenn ich ein Buch fertig lesen muss.
  • Wovon man nicht begreift, dass ein anderer es nicht begreift, darüber kann man nicht sachlich diskutieren. Das erschwert das Leben aufs Neue.

    Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

    Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko
    Jutta Rosenkranz
    Mascha Kaléko
    Biografie
    dtv Mai 2007
    978-3-423-24591-3

    Noch ein Lebensjahr hatte Mascha Kaléko vor sich, als ich vor zwei Stunden das letzte Kapitel zu lesen begann. Ein trostloses Jahr, das allerdings umtriebig endete: Vom Sterbebett aus organisierte Kaléko die Nachlassverwaltung ihres Werkes und des Werkes ihres Mannes Chemjo Vinaver. Sie tat das ehrgeizig und perfekt.
    Geboren wurde Mascha Kaléko am 7. Juni 1907 in Chrzanów, beigesetzt am 23. Januar 1975 auf dem israelitischen Friedhof am Friesenberg in Zürich. Ein schöner Ort. Doch mutet es einsam an, dieses Grab: Nur zufällig in der Schweiz geschaufelt, weit weg vom Sohn in Amerika, weit weg vom Mann in Israel, die beide vor ihr starben.
    In Rezensionen wird gern von den besonderen Verdiensten geschrieben, die ein Buch seiner Leserschaft erweist. „Es ist das Verdienst dieser Biografie, erstmals umfassend und seriös recherchiert Mascha Kalékos Leben und Werk, aber auch ihren widersprüchlichen Charakter zu beschreiben,“ würde hier zweifellos passen. Doch ein Buch muss sich mir nicht verdientsvoll erweisen, damit ich es anderen ans Herz legen kann, es reicht vollkommen, wenn es gut ist. Ich hoffte vor einem Jahr, zu Kalékos 100. Geburtstag eine gute Biografie zu lesen – und meine Hoffnung wurde erfüllt.
    Mascha Kaléko war lange wenig Ehre zuteil geworden. Doch wenn man bedenkt, dass Jahrhunderte über Heine-Denkmäler gestritten wurde, können wir froh sein um jedes Täfelchen, das zum Gedenken an Mascha Kaléko enthüllt wird. (Zum Beispiel heute: Minetta Street New York, wo sie siebzehn Jahre gelebt hat.)
    Kaléko ist Zeit ihres Lebens arm geblieben. Den einzigen Preis, mit dem sie bedacht wurde, hat sie 1959 abgelehnt. Hans Egon Holthusen war damals Direktor der Abteilung Dichtung an der Berliner Akademie der Künste, welche diese Auszeichnung – den Fontane-Preis – verlieh. Er war selber Dichter und ehemaliges SS-Mitglied. Es erschien Kaléko unerhört, einen Preis aus seinen Händen entgegenzunehmen. Sie argumenteierte weder emotional noch kalt, sondern sachlich fundiert. Aber Generalsekretär Buttlar rief trotzdem erregt, man könne Holthusen diese „Jugendtorheit doch nicht in alle Ewigkeit ankreiden“.
    „Nein, aber man muss ihn nicht mit Ehrenposten belohnen,“ antwortete Kaléko.
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    Aus dem Reisenotizbuch [4]

    6. April 2007 9:25
    California 280 Richtung Redwood City. Friedhofsfelder, Kriegsgefallene über einen riesigen Hügel verteilt. In der Mitte ein Monument und oben drauf die Flagge auf Halbmast.
    6. April 2007 10:00
    Redwood City, dem Mann sein Daheim von 1976 – 1977. Die Schule sehe immer noch gleich aus, bloss kleiner. Es fährt ein Bus mit der Aufschrift vorüber:

    Love is fleeting
    Knowledge lasts.

    Selby Lane School April 2007
    6. April 2007, Themen im SFC:

  • Die Filiale von Cody’s Books in der Stockton Street schliesst nach einem Jahr.
  • Die Lehrer in Hayward streiken für mehr Lohn. Schule findet nicht statt.
  • Tanisha Tobie hat sich erschossen. Sie war 14 Jahre alt und spielte bei der Beerdigung ihres Grossvaters mit einem Gewehr.
  • Nancy Pelosi ist in Saudi-Arabien. John Kerry kritisiert Nancy Pelosi.
  • Cherry Blossom Festival in Japan Town April 2007
    6. April 2007 19:00
    Japan Town, Restaurant „iroha“. Endlich Grüntee, endlich Essen. Der lange Marsch durch SF hierhin führte uns am UN-Civil-Center vorbei. Keine besonders gute Idee, da es in einer für SF ungewohnt slummigen Gegend liegt, wo weit und breit kein ÖV fährt. Es war sehr kalt und zugig.
    Der Anblick Drogensüchtiger, die sich einen Schuss setzen, ist für ein Berner Kind nichts Ungewöhnliches. Aber der Einbeinige, der sich vom Rollstuhl aus auf die Parkuhr stützte und sein Gemächte unter den Boxers raushängen liess um ungehinderter zu pissen, war schon beeindruckend.
    UN in SF April 2007

    Es ist (wieder einmal) die Zeit,

    Ausschnitt Klassenfoto 2007
    wo zwei aufgeweckte Klassen unsere Schule verlassen. Wie im Vorjahr haben zum Glück alle Arbeit gefunden oder andere Pläne. Und unsere schwangere Lernende hat gerade ihr Kind bekommen. Dank grosser Eigenleistung und angemessenem Goodwill konnte sie vorher das 2. Lehrjahr offiziell beenden. Nun macht sie Sommerpause und steigt im 3. Lehrjahr wieder ein.
    Es läuft also alles rund. Jetzt noch einen Monat Prüfungen, Notenkonferenzen, Abschlussfeiern, Zeugnisse und Durchhalteparolen für die jüngeren Jahrgänge – dann sind Ferien.
    Auf das neue Schuljahr hin werde ich von der Teil-Abteilungsleiterin zur Voll-Produkteleiterin befördert und sollte ein eigenes Büro bekommen. Das hatte ich im Leben noch nie. Ein Quantensprung.

    Blöde Frage

    Wie viele Herausforderungen des Lebens, ist auch der Umgang mit Kundenreklamationen in der Theorie sehr einfach. Man kann die Liste leicht auswendig lernen:

  • Ausreden lassen
  • Entschuldigen
  • Solidarisieren
  • Lösung anbieten
  • Der Ablauf ist in unserem Lehrmittel von Jörg Winter festgehalten, und ich wollte ihn vermitteln, üben und den Erfolg messen, ganz wie es sich gehört.
    Ich fragte im Test:

    Welche Punkte/Stichworte sind nach Jörg Winter für den Umgang mit Reklamationen absolut zentral?

    Hui! Ich bekam ein Sammelsurium an Antworten:

    Kunden-Ausreden lassen

    Nie Kollegen anschwärzen

    Emotionale Intelligenz

    Alternativen!

    Sich mit dem Kunden verbünden

    Blickkontakt

    Wer blöde Fragen stellt, bezahlt’s beim Korrigieren.

    Nicht persönlich nehmen!

    Gerade Haltung

    Oberstes Gebot: „Freundlichkeit“!

    Fragen, ob er uns die Chance gibt, den Fehler gut zu machen.

    Sagen: „Oh! Da wäre ich auch aufgebracht!“

    Keine negativen Sätze.

    Das Kind gab mir laufend Ratschläge.

    Zwischenbilanz

    Nun haben wir schon fast einen Monat ohne Buchpreisbindung hinter uns. Und ich komme mir ein bisschen wie eine Jukebox vor. Irgendwer gibt irgendwann das Abspulen von irgendwas bei mir in Auftrag.
    Ja, ja, es gab Leserbriefe à discrétion, längst nicht alle wurden publiziert, die Presse will viel lieber als das ewige Gejammer ein paar Testkäufe mit Preisvergleich abdrucken und ja, ja, natürlich gibt es dafür inzwischen auch eine diverse Wo-ist-es-am-billigsten-Websites, die auch mal die Portokosten vergessen, aber das ist weissgott nicht mein, sondern das Problem des aufgeklärten Konsumenten. Nein, das Preisbindungsgesetz in Deutschland und Österreich wird vorläufig nicht tangiert. Ausser, dass Reimporte theoretisch möglich sind, weil die Einhaltung der Buchpreisbindungsgesetze praktisch nicht zu kontrollieren ist. Und nein, keine Ahnung, ob eine gesetzliche Grundlage für die Schweiz jetzt noch einen Sinn ergibt und auch nicht, ob die Autoren die bisherigen Honorare – denn was ist 10% vom Preis, was? – noch bekommen.
    Es gibt nur eine Sache, die meine Jukebox mit Sicherheit plärren kann: Es wurde nie zuviel Geld kassiert in unserer Branche. Folglich wird’s irgendwo teurer oder weniger, wenn’s anderweitig billiger sein soll. Ausser es gäbe alsbald ein Billiglohnland, welches sich aufs Schreiben und Vertreiben deutschsprachiger Belletristik und Sachbücher spezialisiert, wer weiss das schon.
    Deshalb und weil bald die Abschlussfeiern beginnen, die Reden gehalten, Tosts ausgesprochen und die Pensionierten verdankt sein wollen, habe in meinem berufshistorischen Archiv gewühlt. Ich habe einen Text über die durchschnittliche Buchhändlerin gefunden, den ich vor sechs Jahren geschrieben habe. Zum Zwecke einer Weiterbildung von Deutschlehrern. Damals gab es noch viel weniger Buchhändlerinnen, die für eine Buchhandelskette arbeiteten. In den meisten Buchhandlungen war „Jobrotation“ normal, wer verkaufte, kaufte auch ein, dekorierte die Schaufenster und beteiligte sich an der Werbung. Doch abgesehen davon, dass jetzt seltener Verschiedenes gemacht wird, hat sich für die durchschnittliche Buchhändlerin wenig verändert. Mal abwarten, wie es 2013 aussieht.
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