Von Rätseln und Ratten

Orte für Leseleidenschaften
Heute war unser Aktionstag zum Weltbuchtag, der eigentlich erst morgen stattfindet. Der UNO-Tag für das Buch – der „World Book and Copyright Day“ – steigt heuter zum elften Mal am 23. April. Warum? Weil die Katalanen die Initiative ergriffen haben und bei der UNO anfragten, ob man ihren Sankt-Georg-Tag, zu dem sie sich schon seit Ewigkeiten Bücher schenkten, nicht gleich weltweit erklären könnte? Völkerverbindend kommt hinzu, dass Cervantes und Shakespeare an eben diesem Tag 1616 das Zeitliche segneten und wir damit auch den Todestag von zwei gelinde gesagt namhaften Autoren begehen. Wozu? Weil Lesen und Schreiben genau so wichtig ist wie Nichtrauchen (31. Mai).
Ich habe die Lernenden des 2. Lehrjahres zu mehreren Aktionen motiviert verdonnert. Unter anderem zur Produktion eines Publikumswettbewerbes. Weil „meine“ Azubsi so gute Ideen hatten, hat die Buchlobby gleich eins, zwei, drei ihrer Rätsel als Karten gedruckt. Darauf bin ich stolz und es entschädigt eine Menge Ärger, welchen ich aus Gründen überbordenden Selbstmitleids nie verbloggt habe.
Und heute haben wir die Karten an 24 Verteilorten unters Volk gebracht. In Leseratten-T-Shirts sind wir durch Bern gezogen und haben für den Weltbuchtag geweibelt. Die Verteilaktion war freiwillig und deshalb haben lägst nicht alle mitgemacht. Aber lieber wenige, die wirklich lächeln, als viele, die schmollen.
Fotos von zwei pfiffigen Ratten im Kommentar. Und morgen, zum waschechten Weltbuchtag, gibt’s etwas über die Schaufenster. Die kann man auch ansehen, wenn die Buchhandlungen geschlossen sind und die Buchhändlerinnen Lindenstrasse gucken.

Nur Comix

Ich unterrichte im Moment Lernende aus 38 Buchhandlungen, die verstreut in ganz verschiedenen Ortschaften der Deutschschweiz ihre Lehre machen: Allschwil, Basel, Bern, Biel, Brig, Interlaken, Langenthal, Luzern, Lyss, Meiringen, Olten, Riehen, Solothurn, Sursee, Thun, Visp, Worb. Da ich nicht nur Theorie sondern auch die Praxis – also Verkauf und Beratung – prüfe, erwarte ich von mir, dass ich die Buchhandlungen alle kenne und zwar nicht so, wie sie vor zehn Jahren waren, sondern so, wie sie jetzt sind.
Comix Shop zum Ersten,
Das erfordert einige Reisen, und heute war ich in Basel. Der Reichtum aus der Chemie manifestiert sich nicht nur in Frau Oeris FC Basel, nein, ganz grundsätzlich ist hier das Mäzenentum Humus der Kultur. Druckkunst, Papierherstellung, Verlagswesen, Museums- und Theaterentwicklung, alles da im Dreiländereck. Basel hat es zum Leidwesen viel grösserer Weltstädte sogar geschafft, Tutanchamun (komplett) zu bekommen und wird auch sonst nicht müde, sich die Kultur etwas kosten zu lassen. Dies ist einer der Gründe, weshalb in dieser Stadt auch in dürren Zeiten noch immer über vierzig Buchandlungen domestiziert sind.
Comix Shop zum Zweiten,
Typisch für mich und das Kind, dass wir heute nur eine einzige geschafft haben, den Comix Shop. Dieser bestaufgeräumte Comicladen, den ich auf diesem Planeten kenne, ist auch für Touristen leicht zugänglich. Es liegt dort vieles in Originalsprachen am Lager und er selber am Weg: Einfach beim Tinguely-Brunnen die Treppe runter rechts.
Comix Shop zum Dritten!
Was wir alles gekauft haben, schreibe ich jetzt nicht auch noch auf. Das Kind hatte in weiser Voraussicht seinen Rucksack mitgenommen und gut daran getan. Und ich kenne wieder einen schönen Arbeitsplatz, an dem nächsten Sommer eine neue Azubi ihr Leben in Büchern beginnen wird.

Blog-Dialektik

Heute gibt’s Blogtalk mit Anke Gröner und ich lese da, weil ich gerne wissen wollte, ob sie immer noch die gleiche Einstellung zur Kommentarfunktion hat, aber das Mitlesen lohnt sich auch sonst.
Das Lamentieren über Auswüchse der „social software“ ist für mich Kulturgeschichte und ich liebe es vor allem, der Entwicklung von Definitionen beizuwohnen. Ist das dialogische Prinzip ein zwingender Bestandteil von Weblogs? Wenn nein, gehören Blogs noch zur „social software“? Spielerei, völlig unwichtig, weiss ich ja auch. Interessiert mich dennoch.
„Blogs!“ konnte ich 2004 entnehmen, dass Anke Kommentare erlaubt, weil sich sonst ihre Freunde beklagen, die gerne den „Quatsch lesen, den andere drunterschreiben.“ Mir hat das Buch zwar gut gefallen, ich habe es besprochen (für Besprechung Stichwort „Blogs!“ eingeben) und verkauft, aber nach der Lektüre rücksichtsvoll aufgehört, bei Anke zu kommentieren. Obwohl ich ihr seit Beginn der Blogozeitrechnung dankbar bin für ihre Filmbesprechungen, denn es gibt keine angenehmere und schöner geführte Datenbank für eine Buchhändlerin und Lehrerin, die selten ins U-Kino kommt.
Ankes Meinung zum Thema „Kommentierende“ hat sich nicht geändert, sie findet nach wie vor, Kommentare seien zu Lob oder Tadel ihrer Person da, sie brächten sie nicht weiter, sondern setzten sie unter Druck, ihre Schmerzgrenze sei eben niedrig und sie ergänzte schon mehrmals, es gebe jetzt genügend andere Seiten, „auf denen man ungestört rumpöbeln“ könne.
Darum wäre Anke Gröner heute ein repräsentatives Beispiel dafür, dass das dialogische Prinzip höchstens eine periphere Bedingung für ein Weblog ist. Und dass ich diesen aktuellen Stand einem Blogtalk entnehme, gehört zur alltäglichen Blog-Dialektik.

Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft

Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl
Swetlana Alexijewitsch
Tschernobyl
Eine Chronik der Zukunft
Aufbau 2000 (Neuauflage März 2006)

Im Buchhandel gibt es eine alte Regel: Publikationen zu Katastrophen brauchen Zeit. Sie besagt, dass Publikationen zu Katastrophen mit den Jahren besser werden. Leider ist dies auch einer der Widersprüche, mit dem wir uns täglich konfrontiert sehen: Die Kunden möchten das Buch zum Geschehen am Tag danach. Wenn es das Buch schon vor der Katastrophe gegeben hat, ist das gut für alle. Doch wenn extra schnell auf Katastrophe produziert wird ist das schlecht für die Qualität, selbst wenn es das Geschäft belebt.
Barfuss durch Hiroshima zum Beispiel wurde zwanzig Jahre nach dem Abwurf der Atombombe geschrieben und gezeichnet und ist erst kürzlich richtig gut übersetzt in Deutsch erschienen. Ich möchte diesen April noch drei von zahlreichen Titeln zu Tschernobyl vorstellen, die zwischen zehn und zwanzig Jahren nach der Katastrophe publiziert wurden.
Zuerst also „Eine Chronik der Zukunft“; übrigens einer der treffendsten Buchtitel, die mir je begegnet sind. Und wenn ich sehe, wie die Iraner um Urankapseln tanzen, hoffe ich sehr, dass sich das Paradoxon ins Farsi übertragen lässt.
Es handelt sich um Zeugenberichte, die Swetlana Alexijewitsch aufgezeichnet hat; eine begnadete, unverkennbar russische Rechercheurin und Meisterin der Worte von bleiderner Schwere.
Ich weiss nicht, wie oft ich dieses Buch gelesen habe, aber zuletzt war es vergangenen Sommer. Ich wollte mir möglichst alle Namen merken, um sie mit denen in den Neuerscheinungen dieses Gedenkjahres zu vergleichen und so meine unendliche Kenntnislosigkeit zu verringern. Wie Wunden klaffen die Informationslücken in der Tschernobyl-Katastrophe – seit der ersten Sekunde ihrer Geschichte.
Das Buch wurde gerade neu aufgelegt. Trotz der Gemeinsamkeiten sind die einzelnen Berichte sehr verschieden. Ich bin überzeugt, dass mindestens einer zu jedem passt und dass auch Lehreinnen und Lehrer gut mit diesem Buch arbeiten könnten.
Ich stelle kurz drei der Monologe vor:
Die Erzählung von Ljudmila Ignatenko, deren Ehemann bei der Feuerwehr war. Sie erzählt von ihrer jungen Liebe, von der ersten harmlosen Nachricht, dass es brenne, von seinem furchtbaren Sterben in Moskau und seiner Beerdigung, die eine Entsorgung war. Sie erzählt von ihrem gemeinsamen toten Kind und ihrem kranken Kind von einem andern Mann, von einem neuen Leben, in dem vom alten niemand mehr etwas hören will.
Die Erzählung einer Mutter und einer Tochter, die vor dem Krieg in Tadschikistan nach Tschernobyl geflüchtet sind. Vor einem Krieg, der junge Männer in den Bus einsteigen und lachend und willkürlich die Insassen niedermähen liess. Aus einem Krieg, nach dem Tschernobyl harmonisch erschien, als neue Heimat, als Erde, die niemadem mehr gehört, weil alle sie verlassen haben. Ein Gebiet, in dem man ohne Angst im Wald spazieren kann und in dem man mit den ebenfalls geflüchteten Nachbarn aus Tschetschenien in Frieden lebt.
Die Erzählung von Wassili Borissowitsch Nesterenko, dem ehemaligen Direktor des Instituts für Kernenergie an der Akademie der Wissenschaften Weissrusslands. Dies war die erste ausführliche Dokumentation über die Vertuschung des GAUs durch die russische Regierung, die so viele Menschen die Gesundheit oder das Leben gekostet hat. Ich halte es für eines der eindringlichsten Dokumente über die Art Zensur, die in den vergangenen hundert Jahren eine grosse Rolle gespielt hat: die Zensur durch gezielte Desinformation.

Vor dem Schlafengehen Inventur

– Ralf Rothmann, Junges Licht, Suhrkamp TB 2006*
– Bernhard Schlink, Die Heimkehr, Diogenes 2006*
– Bernhard Schlink, Liebesfluchten, Diogenes TB 2001*
– Jakob Arjouni, Hausaufgaben, Diogenes TB 2005**
– John Irving, Bis ich dich finde, Diogenes 2006
– Erhard Eppler, Auslaufmodell Staat, edition suhrkamp 2006*
– Klaus Holz, Gegenwart des Antisemitimus, Hamburger Edition 2005
– Mayer/Koberg, Elfriede Jelinek, ein Portrait, Rowohlt 2006*
– Manfred Mittelmeyer, Thomas Bernhard, Suhrkamp BasisBio 2006*
– Ernst Freud et al, Sigmund Freud, Suhrkamp 2006
– Robert Stockhammer, Ruanda, edition suhrkamp 2005*
– Mujawayo/Belhaddad, Ein Leben mehr, Hammer Verlag 2005
– Jeffrey D. Sachs, Das Ende der Armut, Siedler 2005
– Cay von Fournier, 10 Gebote für Unternehmen, Campus 2005
– Michel Houellebecq, Elementarteilchen, List-TB 2006
– Etgar Keret, Pizzeria Kamikaze, Sammlung Luchterhand 2002
– Etgar Keret, Gaza Blues, Sammlung Luchterhand 2002*
– Hubert Wolf, Index. Vatikan und die verbotenen Bücher, Beck 2006
– Swift/Jenkins, Gullivers Reisen, Sauerländer 2004
– Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl, Aufbau-TB 2000**
– Igor Kostin, Tschernobyl, Nahaufnahme, Kunstmann 2006**
– Robert Polidori, Sperrzone Pripjat und Tschernobyl, Steidl 2004**
– Paul Celan, Die Gedichte, Suhrkamp TB 2005
Gelesen (*) aber emotional nicht in der Lage, ins Gestell zu räumen. Gelesen und besprochen (**) in Entwürfen. Angelesen der Rest. Weiterlesen werde ich jetzt in Irving, Bis ich dich finde. Oder in Houellebecq, Elementarteilchen. Zwei Augen hätte ich ja, aber Hirn nur eines. Dashalb brauchen wir langfristig eine gute Balance vor dem Bett, meine Bücher und ich.

Tischgespräch [11]

Kind:
Deutschland hat ein Problem mit den NDHs.
Mutter:
Was sind NDHs?
Kind:
Die nicht deutscher Herkunft.
Mutter:
Woher weisst du das?
Kind:
Aus dem SPIEGEL-Artikel über Gewalt an Schulen. Aber auch alle anderen Zeitschriften sind voll davon, sogar BRAVO.
Mutter:
Ist mir auch schon aufgefallen. Genau ein Jahr nachdem uns die Schulleitung deiner Ex-Schule gesagt hat, dass du übertreibst, dass Gewalt an Schulen ein Modethema sei und Mobbing ein Modewort, ist die ganze Presse voll davon.
Kind:
Dann hatten wir ja Recht!
Mutter:
Das sagen die sicher auch: „Seht nur! Gewalt an Schulen ist einfach Mode, alles voll davon!“
Kind:
Aber ich habe gelesen, dass nun alle mehr dagegen machen müssen und dass sei mehr überprüft werden, das finde ich auf jeden Fall sehr gut. Wenn das bei mir schon gewesen wäre, hätte ich nicht wechseln müssen.
Mutter:
Kann sein. Ich bin auch froh, dass jetzt öfter Berichte über Schulen erscheinen, die etwas tun und nicht immer nur über solche, die nichts tun. Die Gleichung n.d.H. = gewalttätig stimmt sowieso nicht.
Kind:
Das hat einer in seinem Leserbrief auch geschrieben. Es liegt nur an der Disziplin. Was sind Achtundsechziger?
Mutter:
Ich weiss genau, welchen Brief du meinst. Die Achtundsechziger waren 1968 jung und wollten den Zwang abschaffen. Sie dachten, was freiwillig ist, gerät besser. Dem verdanken wir viele Fortschritte an den Schulen, sie haben die Körperstrafen abgeschafft und mit den Gruppenarbeiten, dem Unterricht ausserhalb des Schulzimmers und dem Wochenplan angefangen. Du weisst ja, dass deine Grossmutter immer schweigen und gerade sitzen musste und an ihren eigenen Zöpfen am Stuhl festgebunden wurde. In den Fünfzigerjahren war es normal, dass die Lehrer die Kinder vermöbelt haben. Ich habe gerade ein Buch gelesen über einen, der sich die Hand zerschnitten hat, weil er die Mathe-Hausaufgaben nicht geschafft hat und mit der Ausrede „konnte nicht schreiben“, die Prügel des Lehrers verhindern wollte. Aber blöderweise hat er sich als Rechtshänder die Linke zerschnitten und so versuchte er also aus der Schule zu fliehen, bevor ihn der Lehrer bestrafen konnte. Das hat ihm auch nicht geholfen, denn daheim schlug ihn die Mutter mit dem Kochlöffel bis der zerbrach. So wurde er gleich doppelt verletzt und konnte die Mathe noch immer nicht.
Kind:
Aber heute schlagen nicht mehr die Lehrer und weniger die Mütter, sondern die Kinder!
Mutter:
Aber das liegt nicht an den Achtundsechzigern und nicht an den n.d.Hs. Es liegt daran, dass man Geld und Zeit für die Unterstufe immer weniger werden liess obwohl sich die Gesellschaft sehr verändert hat und sie eine immer stärkere anstatt eine immer schwächere Grundschule gebraucht hätte. Man investierte eher oben in die Bildung, bei der Uni und der Forschung und vielleicht noch im Gymnasium. Aber nicht in der Volksschule und auch nicht in die Ausbildung der Frauen und Männer, die dort unterrichten und diese Schule in Zukunft lenken sollten…
Kind:
(wendet sich definitiv seinen Fussballbildern zu)
Mutter:
Warum fragst du mich etwas und hörst dann nicht bis am Ende zu?
Kind:
Weil mir das Ende zu weit weg ist.
(Ende des Mutter-Monologes im Kommentar)

Suchbegriff-Sachen

Völlig überraschend ist Poesiealbum in den letzten Tagen zur Nummer eins der Suchbegriffe avanciert. Liebe Leute, mein Poesiealbum ist verschollen, begraben an unbekanntem Ort unter Bücherbergen. Ich kann nur dringend raten, der Kaltmamsell ihre wunderbare Sammlung zu besuchen; sie zeigt sich wieder einmal als begnadete Dokumentalistin zeitgenössischer Kulturgeschichte.
Da ich aus aktuellem Anlass vermehrt politisch gebloggt habe, wird hier auch in diesem Bereich mehr gesucht als gefunden. Dieses Weblog ist jedoch ein „Gemischtwarenladen“, wie der Herr Abendschein solche Blogs despektierlich nennt. Ich werde nicht zur Politbloggerin avancieren und es gelüstet mich auch nicht danach.
Ich empfehle lieber Neues von anderen. Erstens vom eDemokraten, der zum Bloggen in der Politik geschrieben und von mir einen (schrecklich ausführlichen) Kommentar geerntet hat. Zweitens von den Bissigen Liberalen, bei denen es erhellende Kommentare zu Platzeck-Rücktritt und -Nachfolge gibt. Für mich schliesst sich mit beiden Beiträgen der Kries um ein Thema, das mich häufig beschäftigt: Wie viel sollen Aktive offline, wie viel online investieren? Welcher (politische) Nutzen steht welchem (privaten) Schaden gegenüber? Ist eine der wenigen Schultern, auf der politische Basisarbeit lastet, online oder offline effizienter eingesetzt?
Und zuletzt noch dies: Nein! tanja.ch ist nicht zu verkaufen! Solange das Kind Essen, Kleider und Bücher hat, wird das so bleiben. Nein! Es ist mir ganz egal, wofür der Domainname gebraucht würde, er steht definitiv nicht zur Verfügung. Weder Prostituierten noch Konfirmandinnen. Danke für die Kenntnisnahme.

Wortköpfe

Digitale Literatur,
Hyperfiction,
Hyperliteratur,
Interfiction,
Internetliteratur,
Linkliteratur,
Literatur im Netz,
Netzkunst,
Netzliteratur,

der Begriff für literarisches Schaffen online sei noch zur Klärung offen, meinte Herr Abendschein in seinem Referat bei Buch am Mittag, und ich weiss nicht recht, ob ich dafür lange genug leben werde. Aber Schreiben im Netz am Beispiel literarischer Weblogs war eine gute Veranstaltung.
LITBLOGS ist ein Aggregator, der für einen guten Einblick ins literarische Netz-Schaffen sorgt. Herr taberna kritika und Herr Hanging Lydia haben damit angefangen. Inzwischen wird basisdemokratisch über die Aufnahme neuer Litbloggerinnen und Litblogger entschieden, was jedoch die Schwelle kaum gesenkt haben dürfte.
Diese LITBLOGS, andere Lit-Blogs und Drehbuchblogs sind die Fortsetzung einer Kunst, die mich schon als Kind fasziniert hat und zwar, weil mein Hirn mitspielen wollte. Was habe ich versucht, Fisches Nachtgesang nachzudichten, wie bin ich in einer alten Ausgabe von Gargantua et Pantagruel den Verhaltensregeln gefolgt, die typografisch immer wieder spitz auf ein Wort zuliefen und einmal – mitten im Originaltext – sogar auf ein deutsches „Trink!“. Ich vermisse dieses Buch, aber es hat nie mir gehört, sondern immer meiner Französischlehrerin.

[Das] wäre dann letzlich der Versuch in einer wesentlich reproduktiven Gesellschaft produktive Kräfte freizusetzen, nichts vorzuführen, was das Publikum nur nachvollziehen kann, sondern in einem Produkt mehrere Wege anzubieten, auf denen man in ganz verschiedener Weise spazierengehen und so ziemlich alles einsetzen kann, was den Aufnahmebereich des Menschen ausmacht: das Denken, das Lesen, das Sehen, das Spielen, Assoziieren, Kombinieren und das Fragestellen.

Ein Zitat unserer Tage, ein Zitat zur Netzliteratur? Nein. Es ist von 1979, da hat der Westfälische Kunstverein eine Sammlung mit dem Titel Sprachen jenseits von Dichtung heausgegeben. Und Klaus Peter Dencker hat’s über die Visuelle Poesie gesagt. Danach machte er die Wortköpfe, die Herr Hediger heute helfen könnten. Viel leicht.
Ein Ausschnitt aus einem von Herr Denckers Wortköpfen

Die Alternative

Nachdem ich und das Kind stundenlang Wäsche machen, Schränke aufräumen und „Passt-diese-Hose-noch?“ gespielt hatten, nachdem ich eingekauft und andere nette Dinge des Hausfrauenlebens wie Telefonieren mit penetranten Tele2-Vertretern und samtweichen Anrufbeantwortern von unerreichbaren Haus- und Zahnärzten erledigt hatte, nachdem ich auch 60 Minuten beinhartes Rückentraining absolviert, natürlich Zeitungen gelesen und parallel ein Dutzend Tests korrigiert hatte – also nachdem allem war nichts mehr übrig von meiner tollen Wahlanalyse unter besonderer Berücksichtigung der hier Lesenden ohne Kanton-Bern-Wissen. Man rechne also mit einem egozentristischen Gedankensturm und überlege gut, ob das die weitere Lektüre lohnt.
Selbst Hintergrundameisen wie ich, die sich die Nächte mit leisem Wahlkampf um die Ohren schlagen und am Morgen nach dem Sieg noch stocknüchtern sind, haben so etwas wie eine persönliche Motivation. Und meine Reaktion auf den Erfolg ist am besten mit Schadenfreude, Amüsement, Bammel und Anspruch zu umschreiben.
Lohn vieler Nächte mit wenig Schlaf
Schadenfreude, weil die SVP den Kanton für einmal nicht „im Schlafwagen“ genommen hat und weil ein Plakat mit zwei Abtretenden und einem JSVPler trotz allem Selbstvertrauen nicht ganz ausreicht, um zu gewinnen.
Mein Amüsement resultiert aus dem Umstand, dass die bürgerlichen Parteien jetzt plötzlich dem Frauenanteil nachjaulen, „da wird sich Rot-Grün etwas überlegen müssen“. Seit Menschengedenken habe die Bürgerlichen den Frauenanteil als nicht relevant gebrandmarkt, was zähle, sei Profil, niemals Geschlecht. Darüber könnte ich einen Essay schreiben: „Von Lilian Uchtenhagen zu Ruth Metzler: vom rechten Frauenbild in der Politik.“
Dann wurden Politikerinnen hip und die Politik weniger lukrativ, und deshalb liessen auch die Bürgerlichen die Frauen vor, jedenfalls solange sie taten, wie geheissen. 2004 hat die SVP mit tatkräftiger Hilfe eines FDPlers ihre eigene Gemeinderätin Ursula Begert abserviert. Mit dem Resultat, dass diese wild kandidierte und ihrer ehemaligen Partei so viele Stimmen abjagte, dass die SVP ihren letzten Sitz in der städtischen Exekutive verlor. Aber die SVP hatte immer noch nicht registriert, dass sich das Heruntermachen von Politikerinnen langfristig in Bern nicht rechnet. Sie deklassierte Barbara Egger von der SP als unfähig genug, um – wenn nicht abgewählt – so mindestens vom bürgerlichen „Sechser für Bern“ isoliert zu werden. Es formierte sich ein überparteiliche Komitee zur Rettung der Konkordanz, in dem – wer hätte das gedacht – unter anderen Frau Begert aktiv war.
Das Ergebnis ist seit gestern bekannt: Barbara Egger hat nicht nur das beste Resultat im ganzen Kanton, sondern auch alle ihre drei Mitkandidierenden in der Regierung. Und der Dritte brauchte nicht einmal die Jura-Klausel, um das Rennen gegen die unbekannten bürgerlichen Frauen zu gewinnen. Frau allein reicht eben nicht – das haben wir zwanzig Jahre lang gehört und manchmal eine selbst hinein.
Mein Bammel rührt daher, dass solche „Erdrutsche“ eben genau das sind: schwierig zu handhaben. Wechselwähler und Wechselwählerinnen sind ungnädig und schnell vor den Kopf gestossen. Allerdings wird die Sitzverteilung im Parlament die neue Kantonsregierung nicht übermütig werden lassen, sondern mehr ein Marathon der Kompromisse. Denn gewonnen haben im neuen (verkleinerten) Grossrat die liberalen Grünen (GFL) und die liberalen Christen (EVP). Aber es wird besser als vorher, weil SVP und FDP sich auch hier von der bequemen Mehrheit verabschieden mussten.
Den Anspruch habe ich an meinen zukünftigen Chef. Ich will als Erziehungsdirektor einen Gescheiten und einen Menschenfreund. Denn mit so einem ist nach diesen dürren Jahren noch etwas zu retten. Aber nur mit so einem.