
Morgen fahre ich zur buchbasel. Noch vor Türöffnung treffe ich mich an einem Platz, den ich nicht kenne, bei einem Bäcker, den ich nicht kenne, mit einem Menschen, den ich nicht kenne. Er kommt aus dem Nachtzug von Hamburg und warnt, er werde ungewaschen sein. Jawohl, so läuft das. Buchmessen beginnen früh und enden spät – mit Networking.
Nur damit keiner denkt, wir guckten dort Neuerscheinungen.
Autor: Tanja
Tischgespräch [12]
Mutter:
Herr Rushdie hat fast nur Atheisten als Freunde.
Vater:
Hmm.
Mutter:
Mir widerstrebte es, meine Freunde danach auszuwählen.
Vater:
Also bei uns ist das nicht viel anders, sieh dich doch um! Mit den Gläubigen verbinden uns nur die Kinder.
Mutter:
Stimmt gar nicht! (Zählt auf und muss feststellen, dass ausser den Kindern nur noch die Politik verbindet.)
Vater:
Sag ich ja.
Mutter:
Ich bin zufrieden als Agnostikerin.
Vater:
Der Agnostiker ist eine Erfindung aus Zeiten, in denen die Gotteswahrnehmung unverrückbarer Bestandteil des Lebens war. Agnostizismus wurde für die Bedauernswerten erfunden, die Gott leider nicht erkennen konnten. Eher eine Krankheit denn eine Überzeugung. Dein Handeln ist weder von dem Glauben noch vom Zweifel an Gott bestimmt, in tiefstem Herzen bist du eine stinknormale Atheistin.
Mutter:
Oh! Meine katholische Freundin sagt auch immer, in tiefstem Herzen sei ich ein sehr gläubiger Mensch. Schön, dass alle so gut Bescheid wissen.
Kind:
Aber, Mam, wenn es Gott gibt, weshalb sollte er so dumm sein und Naturgesetze schaffen, die ihn immer wieder widerlegen?
Mutter:
Die Naturgesetze gehören für mich auch nicht zu den unlösbaren Fragen, die stehen völlig ausser Diskussion. Meine Bekannten und meine Schülerinnen wissen genau, dass ich keine Sekunde zu keinerlei Debatte darüber bereit bin. Aber ich weiss halt nicht, ob vor der Geburt etwas war und nach dem Tod etwas folgt. Und ich kann gut mit Leuten arbeiten, die hilfsbereit, zuverlässig und menschenfreundlich sind. Und manchmal sind die eben gläubig.
Vater:
Es stimmt, dass Wohlverhalten in unserem Umfeld oft aus dem Glauben resultiert. Aber selbst ich als dogmatischer Atheist verhalte mich wohl und finde genügend Motive dafür.
Mutter:
Aber wir kennen doch gute Theologinnen und Theologen, jemand muss diesen Job machen. Ist ihre Motivation so zentral?
Vater:
Ach, denen glaube ich ja auch nicht, dass sie glauben.
Mutter:
Auch nicht Kurt Marti?
Vater:
Nein.
Mutter:
Hauptsache er ist ein guter Pfarrer und meines Erachtens erst noch der beste zeitgenössische Schweizer Dichter. Er hat ein neues literarisches Genre geschaffen: Den Nachruf für Normalsterbliche. Allerdings müsste er noch mehr davon publizieren, was wohl schwierig ist. Eigentlich sollte er den Pulitzer erhalten.
Vater:
Ja, das wäre eine gute Sache. Einen Pulitzer für Leichenreden.
[Während des noch viel längeren Gesprächs haben wir uns mit Hilfe des Brockhaus über folgende Begriffe geeinigt: Agnostizismus, Atheismus, Axiom. Praktischerweise alles in den ersten beiden Bänden drin.]
Lauter Nebenberufe

FLEISCHMANN: Aber Sie haben ja daneben [neben der Schriftstellerei, Anm. nja] auch andere Sachen gemacht, fallweise.
BERNHARD: Wie jeder Mensch. Jeder Mensch macht irgendwelche Sachen nebenbei.
FLEISCHMANN: Was haben Sie zum Beispiel denn gemacht?
BERNHARD: Man putzt sich die Zähne oder zieht sich an, das ist ja auch schon eine Tätigkeit. Ist ja auch ein Nebenberuf, sich jeden Tag an- und auszuziehen. Das allein ist ja schon entkräftigend und grauenhaft. Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie sich millionenmal an- und ausziehen. Ist doch ein totaler Verschleiss. Zähne putzen, Nägel schneiden alle drei Wochen, wenn Sie s’nicht schneiden, stossen S’ die Socken durch. Grauenhafte Idee. Lauter Nebenberufe. Das ist doch der erste Beruf: Waschen, Anziehen und Auszeihen. Die erste Beschäftigung, die jeder macht. Das wird immer übersehen.
Auf Seite 129 in:
Thomas Bernahrd
Eine Begegnung
Gespräche mit Krista Fleischmann
Suhrkamp 2006
Bébé-Werkstatt

Zum ersten Mal seit sieben Jahren habe ich wieder ein Bébé gehütet.
Als das Kind „aus dem Gröbsten raus“ [1] war, bekamen meine Freunde und Bekannten auch Kinder oder sogar schon „das Zweite“ [2]. Trotz vielfach beschworenem Geburtenrückgang befand sich unsere Wohnung über Jahre in permanentem Baby-Zustand, ohne dass ich oder das Kind noch viel dazu beigetragen hätten. 1999 hatte ich dann die Nase voll die Geduld verloren. Ich schickte in bissigem Ton eine „Antwort an alle“, dass es bei mir weder Windelvorrat noch Strampelanzüge gäbe, dass Kinderwagen und Traggestelle samt Sonnenverdeck längst in anderer Hände gewandert seien, dass ich weder Schoppen noch Nuggis behalten hätte, dass ich nicht einmal für einen randlosen Löffel im Haushalt garantieren könne und dass ich ab sofort keine Babys mehr hüten würde. Weil ich wirklich verständnisvolle Freunde und Bekannte habe, akzeptierten sie klaglos und überliessen mir ihre Kinder erst wieder, als diese am Tisch essen konnten, ihre Reservekleidung im Griff und ganz allgemein die Vernunft entdeckt hatten [3].
Jetzt habe ich wieder Nerven für die kleinen Würmer jenseits des Lesealters und natürlich quatsche ich sie mit Büchern voll. Diesem hier habe ich von Rodolfo erzählt, dem Gestalter mit dem schwierigsten Auftrag der Welt, der erst noch besonders unter Druck stand, weil bereits das erfolgreiche Design des Regenbogens aus seiner Familie stammte. Von Rodolfos Suche nach der wahren Schönheit und Leichtigkeit, die ihn durch Täler und über Berge, durch Wetter und Wälder und auch in verwirrende Sitzungen mit seinen Auftraggebern führte. Von dem Hadern im Schaffen und von Rodolfos Freude, nachdem er das Wesen erfunden hatte, das alle Kriterien des Auftrags erfüllte: Den Schmetterling. Ich erzählte auch etwas über den Hammer Verlag, die Autorin Gioconda Belli und den Illustratoren Wolf Erlbruch. Das Bébé sang ein wenig zu meinen Ausführungen und so unterhielten wir uns prächtig ohne gegenseitig Schaden zu nehmen.
„Bébé-Werkstatt“ weiterlesen
Zahlungsmoral

A Day To Remember
Kritik an der Atomenergie gab es schon lange vor Tschernobyl, ich bin damit aufgewachsen. Es war eine Anti-AKW-Demo, auf der ich erstmals Tränengas gekostet habe, wahrscheinlich in Gösgen. Denn die Polizei hat erst ca. 1977 mit dieser Taktik begonnen und ich erinnere mich, noch ziemlich klein gewesen zu sein. Vielleicht wars auch Graben – ein AKW im Kanton Bern, das schlussendlich nicht gebaut worden ist.
Bereits 1979, nach Harrisburg, erlebte die Anti-AKW-Bewegung einen Aufschwung – sie brauchte sich 1986 gar nicht aufwändig zu formieren. Die Informationen waren so dürftig, die Katastrophe so unfassbar, das Bedürfnis sich auszutauschen war riesig. Es war einer der seltenen Momente, in denen sich die Masse selber politisch mobilisierte.
Ich habe oft darüber nachgedacht, warum der GAU für mich ein so einschneidendes Erlebnis war. Es lag wohl daran, dass ich viel Zeit meiner Kindheit in Wohngemeinschaften und Bio-Kommunen, in Alternativbeizen und an Hippietreffen verbracht habe. Die Erwachsenen beschäftigten sich da keineswegs nur mit Sex und Drugs und Rock ’n‘ Roll, sondern auch mit Pädagogik, Generationenkonflikt, Ökologie und Aussenpolitik.
Und wenn es darum ging, die Apokalypse auszumalen, hielt das Risiko Atomenergie über Jahre den Grusel-Rekord. Es war, als würde mir unablässig ein abstossend-anziehendes Märchen erzählt. Doch während andere Eltern beim Auftritt des bösen Wolfes tröstend riefen:„Es ist doch nur ein Märchen!“, betonten meine unablässig, dass es eben gerade keines sei.
Knapp erwachsen, kam diese Tschernobylwolke und es war wirklich keines.
Ich verstand endlich, was „das Private ist politisch“ bedeuten könnte, beschloss eine Lehre als Buchhändlerin zu machen und keine Kinder in diese Welt zu setzen. Zufall des Lebens, dass das Kind auf den Tag neun Jahre später zur Welt kam.
Heute ist noch ein anderer Gedenktag: Guernica (1937). Den Friedensnobelpreis mussten sie der IAEA überlassen, aber den Friedenspreis dieser Stadt haben die 1000 Frauen jetzt erhalten. Eine weise Entscheidung.
Und es fiel ein Wort aus Stein
UND es fiel ein Wort aus Stein
Auf die Brust, in der noch Leben ist.
Doch was solls: ich war dafür bereit.
Damit werd ich fertig, irgendwie.
Ich bin heute sehr beschäftigt, denn
Es ist nötig, die Einnerung zu töten,
Es ist nötig, dass die Seele Stein wird
und
Dass ich wieder neu das Leben lerne.
Sonst …. das heisse Rascheln dieses Sommers
Ist vor meinem Fenster wie ein Fest.
Schon seit langem ahnt ich diesen
Klaren Tag und das so öde Haus.
Anna Achmatowa (im Jahre 1939)
Sperrzonen Pripjat und Tschernobyl

Robert Polidori
Sperrzonen Pripjat und Tschernobyl
Steidl 2004
Über diesen Bildband gibt es nicht viel zu sagen. Als Verlegenheitsgeschenk und zur Repräsentation taugt er nicht und Text hat es auch keinen.
Polidori hat fotografiert, was fünfzehn Jahre nach der Umsiedlung in der Sperrzone noch übrig war. Mit einer Mischung aus Kunst- und Projektfotografie ist es ihm gelungen, visuell Gerechtigkeit für die Situation zu schaffen.
Ich kannte ihn vorher nicht, aber er muss ein guter Fotograf sein, denn er ging auf leisen Sohlen, beleuchtete perfekt, wartete geduldig auf die richtige Stimmung. Seine Liebe zum Detail äussert sich in den Bildzentren, einem Aschenbecher im Kontrollzentrum, einem Ball ohne Luft in der Turnhalle, den Blumenkisten-Haltern aussen an den Balkonen der verlassenen Hochhäuser. Er rapportiert dabei – ohne viele Menschen, Tiere oder Pflanzen zu fotografieren – das Leben am Fusse des Sarkophags. Den Alltag im Angesicht einer erstarrten Stadt. Pripjat, einst die Gemeinde der Kraftwerkarbeiter, benannt nach dem Fluss. Neben riesigen, ganzseitigen Bildern dokumentiert Polidori in drei Serien nur Zerfall: Autowracks, Schiffswracks und zusammengesunkene Häuser. Alle seine Bilder sind farbig.
Das war meine letzte Empfehlung zum Thema Tschernobyl. Drei Bücher, drei Darstellungen aus zwei Dekaden. Noch eine Dekade mehr, dann wird Caesium-137, das Wiessrussland, die Ukraine und weite Teile Russlands verseucht, zur Hälfte abgebaut sein.
Pripjat ist mit Plutonium kontaminiert, das eine Halbwertszeit von 24000 Jahren hat. Das Kind und ich haben im Buch der Menschheitsgeschichte nachgeschaut. Das ist, wie wenn wir die Fehler der (ersten) Neandertaler heute erst bis zur Hälfte abbezahlt hätten. Die einen mit einem höheren, die anderen mit einem tieferen Preis. Doch abgelten müssen alle, auch die Nachgeborenen. Möge der zwanzigste Jahrestag uns daran erinnern.
Provinz der Blogger
Überall gibt’s viele Blogger. Ausser in der Schweiz,
meinte Herr blog.ch heute Abend beim Bloggertreffen und hatte natürlich Recht damit. Über den inländischen Event-Faktor dürfen wir uns allerdings nicht beklagen. Die Swiss Blog Awards scheinen auf guten Wegen, Nominierungen heute morgen, Fiesta und Ehrung am 5.5. in Biel. Und ebenfalls morgen steigt die polit.blogKonf in Amriswil.
So sassen wir also draussen, die Herren Blattkritik, der Herr Pieceoplastic, der Herr habi, der Herr gutfeldt alias Herr blog.ch und ich.
Wir unterhielten uns, worüber sich Blogger eben unterhalten. Was Indikatoren sein könnten für gute Blogs, wie lesenswert wir welche persönlich finden. Über Aggregatoren und Rankings, den Sinn von Auszeichnungen, Blog-Maps, Domainnames und die Frage, was nach Blogs kommt.
Weil Sommerkleidung für Arbeitstage im Büro für After-Work-Abende im Freien zu kühl ist, brachen wir auf, ohne darüber entschieden zu haben, wer mit dem Fröstel-Blog oder wenigstens einer Fröstel-Kategorie anfängt.
Tschernobyl Nahaufnahme

Igor Kostin
Tschernobyl
Nahaufnahme
Antje Kunstmann 2006
Selbst ein GAU hat seinen Hoffotografen; einen, der zuerst da war, einen, dem die Dokumentation über alles geht. In Tschernobyl war es Igor Kostin – seine Bilder gingen und gehen um die Welt. Gerade im letzten SPIEGEL (Nr. 16) wurde die Reportage „Pompeji des Atomzeitalters“ mit zwei seiner schwarz-weissen Fotografien illustriert (leider steht sein Name nur bei einer).
Die einzige Aufnahme des Reaktors am Unfalltag selber stammt auch von Kostin. Von diesem Bild bis zur Öffnung des eisernen Vorhangs hat er alles fotografiert, was mit Tschernobyl in Verbindung stand. Er war bei den Liquidatoren auf dem Dach von Block 3, die je vier Sekunden Zeit hatten, eine Schaufel radioaktiven Schutts auf den explodierten Reaktor zu werfen. Er war beim Bau des Sarkophages dabei, dem Vergraben ganzer Dörfer, stand neben weinenden Soldaten, sah die Rückkehrer, die Frauen, die die Umsiedlung verweigerten, die Kranken in der Moskauer Klinik Nr. 6, die Kinder mit den grossen Missbildungen und den kleinen Narben nach der Entfernung ihrer Schilddrüse, er verfolgte die Alibi-Prozesse, erlebte die neue Explosion 1991 und hielt in seinen Farbildern den wiederkehrenden Frühling fest, der von Beginn an tat, als sei nichts gewesen.
Igor Kostin wird dieses Jahr siebzig. Er hat die Therapien überstanden, für eine Untersuchung war er sogar in Hiroshima („Ich habe immer davon geträumt, einmal nach Japan zu reisen. Aber nicht, um mich wegen Strahlungsschäden behandeln zu lassen!“). Er hatte Glück oder er war zäh. Als gebürtiger Moldawier mit Jahrgang 1936 war ihm Leiden nichts Neues. Im Nachwort erinnert er sich an den Krieg als eine einzige Hungersnot, in der er mit Fischfett polierte Militärstiefel ass.
Weil die Berichte über die Tschernobyl-Katstrophe unterschiedlich ausfallen, weil Opferzahlen umstritten bleiben, weil kein Geigenzähler die Angst der Eltern bei der Zeugung ihrer Kinder messen kann und weil zwanzig Jahre in der atomaren Zeitrechnung nichts bedeuten, brauchen wir Kostins Nahaufnahmen.
Ermittlungen und Erfahrungen:
– Dokumentation von „Der Bund“
– Tschernobyl und die DDR bei Ostblog
– Information und Bericht der IAEA
– Kritik von Ärzten an der IAEA-Studie
– DEZA-initiierte Site über Hilfe und Zusammenarbeit
– Bundesamt für Gesundheit: Auswirkungen auf die Schweiz
– Dokumentarfilm über Tschernobyl und die Schweiz heute im TV
Weltbuchtag 2006
Während die einen uns für gestrig halten, weil wir heute keine Bücher verkauft haben, können die anderen dem Leben in Büchern wenig Zeitgemässes abgewinnen. Die Widersprüche der Kundenerwartungen wurden hier ja schon oft verbloggt, ich schreibe jetzt lieber darüber, was meine Schülerinnen und Schüler geleistet haben.
Denn bei mir trudeln langsam die Berichte der Lernenden aus der ganzen Deutschschweiz ein. Viele hatten selber Freude am Aktionstag, sie sind mit verschiedensten Leuten ins Gespräch gekommen und haben auch einander besser kennen gelernt. Andere wiederum waren enttäuscht über das Material, die Reaktionen, den Tag an sich.
Neben der Rätselaktion habe ich für die, die sich nicht so gerne exponieren, eine Schaufensteraktion geplant. Eine Bildersammlung dazu gibt es im Forum für den Buchhandel.
Mein Lieblingsfenster habe ich an der Neuengasse in Bern gefunden. Leider sieht man auf den Fotos die aktuelle, originelle Auswahl der Buchtitel und die selber gemachten Pop-Ups nicht:



