Rechtfertigung

Wenn mir einmal nichts mehr einfällt auf die Frage, warum ich

  • mir nachts mit andern Memorys ausdenke,
  • bis spät Manuals zu partizipativen Websites schreibe,
  • die letzte Werbetrommel für die Quartierbegehung rühre,
  • die Jungs besuche und stets einen in den Ausgang mitnehme,
  • alt und grau und vor lauter Zeitmangel sogar frustriert werde, dann kommt zum Glück die ausländische Presse und liefert mir gute Gründe. Wenn die Schweiz ihre Linken, Netten und verpönten Gutmenschen aus dem Weg geräumt hat, hat sie immerhin ein PR-Problem.

    Bio-Fächer

    Vor einem Monat hatte ich meine erste Abteilungskonferenz. Im Neustart-Modus nach den Sommerferien ist nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit für so etwas zu erwarten und ich hielt das Vorstellen meiner Person angesichts dessen für sekundär. Doch ich weiss langsam, dass es nachhaltig unklug ist, überhaupt nichts zu den eigenen Qualifikationen und Zielen zu sagen. Einen Neubeginn kann man nicht nachholen. No second chance for a first impression – abgedroschen zwar aber immer noch wahr.
    Ich beschloss also eine flexible Lösung, die sowohl für zwei wie auch für zehn Minuten etwas hergeben sollte. Ich habe einzelne, möglichst vielseitige Zettel zu meinen Berufsjahren geschrieben. Die habe ich in chronologischer Reihenfolge in ein Memo-Pocket-Moleskine gesteckt. Dieses Pocket liess ich herumgehen und wer wollte zog einen Zettel und las ihn vor. Zeit hatte ich dafür letztendlich drei Minuten.
    Umso bemerkenswerter, dass bis heute Reaktionen kommen. Jemand fand, das wäre nicht nötig gewesen, relevant sei nicht was ich gemacht habe, sondern was ich mache. Jemand anderes fragte, ob ich das Ding noch hätte und er vielleicht wieder einmal einen Zettel ziehen dürfte? Wieder jemand lobte die Idee vom didaktischen Gesichtspunkt aus und einer meinte charmant, es hätte noch länger so weitergehen können. Dazu werde ich auch ganz konkret auf die einzelnen Ereignisse angesprochen, die in diesen drei Minuten vorgelesen worden sind.
    Einblick in den Bio-Fächer So ca. jeder vierte Zettel
    Es ist mit Sitzungen und Konferenzen einfach genau gleich wie mit dem Unterricht und ich leide oft an der schlechten Verbreitung dieser Erkenntnis: Gute Vorbereitung bringt gute Ergebnisse.

    Bonk!

    Wenn die Kopierer kopiert hätten,
    wenn keine Lehrer krank gewesen wären,
    wenn es nicht auf meine Bücher geregnet hätte,
    wenn die Termine termingerecht geblieben wären,
    wenn ich wenigstens einen Kaffee hätte kippen können,
    dann wäre es keine Sache gewesen, mich mit dem umgeleiteten
    ÖV zu verfahren und das montägliche Rückentraining zu verpassen.

    Copyright Ehapa. Morris/Goscinny, Lucky Luke Band 22: Calamity Jane

    Panasonic DMC-TZ3

    Letzte Woche sind mir wieder einmal schmerzlich meine grossen Ansprüche an die Zivilisation bewusst geworden, als ich eine Klasse für ein Klassenfoto drapiert hatte und meine Sony Cyber-shot entschlossen den Geist aufgab. Meine Nerven!
    Doch neuer Lohn ist auf dem Konto und Rettung nahte schnell. Danke, Zivilisation für: Panasonic DMC-TZ3K Lumix® 7.2-Megapixel Digital Camera with 10x Optical Zoom, MEGA Optical Image Stabilizer & High Sensitivity Mode, Black. Tests verliefen zur allgemeinen Zufriedenheit.
    Test 1 Test 2
    Test 3 Test 4
    Test 6 Test 5
    Test 7 Test 8

    Die Farbe des Donnerstags

    Die Wochentage treten in meinem Hirn unter ihren Abkürzungen Mo, Di, Mi, Do, Fr, Sa, So auf. Ihre Schrift ist schwarz und wahrscheinlich eine Helvetica, jedenfalls serifenlos. Ich glaube in Kindertagen waren sie noch mit Füller und von Hand geschrieben. Eine Farbe jedoch hatten sie schon immer.
    Der Donnerstag zum Beispiel war die letzten zehn Jahre lang braun. Einmal mehr Taupe, einmal mehr Zimt, aber immer ein Braunton. Ausnahmen gab es nur, wenn die Bezeichnung des Tages unwichtig war, wie zum Beispiel in den Ferien.
    In den letzten beiden Wochen ist nun die gewohnte Donnerstagsfarbe verschwunden. Mo (grelles Gelb) und Di (in einem Rotton), Mi (Zwetschgen-Blau) und Fr (Grünton) sind unverändert. Dass Samstag und Sonntag ab und zu die Farbe wechseln ist normal.
    Ich hätte das Changeant eigentlich früher erwartet, zum Beispiel damals, als ich mich aus dem aktiven Buchhandel zurückzog. Dort war das nämlich ein atemloser Tag, die Teilzeitler vom Wochenanfang waren nicht mehr, die vom Wochenende noch nicht voll da, und mindestens ein Lernender war in der Schule. Aber alle Lieferungen und Botengänge mussten gemacht werden, weil wir bis dann die Ware der Woche beisammen und fakturiert hatten. Für die Geschäftskunden und Bibliotheken war’s der letzte Arbeitstag, an dem sie noch richtig viel verlangten. Egal wann ich anfing oder aufhörte, der Donnerstag war immer zu kurz.
    Die letzten paar Jahre habe ich donnerstags fünf Stunden unterrichtet und eins davon abends Weiterbildung gemacht, was beides nichts an der Farbe änderte.
    Seit dem neuen Schuljahr, seit ich an diesem Tag weder unterrichte noch bediene, ist der Donnerstag ein anderer geworden: hellblau mit blendend weissen Flecken, wie ein Sommerhimmel.
    (Beim Gute-Nacht-Sagen ermittelt: Beim Kind sind die Tage auf einer – nicht gerade hängenden! – Holzleiste aufgenagelt und die Termine schweben unten dran in der Luft. Viel wichtiger denn die Tage sind Monate und Jahreszeiten, welche sich das Kind im Kreis angeordnet vostellt. Die Abstände sind ungleich, Weihnachten und Sommerferien liegen einander direkt gegenüber. Zeugnisse, Feste, Bravo-Erscheinungstermine und Ausscheidungsspiele kommen in diesen Kreis, Farben sind nicht relevant. Mit der realen Handy-Agenda des Kindes hat seine Vorstellung aber genau so wenig zu tun wie meine Farben mit meinem Outlook.)
    Hirne sind halt eigenmächtig.

    Heute winkte der kleine Sommer und ging

    Es war neblig, es prasselte, es nieselte, manchmal brach die Sonne durch und zeigte den zarten Streifen eines Regenbogens.
    Ich kaufte ein Kindersachbuch über den Apfel, einen Quiz-Fächer über den Wald, ein kleines Pappbüchlein mit Zootieren und Mausi, das auch in der 10. Auflage den Kühlschrank aufklappt bevor es ins Bett geht.
    Die verdorrten Oleanderblüten auf den Balkon hab’ ich zu einem kleinen Häuflein zusammengewischt, die Blätter der Kobea schimmerten rot im letzten Licht und das Kind lag lange wach und lernte „au milieu de la place, il y a un arbre“.
    Der Mond ist aufgegangen, die Arbeiter auf der Baustelle gegenüber schalten das Flutlicht ein.

    Hochhinaus

    Die letzen drei Tage haben wir unsere neues Schulhaus eingeweiht. Auch wenn die Buchhändlerinnen und Buchhändler noch in den „alten“ Gebäuden unterrichtet werden, so hat dieser Wechsel auch für uns positive Folgen. Ich bekomme jetzt sofort ein PC-Zimmer für 24 Lernende und einen ruhigen Raum für eine stillende Schülerin – einfach, weil wir mehr davon haben.
    Bei dem „Bildungsturm“ handelt es sich um ein hohes, weithin sichtbares Gebäude Berns; um das ehemalige „Swisscomgebäude“. Guter Werbung und sauberem PR ist zu verdanken, dass die Pressekonferenz ein bisschen Echo fand. (Schulen sind ja sonst vorwiegend auf schlechte Presse abonniert.) Alphornbläser und Jodlerinnen auf dem Dach, Akrobatinnen, die an der Aussenseite emporkletterten, Liftboys als Reiseführer, Schauspieler für die Unterhaltung und für Kreti und Pleti offener Unterricht zeigten Wirkung.
    Unsere Schule ist teilweise privat, was zusammen mit dem Risiko auch mehr Freiheit bringt. Wenn wir wollen und es uns leisten können, drehen wir auf. Rein städtische oder kantonale Schulen haben diese Möglichkeiten nicht.
    Es waren schöne Tage. Ich mag diese Kundenkontakte an Messen und Einweihungen sehr, weil sie so gut gelaunt daherkommen. Wenn ausnahmsweise geklagt wird, kann ich das leicht gerade biegen, weil ich die Leute ja live sehe und nicht am Telefon habe oder ich per E-Mail erklären muss.
    Trotzdem bin ich jetzt erschöpft. Alle Ausbildungsrichtungen würdig zu vertreten, die ich nicht aus dem Alltag kenne (Drogistinnen, die kaufmännischen Profile, die Berufsmatura), erforderte Vorbereitung. Am Anfang war ich etwas unsicher, aber als mich die Eltern angehender Büroassistentinnen fragten, in welchem Fach ich diese denn unterrichten würde, war ich beruhigt.
    Im Geschäftsbericht sind einige meiner Schülerinnen abgebildet (S. 8) und ich bin als Buchhändlerin zu Wort gekommen (S. 9), was mich freut. Diese Gelegenheiten, den Buchhandel als fortschrittliche und unverzichtbare Branche zu vertreten, ist ein wesentlicher Teil meiner beruflichen Motivation.
    Für unsere Schule und uns Lehrerinnen hoffe ich, dass es bald wieder eine offene Tür gibt, es war genial! Ich habe die einzelnen Fächer und Lehrgänge in kürzerster Zeit näher kennen gelernt, als es via Lehrerzimmer, Arbeitsgruppen und Konferenzen je möglich gewesen ist.
    Für Beschreibungen bin ich leider zu hundemüde, aber ich mag noch vier (vergrösserbare) Bilder zu posten.

  • Das Erste: Der Bildungsturm von alten Schulhaus aus gesehen.
  • Das Zweite und Dritte: Sprüche im Raum der Grundbildung.
  • Das Vierte: Ausblick aus dem neuen Turm.
  • Der Bildungsturm mit Jodlerin und Alphornbläser

    Infocorner Grundbildung zum Ersten

    Infocorner Grundbildung zum Zweiten

    Überblick

    Gemütslage

    Es ist die helle Freude, engagierte Leute im Team zu haben. (Vielleicht hiesse es „engagierte Lehrende im Kollegium zu haben“ – ich bin unsicher, da wir uns rhetorisch in einer permanenten Übergangsphase befinden. Wie die meisten Schulen des 21. Jahrhunderts.)
    Eigentlich spielt die Hierarchie überhaupt keine Rolle, Engagement und Professionalität nützen immer (deshalb auch der Mittelpunkt unserers Leitbildes). Trotzdem ist es besonders überraschend, wenn man einer neuen Lehrerin bloss ein klitzekleines Textverarbeitungs-Lektiönchen anbieten kann und sie von der ersten Minute an Mut und gute Ideen hat.
    Anstatt „Vorstellungsrunde“ machte sie „Gemütslage“:
    Stimmungsmache
    Am Anfang verteilte sie jeder Lernenden drei rote Punkte. Diese passend zu vergeben brauchte mehr Zeit als erwartet, die Lernenden nahmen die Befragung sehr ernst. Deswegen liess sie am Ende der Stunde nur noch einen grünen Punkt pro Person kleben.
    Resulatat nach ihrer ersten Lektion: 22 Gemütslagen, davon 19 positiv besetzt!
    Hach! Als ich dieses Fach erstmals besuchte und zu Ländler auf die Hermes einhackte, hatte meine Lehrerin nicht den geringsten Gedanken an meine Existenz, geschweige denn an meine Gemütslage verschwendet. Sie hat ihre Nägel lackiert. Genau wie jedes darauf folgende Mal.

    Les livres achetés Numéro 2

    Ich bin bei meinen Bücherkäufen kurz vor Marseille stehen geblieben.

  • Marseille, Guide Bleu
  • Ein praktischer kleiner Reiseführer von Hachette, der einer Tagestouristin wirklich alles sagt, was nötig ist. Gekauft in einem kleinen Laden am Vieux Port mit erstaunlichem Sortiment. Er bot zwar das ganze erwartete Kioskprogramm, aber er führte auch sieben anarchistische Zeitschriften. Zwischen all diesem Cécilia-Supermadame-Sarkozy-et-Vanessa-très-jolie-Depp-Hochglanz lagen sie einfarbig und unberührt. Eine gute Bloggerin hätte die Titel notiert, aber das war ich da wohl gerade nicht, ich finde jedenfalls keinen Notiz davon. Ich erinnere mich noch, alle Nummern durchgesehen zu haben, weil ich dachte, die Zeitschriften müssten zumindest uralt sein. Es war jedoch keine älter als von Juni 2007.

  • Den Ausstellungskatalog von LES RENCONTRES D’ARLES,
  • dieser Wahnsinns-Fotoausstellung, habe ich in der „Librairie Regards“, der Kustbuchhandlung der Vieille Charité gekauft. Wie häufig bei Museumskatalogen ist auch dies ein Meisterwerk mit herstellerischen Mängeln. Farblich und inhaltlich toll, aber ein gesucht originelles Format und kläglich geleimt. Einer der Schwerpunkte in diesem Jahr war zeitgenössische Fotografie aus Indien. Die Bilder von 2004 bis 2007 gefallen mir sehr, weil nichts darauf mit meiner Erinnerung an Indien übereinstimmt. Der Alltag einer Einkindfamilie in New Delhi scheint sich nur mässig von unserem zu unterscheiden.
    In Nîmes kehrte ich in der Librairie „LE BEDEPHILE“ ein. (Klammer für Nicht-Comics-Kenner: die „BDs“ sind die „Bandes Déssinées“, sie gehören in jedes französische Büchergestell und dazu – im Gegensatz zur deutschsprachigen Welt – absolut zum guten Ton.)
    Dort gekauft:

  • Die beiden autobiografischen Reiseberichte von Guy Delisle, Shenzhen und Pyongyang.
  • Les Profs, Tome 2 (für das Kind) – gnadenlose Comic-Strips von Pica und Erroc aus dem Schul-Leben.
  • Louna et sa mère von Sophie Gascon und Mar Chalvin,
  • weil’s mir gefallen hat, einem quirrligen Mädchen und ihrer rauchenden, am PC arbeitenden, oben ohne badenden, mal müde mal gewitzt argumentierenden Mutter beim Alltag zuzuschauen.
    Die Buchhandlung selber war ein Hit. Es gibt ja nur zwei Sorten Comics-Läden: die chaotisch-dreckigen mit den Eselsohren und die fein säuberlich aufgeräumten mit den glasklaren Ordnungssystemen. Letztere sind seltener, aber das war wieder so einer. Und die Telefonnummer auf den alten Plastiktüten korrigieren sie eigenhändig.

    Gescannte Tüte Librairie Le Bédéphile

    Das war’s. Mehr Bücher konnte ich nicht nach Hause nehmen.