Zurück zum Waschbrett

Erst wuschen die Frauen in den kalten Bächen. Sie schlugen die Wäsche auf den Steg und nahmen entweder Sand oder manchmal ein Stück wertvolle Seife dafür. Danach eroberten sie sich das Waschbrett und begannen Seifenpulver zu machen. Mit der Zeit rückte der Waschplatz näher ans Haus, denn es gab Waschzuber aus Metall, in die sie das Brunnenwasser schöpfen und unter denen sie auch einmal ein Feuer machen konnten.
Den Mägden der Reichen standen schon Anfang des 20. Jahrhunderts die (erst handbetriebene) Trommelwaschmaschine zur Verfügung, aber die elektrische Waschmaschine hielt nicht vor den Fünfzigerjahren Einzug in die normalen Haushaltungen. Seither sind Waschmaschine und Waschpulver laufend verbessert worden und würden in einem Ranking „Instrumente der Emanzipation“ wohl unangefochten Platz zwei nach der Pille belegen.
Im Vergleich läuft die Internet-Entwicklung mit Siebenmeilenstiefeln. Deswegen kann ich im Quartierverein so schlecht erklären, warum solche Websites mich in das Waschbrett-Zeitalter zurückkatapultieren. Dieses statische html-Zeugs in unverständlichen und unübersichtlichen Foldern, teils auf Servern, teils in Controllpanneln, stellt einen unvergleichlichen Backlash dar. Um einen minimalen Auftrag auszuführen, muss ich zehnmal so lange arbeiten, hundertmal den Mann fragen und sauber ist die Wäsche das Update am Ende auch nicht.

Johnny Cash, the songs

Don Cusic, Johnny Cash - the songs
Don Cusic (Ed.)
Johnny Cash – the songs
Thunder’s Mouth Press 2005

Diese Besprechung ist nur ein Vorwand, über Johnny Cash zu schreiben. Das hier ist ein Buch für Fans, und das lange Vorwort mit Biografie ist obsolet, weil Fans die Lebensgeschichte ihrer Stars schon kennen. Doch die Dynamik und Geschwindigkeit von Cashs Schreib- und Komponier- und Interpretierkunst kann nicht oft genug erwähnt werden:

During the four months between her (June’s, Anm. nja) death and his own, Cash recorded about fifty songs.

Don Cusics Erkenntnis

It took a long hard life to write the songs that Johnny Cash wrote, and a good, sweet life to sing them

führt einem ein immenses Werk vor Augen.
Das Buch enthält eine Auswahl von circa 300 Songtexten ohne Noten. Da Johnny Cash zu seinen Scheiben kaum Texte geliefert hat, liegt der Verdienst dieser Sammlung vor allem in der Sorgfalt der Niederschrift.
Berühmte Songs wie „I Walk The Line“, „Cry, Cry, Cry,“ „Man In Black“, „Meet Me in Heaven“ sind natürlich enthalten. Mein Lieblingslied „Give My Love To Rose“ ist auch drin. Mein Zweitliebstes „Southern Accents“ ist nicht von Cash und auch seine genialen Schnellen „I’ve Been Everywhere“ und „I Never Picked Cotton“ sind von anderen geschrieben worden und deswegen nicht enthalten.
Aber die Lieder, die ich am meisten singe, sind dabei: „What On Earth Will You Do (For Heaven’s Sake)“, „Before My Time“ und „I Still Miss Someone“, wobei ich bezweifle, dass ich noch zu korrigieren vermag, was ich schon seit zehn, zwanzig Jahren falsch verstanden habe. Das ist ja für den Privatgebrauch auch nicht wichtig.
Nachfolgend eine höchst subjektive Zusammenstellung von dem, was man sonst noch zum Thema hören und lesen müsste.
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Swissness II

Das war Tells Geschoss
Was ist Swissness?
Es wäre mir eine Erleichterung, dem immer öfter verwendeten Begriff Inhalte zuordnen zu können, aber ich scheitere seit seiner Erfindung an der Identifizierbarkeit von Swissnesspartikeln.
Vielleicht braucht Swissness zu viele Indizien?
Dass man uns von Belgien (auch mehrsprachig, auch Schokolade), den USA (auch Banken, auch Chemie) oder Japan (auch vorbildliches Telefonnetz und hohe Handydichte) unterscheiden kann, haben wir hauptsächlich unserer geografischen Lage, unserer exzessiven Form direkter Demokratie und unserer quadratische Flagge zu verdanken.
Als Binnenland kannten wir weder die Möglichkeit noch die Notwendigkeit Kolonien zu bunkern. Wir liegen im Auge des Hurrikans und die Welt scheint sich darauf geeinigt zu haben, sich die Schweiz als Ort der Erholung und Stabilität zu erhalten. Und weil wir glauben, das sei unser Verdienst, haben wir beschlossen, uns darüber zu definieren. Kein Wunder also, reagierten wir geschockt, als Ben Vautier zur Weltausstellung 1992 die lieb gewonnene These entlarvte.
Es lohnt sich auf der Suche nach Antworten einen Blick auf das vermeintliche Schweiztum in der Kunst zu werfen.
Die Schweiz hat zahlreiche Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht und beherbergt, doch nur wenige lassen sich eindeutig dem Land zuordnen. Für die Buchhändlerin ist natürlich erfreulich, dass zu den wenigen ausgerechnet viele Autoren gehören: Gotthelf, Keller, Frisch, Dürrenmatt und sogar Spyri fanden zu Lebzeiten und auch im Inland Anerkennung.
Die meisten anderen Künstlerinnen und Künstler waren freiwillig (wie Meret Oppenheim – der bis heute nur mässig Respekt gezollt wird) oder gar zwanghaft (wie Paul Klee – zu Ehre gekommen dank dem Absatz künstlicher Hüftgelenke) ausserhalb bekannt geworden. Ob C.F. Ramuz oder Robert Walser, ob Jean Tinguely oder Bernhard Luginbühl, ob O.H. Ammann oder Jacques Herzog, sie lebten häufig im Ausland und identifizierten sich jeder mit einer ganz anderen Schweiz.
Vielleicht ist wenigstens Understatement schweizersich?
Die berühmten Schweizer Schriften „Helvetica“ von Max Miedinger (1967) und „Frutiger“ von Adiran Frutiger (1976) gelten aus unauffällig und sind für den internationalen Gebrauch und Missbrauch gleichermassen geeignet. Man begegnet ihnen zwar überall, aber das hiesige Kind, das in der Schule jemals etwas davon gehört hätte, ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Und dass die vermutlich weltweit grösste Plakatsammlung bei einem der besten Serigrafen im Keller lagert, weiss wohl nicht einmal das Bundesamt für Kultur.
[Anekdote gem. oraler Tradition und bar jeder Quellenangabe: Japan zeichnet seit ca. 1970 den weltbesten Siebdrucker aus. Als der Hinterkappeler das erste Plakat einschickte, bekam er eine kurze Antwort, er solle bitte die Teilnahmebedingungen studieren, es gehe um Siebdruck, nicht Offset. Der Drucker telegrafierte umgehend, es handle sich bei dem Plakat auch darum. Worauf eine japanische Delegation ins Dorf anreiste, um sich zu vergewissern und ihm danach den Preis über Jahre in Folge verlieh.]
So wie Swissness nach dem Swissairdebakel dankbar aufgegriffen wurde, so importieren Kunstmanager nun die peinliche Kreation „Swiss Style“. Immer mehr Veranstaltungen und Studien werden damit garniert, als handle es sich dabei um einen stehenden Begriff aus der Nachkriegszeit, was meines Wissens grundfalsch ist.
Weil sich die gemeine Buchhändlerin doch nicht allzuweit aus dem Fenster lehnen sollte, habe ich mich beim (hier mit Bild zitierten) Lieblingsgrafiker erkundigt.
Er antwortete, es gäbe ganz entschieden keinen Schweizer Stil. Den einen dazu zu zählen und den anderen nicht, sei vergebene Liebesmüh und – mit Verlaub – lächerlich. Im Gegenteil, gerade die bekannten Plakatkünstler hätten sich an verschiedensten Grafikern orientiert, an inländischen wie ausländischen. Wichtig war ihnen der Zusammenhang von Grafik und Inhalt, wie ihn besonders deutsche Nachkriegsgrafiker gesucht haben. Inhalt zu trasportieren war nicht nur für das Kunst- und Werbeplakat relevant, sondern auch für die neuen politischen Bewegungen, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten und die häufig in der Schweiz beheimatet waren (siehe oben: geografische Lage, Hurrikan-Auge). Besonders findet er die Schweizer Haltung. Die jahrelange Überzeugung, weder ästhetische Tradition noch Kunstakademien zu forcieren, sondern einfach mit einer Berufslehre ein Handwerk weiterzugeben, den Einfluss der Mehrsprachigkeit auf die Typografie aufzugreifen und mit Charme weiterzuentwicklen, zeugt durchaus von Originalität.
La Suisse n’existe pas. Das ist das Schweizerische an der Schweiz. Es ist kein kulturelles Defizit, das nach Verinfachung schreit, sondern eine Stärke, von der wir uns noch einmal überlegen sollten, ob sie von „Swissness“ repräsentiert wird.

Tischgespräch [15]

Nachdem sie eine Mappe sehr guter Tests des Kindes unterschrieben hat, fragt die Mutter:
Bist du auch stolz auf dich?
Kind:
In den Fächern bin ich sehr stolz. Ich habe gut gearbeitet. [Zieht die zuvor gereckte Faust mit einem „wow“ nach unten.]
Mutter:
Finde ich auch, sehr gut hast du das gemacht. Gerade weil du dich auch überwinden konntest, wenn du keine Lust hattest. Wie schätzt du dein nächstes Zeugnis ein?
Kind:
In den Fächern bin ich so gut wie bisher oder besser. Im Verhalten weiss ich es nicht recht, aber schlechter habe ich mich glaub ich nicht verhalten. Oder vielleicht doch: im Schwatzen.
Mutter:
Keine Ahnung, wo das einfliessen würde. Vielleicht bei Konzentration? Oder Gemeinwohl? Hmm. Ich hatte auch immer Abzug wegen Schwatzens. Warum schwatzt du denn?
Kind:
Weil ich einfach zu allem etwas kommentieren will! Weil mich die Verbindungen interessieren! Dann sagt die Lehrerin, schwatzen bedeute keinen Respekt haben. Aber es stimmt nicht! Ich habe Respekt, aber ich möchte einfach etwas sagen. Und wenn ich es ihr nicht sagen darf, sage ich es dem vor mir oder neben mir. Ich sage dir, wenn ich schneller tippen kann, will ich Blogger werden! Ich mache schon Fortschritte im Tippen, aber ich muss einfach schneller werden! So schnell wie du.
Mutter:
Gute Idee, wir helfen dir. Aber Bloggen ist ja nicht nur Kommentieren.
Kind:
Doch. Du kommentierst dein eigenes Leben oder Sachen, die anderen passiert sind. Und andere kommentieren deinen Kommentar und so gibt es immer mehr Verbindungen und ist nie mehr langweilig.

Swissness I

[Bloggerin: „Du, kann man über Swissness durcheinander bloggen?“ Co-Abhängiger: „Swissness ist dafür geeignet. Bloggen auch.“]
Swissness wurde im Inland salonfähig, als sie auf der ganzen Linie versagte: mit dem Swissair-Grounding. Kaum waren die überfliegenden Schweizer Werte als Heuchelei entlarvt, beschloss das Volk, sie mit Taschentüchern und Kuchengabeln eines untergegangen Labels zu zelebrieren und im gleichen Atemzug auch alle anderen Embleme von der japanischen Annektierung zu befreien. Edelweisse und Enziane, Matterhorngipfel und Tobleronezacken gehörten nicht länger der Tourismusindustrie, sondern verschmolzen zu einem Stossseufzer der Nation: Swissness.
Wie die meisten Menschen kenne auch ich die vaterländische Gespaltenheit. Das eine Mal besonders kritisch, bin ich ein anderes Mal speziell anfällig für Schauersentimentalität (Thomas Bernhard). Ich fürchte nicht um meine Identifikation mit diesem Land, es gibt vieles, worauf ich stolz bin. Allerdings bleibt die Suche nach dem Schweiztum eine ambivalente Angelegenheit.
„Ehrlich verhandeln, den Partner nicht über den Tisch ziehen“, „sparsam leben“, „stets investieren, das Geld nicht für private Vergnügen ausgeben“, „seriöse, reelle Arbeit leisten zu verantwortbaren Entschädigungen“ – formuliert es Walter Knecht, altbackener und erfolgreicher Schweizer Unternehmer und Reisepionier. Und keiner hört mehr zu.
Ein ähnliches Leitbild könnte auch Blocher gehabt haben, als er die heruntergewirtschaftete Ems übernahm. Nach erfolgreicher Führung (heute durch Blochers Kinder, welche via Familienholding mit 57 % die Mehrheit an der Ems-Chemie haben) steht die Sippe mit 2-3 Milliarden Vermögen an der Spitze des Schweizer Reichtums. Was das Oberhaupt nicht davon abhält, sich auf Bierkisten zu stellen und als der kleinen Leute Advokat auszugeben. Seit er im Bundesrat einer von sieben ist, fällt ihm das allerdings nicht mehr ganz so leicht. Kompromissdemokratie ist eben doch zu langweilig für den Unternehmer.
Dass die heute frisch gebackene Bundesrätin Doris Leuthard gestern auf ihrer Reise zum Fussballspiel nach Stuttgart „im Car“ noch einen Jass „klopfte“, soll Schweiztum pur darstellen. Dass sie nicht nur parteipolitisch fischt, sondern als emsige Verwaltungsrätin die Beute mit dem Bankennetz einholt, ist Schweiztum pur.
Ich könnte mich noch lange mit der Geschichte der Banken aufhalten, die ja neben Uhren den festen Pfeiler der Swissness darstellen: Zuverlässigkeit. Aber aus Gründen leichter Reizbarkeit lasse ich es bleiben.

DAL VOSTRO FORNAIO

Mein Gipfeli-Säckli
VOTRE BOULANGER hat einen neuen Gipfeli-Sack. Naheligenderweise gesalterisch angelehnt an die schweizerische Plakatkunst. Doch nicht etwa an das wunderschöne WM-Plakat aus dem wunderbaren Jahr 1954, als die Schweiz (übrigens die Vermittlerin für die Wiederaufnahme des DFB in die FIFA) Austragungsort war und Deutschland das Wunder von Bern schaffte. Nein. IHR BECK bevorzugt den Stil des politischen Plakats der Zwanzigerjahre.
(Kurzer Prolog zur Swissness.)

Esc

Die Frau Kollegin rechnet bis spät
Pfingstmontag: Prüfungsbuchhandlung einrichten
Dienstag: Schriftliche Branchen-Prüfungen abnehmen
Mittwoch: Praktische Prüfungen
Donnerstag: Praktische Prüfungen
Freitag: Praktische Prüfungen und Prüfungsbuchhandlung auflösen
Samstag: Aufsicht bei kaufmännischen Nachholprüfungen
Sonntag: Korrektur der schriftlichen Prüfungen vom Dienstag
Ich frage mich, wie ich aus dem Prüfungsmodus (freundliche Stimme, Sie-können-das!-Gesichtsausdruck, ermutigendes Lächeln in alle Richtungen) je wieder herauskomme. Einblick in mein Wohnzimmer der letzten Woche gibt es bei buchhändlerin.ch.

Herr, lass mir meine Ruh. Ich hab genug.

Wenn ich etwas seit jeher kenne, dann weiss ich nicht mehr, warum es mir gefällt. Da wir aber hienieden den Dingen auf den Grund gehen sollten, versuche ich es ab und zu heruaszufinden. Wie bei Mascha Kaléko.
Ich verstand mich mit ihr schon als Kind ausgezeichnet. Ich begriff was sie meinte, wenn sie ihrem Sohn den Tod nicht erklären konnte und nach sechs Strophen folgerte:

Die Bücherweisheit ist bankrott,
Der Blinde führt den Blinden.
– Und wahrlich, gäb es keinen Gott,
Man müsste ihn erfinden.

Erwachsene wussten auch nicht alles und Gott war als Erklärung flexibel. Ebenfalls schien mir einleuchtend, hinter Zeitungsmeldungen Geschichten zu dichten, wie Mascha Kaléko das im Exil getan hat.
In meiner Kindheit war die Auswahl an Büchern gemessen an meinen Bedürfnissen nicht gross. Zum einen, weil wir wenig Geld und Platz hatten, zum anderen, weil wir viel mit sehr leichtem Gepäck gereist sind. In meinem zehnten Lebensjahr waren Spyris „Heidi, Band 1 und 2“ und ein Reiseführer über die innere und äussere Wanderung von Europa nach Poonah meine einzig zugängliche Lektüre. Und bis ich fünfzehn Jahre alt war hatte ich alle Romane der Gemeindebibliothek gelesen, auch Uta Danella.
Deswegen kann ich mich genau an einzelne Buchtitel meiner Kindheit erinnern, auch daran, dass meine Mutter die zerlesenen Bücher immer wieder restauriert hat. Beim „Decameron“ hat sie sogar einen ganz neuen Umschlag gemacht (wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, ohne dass es defekt war).
Das kleine Bändchen „In meinen Träumen läutet es Sturm“ von Kaléko stach mir immer ins Auge, wenn ich auf dem Boden vor dem Büchergestell lag und mit Stockmarkreide gespiegelte Formen in riesige Steinerschulhefte zeichnen musste. Zuerst sicher, weil „Sturm läuten“ bei uns verpönt war. Wer das im Hochhaus machte, hatte schlechte Manieren. Es war ähnlich daneben, wie im Freibad „Hilfe!“ zu schreien ohne wirklich solche zu brauchen.
Ich habe das Büchlein oft herausgezogen und an den Gedichten gelernt, welche Wörter reimen und welche Reime holpern. Im heutigen Jargon würde man Kaléko wohl den Auslöser für meine Lyrik-Sensibilisierung nennen. „In meinen Träumen läutet es Sturm“ war das erste Buch, das ich in meiner Lehre erworben habe und Kaléko wurde eines meiner Prüfungsthemen. Der Experte kannte sie allerdings nicht und befragte mich zu Heine und der Entwicklung der deutschen Ballade, was mir auch recht war.
Heute würde Mascha Kaléko neunundneunzig Jahre alt. Darum gerissen hätte sie sich bestimmt nicht.

Nie störte mich die Kürze dieses Lebens.
Mir reicht, was mir geschah, was ich ertrug.
Nochmal von vorn das Ganze? Nein, vergebens.
Herr, lass mir meine Ruh. Ich hab genug.

Sie liegt in Zürich auf dem israelitschen Friedhof Oberer Friesenberg und schweigt ihre schönsten Gedichte.
Stein auf Stein zum 99. Geburtstag
„Herr, lass mir meine Ruh. Ich hab genug.“ weiterlesen

Futura 2006

Die Prüfungsbuchhandlung „Futura“ ist fertig eingerichtet, die Notebooks stehen bereit, das Internet ist zugänglich, die CD-ROMs sind installiert, der Kassenstock ist gezählt, die Bleistifte sind gespitzt, die Büchergutscheine geordnet und die Titel-Auswahl der Lernenden habe ich nach deren Wünschen präsentiert. Es sieht aus wie eine klitzekleine Buchhandlung und wird den Rest der Woche mein Wohnzimmer sein.
Die praktische Abschlussprüfung dauert für jede Kandidatin eine Stunde. Es werden zwei Kandidatinnen gleichzeitig geprüft, je eine halbe Stunde in „Verkaufsgespräch“ und eine in „Bibliografieren“. Die Beurteilungskriterien sind unterschiedlich.
Im Verkaufsgespräch wird der Umgang mit der Kundin beurteilt, in „Bibliografieren“ der Umgang mit den Hilfsmitteln. Die Kundin ist immer eine Expertin, das ist in allen Verkaufsberufen so, auch bei den Textilverkäuferinnen, die direkt in den Läden geprüft werden. Man hat auch Pilotversuche mit Alltags-Kundschaft gemacht, aber es hat nicht funktioniert. Nicht nur, weil Kundschaft unterschiedlich (angenehm) ist, sondern weil in der Prüfungssituation meistens keine kommt, da schlotternde Kandidatinnen und Experten mit Klemmbrettern nicht besonders anziehend wirken.
Im einen Teil der Schulzimmer-Buchhandlung wird wie gesagt bibliografiert, vom Cornelsen-Lehrmittelverzeichnis bis zum Electre steht alles zur Verfügung, um Bestellanfragen möglichst rasch und richtig beantworten zu können. Es geht in diesem Qualifikationsverfahren um den effizienten Weg, die richtige bibliografische Auskunft geben zu können. Hier wird nicht der Auftritt benotet, es zählen Weg, Ziel und Suchstrategie.
Meine Domäne ist der andere Teil, das Verkaufsgespräch. Meine Expertin „spielt“ die Kundin und hat auch die Fragen erstellt, ich schreibe das Protokoll und mache die laufende Beurteilung, die wir danach 5 Minuten besprechen. Dafür haben wir im Laufe der Jahre eine gute Vorlage erarbeitet, an der wir aber jedes Jahr noch feilen.
Es gibt für alle gleich lange Prüfungen, die zur Hälfte auf die Gewohnheiten der Kandidatinnen zugeschnitten sind. Die andere Hälfte ist buchhändlerisches Allgemeinwissen wie „Grüessech, ich will Auto fahren lernen und brauche so eine CD dazu“ oder „Ich brauche das Buch, in dem ich das Zivilgesetz finde“ oder „…warum ist das so dick und so billig und das andere so dünn und so teuer?“ oder „Wir lesen in der Schule so ein Buch in Englisch und ich brauche es dringend sofort in Deutsch.“ Telefonate (aufs Handy) und Anfragen per E-Mail gibt es auch.
Und lächeln müssen die angehenden Buchhändlerinnen fast immer, sogar am Telefon. Freundlich, lösungsorientiert, erfolgsinteressiert und nahe am Produkt – wer sich so verhält, hat keine Probleme, die Prüfung zu bestehen.
Futura 2006
[Mehr Fotos gibt’s nach und nach im Kommentar und
Beobachtungen zur Prüfungszeit bei niemehrschule.]