wäre ich nicht zu Schlaf gezwungen:
Autor: Tanja
Glück in 2 Bildern und 10 Worten

Achtunddreissig Mal mündliche Prüfungen beendet.

Kind nach Velolager vollständig abgeholt.
Sobald die Schoten platzen
Chronistinnenpflicht: Zu meiner Sammlung warnender Bürgermeister heruntergekommener Ortschaften gesellt sich eine Neue, die Bürgermeisterin von Lübtheen, Ute Lindenau. Laut dem neusten SPIEGEL (Nr. 22 / 29.5.2006) wundert sie sich nicht,
„dass es gestandene Leute im Ort“ gibt, die sagen, „irgendwo hat der doch recht.“
Und damit meinte sie den NPD-Spitzenkandidaten Udo Pastörs. Der SPIEGEL (S. 41) schreibt weiter:
„Ein Alptraum“ sei wahr geworden, als das Angebot eines Malers aus dem Pastörs-Umfeld überbracht wurde, die Räume einer Kita gratis zu renovieren. „Wenn ich das akzeptiere“, so Lindenau, „macht die NPD damit Werbung, wenn nicht, lass ich alles verrotten.“ Jetzt will sie mit Eltern selbst zum Pinsel greifen.
Das ist vorbildlich. Nicht immer nur ungehörige Dinge wie unverrottete Kitas fordern, sondern selber anpacken. Und sollte das Geld nicht für die Farbe reichen, stellt sie der NPD-Maler sicher gerne zur Verfügung.
Endlich zeigt sich die positive Entwicklung jahrelanger Sparbemühungen im Sozial- und Bildungswesen. Selbstverantwortung macht frei.
Danke, danke, danke.
Zuckererbsen für jedermann
Warum sind die Erdbeben immer dort, wo sich Islamisten einnisten?
Warum bekommt Ahmadinedschad sieben Seiten und den Titel?
Warum bekommt Handke den Heinrich-Heine-Preis?
Manchmal empfinde ich Müdigkeit als Glück.
No News is Good News
Sie kann nicht schlafen. Sie sitzt neben ihrem Schreibtisch auf dem Boden und geht die Aufgaben noch einmal durch. Ihre Aufgaben für die anderen irgendwo da draussen – nicht minder schlaflos.
Wie immer man es nennen will – altbacken „Lehrabschlussprüfungen“, reformiert „Qualifikationsverfahren“ oder berufschulpädagogisch „Abschlussritual“ – es ist eine Hürde für Lernende, von der zuletzt andere entscheiden, ob sie genommen worden ist.
Sie weiss, die Protokolle werden seriös gemacht, die Kriterien sind geklärt und quer durch die Schweiz gegengelesen, die Berechnungsformeln lassen keine Zweifel offen und die Toleranz-Bandbreite wird von der Kreisprüfungskommission verwaltet. Das ist ihre zwölfte Prüfung und mit jedem Jahr steigt die Absicherung gegen Willkür.
Egal was sie allen gesagt hat, egal wie gut vorbereitet sie sind, egal ob Kandidatin oder Expertin, das vorherrschende Gefühl wird die Angst vor dem Fehler sein. Denn wenn wir etwas in unserem Leben gelernt haben, dann ist es, dass hauptsächlich Fehler zählen.
Was richtig ist, wird abgehakt, was erledigt ist, wird durchgestrichen. Das Falsche oder Fehlende sticht heraus, wird gerügt, rot angemalt, eingebrannt. Wer oben ausschwingt wird einmal gelobt, wer unten ausschert stetig getadelt.
Wer nichts hört, arbeitet gut.
Sie hat nie einen Rotstift benutzt, immer Fortschritte aufgezeigt und so viele „Bravos“, „Gut getroffen“ und „well done“ auf Tests geschrieben, wie sie vor sich selber rechtfertigen konnte. Doch damit auch nur ein Promille der gesamten Angst während den Prüfungen getilgt zu haben, darauf wettete sie keine Daunenfeder.
Auf dem Weg zurück ins Bett murmelt sie frangend in die Nacht: „Machen zwei Wochen Prüfungen wirklich einen Unterschied zu einer Einschätzung auf Berufstauglichkeit aus dem Handgelenk?“ „Nützt diese Ausschüttung an Angstschweiss, Franken und Korrekturen überhaupt jemandem?“ „Werden meine Fragen, werde ich selber – den einzelnen gerecht?“
Sie bekommt keine Antwort. Ein gutes Zeichen.
Polenbesuch
Lieber als zuviel über den des Papstes, sollte man den der Kalmamsell lesen.
Und wenn man den 66 Jahren Warschauer Ghetto gedenken möchte, so sollte man sich weder auf den vorherigen noch auf den jetzigen Papst verlassen, sondern auf Marcel Reich-Ranicki.
Im Frühjahr 1940 erhielt der von Juden bewohnte Bezirk eine neue Bezeichnung: „Seuchensperrgebiet“. Der „Judenrat“ [MRR war dort frisch als Übersetzer angestellt, Anm. nja] hatte ihn mit einer drei Meter hohen Mauer zu umgeben, die oben noch mit einem ein Meter hohen Stacheldrahtzaun versehen werden sollte. An den Eingängen zu diesem Terrain, dessen Grenzen die Juden nicht überschreiten durften, wurden Tafeln mit einer deutschen und einer polnischen Inschrift aufgestellt: „Seuchensperrgebiet – Nur Durchfahrt gestattet.“ (…)
Am 16. November 1940 wurden die 22 Eingänge (später waren es nur noch fünfzehn) geschlossen und von da an Tag und Nacht von jeweils sechs Posten bewacht: zwei deutschen Gendarmen, zwei polnischen Polizisten und zwei Angehörigen der jüdischen Miliz, die „Jüdische Ordnungsdienst“ hiess. (…)
So war aus dem „Seuchensperrgebiet“, aus dem offiziell „der jüdische Wohnbezirk“ genannten Stadtteil ein riesiges Konzentrationslager geworden: das Warschauer Getto.
Publiziert in:
Marcel Reich-Ranicki
Mein Leben
S. 205 ff
Deutsche Verlags-Anstalt 1999
>5 Minuten
Alles andere hat weniger als 5 Minuten gedauert oder wurde parallel erledigt (z.B. Kaffee). Kein Wunder, lebt der Buchhandel zu einem wesentlichen Teil von Entspannungs- , Zeiteinteilungs- und Ego-Ratgebern. Ganz speziell für den weiblichen Teil der Bevölkerung.

Tischgespräch [14]
[Vater ist von Weiterbildung aus Deutschland nach Hause gekommen]
Mutter:
Erzähl doch ein paar Unterschiede!
Vater:
Deutsche lesen mehr Zeitung. Diese Riesigen – und erst noch am Frühstückstisch.
Mutter:
Ja, die können das bewundernswert gut.
Vater:
Aber nicht unbedingt Kleidung auswählen. Der Anblick der Referenten war schwer zu ertragen. Gemessen am Preissegment des Kurses billig und zerbeult. Einer hatte eine Bolotie mit goldigem Australien. Eigentlich repräsentierten alle mehr via Auto.
Mutter:
Und das Essen, wie war das?
Vater:
Sehr gut für eine Mensa. Und es gab immer dreimal so viele Desserts wie Menues. Zuerst dachte ich, die hätten sich verzählt. Dann habe ich gemerkt, dass die meisten mehrere Desserts nehmen, wenn das Essen inbegriffen ist. Das hätte ich mich aber nie getraut.
Mutter:
Und, was hast du in deiner Freizeit so gemacht?
Vater:
Einige Male war ich in der nächst grösseren Stadt, doch die S-Bahnstation lag ausserhalb und der Bus fuhr selten. Aber eine Buchhandlung gab es gleich in der Nähe.
Mutter:
Was für eine?
Vater:
Klassische Kleinbuchhandlung: allgemeines Sortiment, etwas zu alte Taschenbücher, vollgestopft bis unter die Decke, aber mit einem kundenfreundlichen Ordnungssystem und einer netten Buchhändlerin.
Mutter:
Inwiefern nett?
Vater:
Sie hat mich gefragt, ob ich mich zurechtfinde. Und ich habe gesagt, ja, sehr gut sogar, die Ordnung wäre einsichtig. Darauf antwortete sie, dass sie mir jetzt noch rasch die Kasse erklären würde. Da habe ich dann zugegeben, dass ich auch Buchhändler bin.
Mutter:
Pass bloss auf! Beim nächsten Mal drückt sie dir die Schlüssel in die Hand und fährt in den Urlaub.
Kind [kommt dazu]:
Und, was hast du denn in deiner Freizeit gemacht?
Vater:
Gelesen. Und einmal wollte ich ins Kino, aber das hat nicht geklappt.
Kind:
Weshalb nicht?
Vater:
Alle Filme waren synchronisiert.
Kind:
Was heisst das?
Mutter:
So, wie wir „Ein Königreich für ein Lama“ gesehen haben, weil du nur in die Kleinkindervorstellung durftest. Über die amerikanischen Stimmen der Figuren waren deutsche Stimmen gelegt worden, dafür gab es keine Untertitel.
Kind:
Aha! Wenn meine Freunde und ich mit den H&M-Gratistickets ins Kino gehen, ist es auch so.
Vater:
Dort schien das auch für Abendvorstellungen üblich zu sein und da liess ich es lieber ganz. Bei uns kommt ja alles mit Untertitel, auch die chinesischen Filme.
Kind:
Und die kurdischen!
Mutter:
Und die mongolischen!
Vater:
Wobei wir zugeben müssen, dass der mongolische Film sogar bei uns ein Schattendasein fristet.
Laissez faire im Treppenhaus

„We jede für sech sälber luegt, de isch für alli gluegt,“

meint die Nachbarin kühl und nickt verächtlich zum gemeinsamen Nachbarn, der mit einem zu kleinen Lappen eine zu grosse Bierlache aufputzt.

Aber es ist nicht die unsichtbare Hand, sondern die eines Vaters, der kaum aufzusehen wagt vor lauter Scham über den Randalierer im Treppenhaus, der sein Sohn ist.
Back To The Roots
Bildungsartikel an- und damit wieder eine wichtige Hürde genommen. Dieser Abstimmungkampf ging ohne lautes Säbelrasseln vorbei, die Aktiven haben sich mit ihrer guten Vorbereitung das Resultat redlich verdient. Wie die PdA ihre Nein-Publizität stets genutzt hat, um die Klassengesellschaft anzuprangern, hat mir streckenweise auch gefallen.
Trotz positiven Nachrichten waren in meiner persönlichen Polit-Biografie Veränderungen fällig. Ich habe im Regierungsrat zwar mit-gewonnen, beim Wähleranteil aber empfindlich mit-verloren; es war das schlechteste Ergebnis der SP seit 1986.
Wenn ich mein Umfeld betrachte, stelle ich fest, dass viele die Arbeit der SP erst kritisch betrachten, dann vordergründig honorieren und zuletzt doch grün wählen. Über die Gründe kann ich nur spekulieren, und Spekulationen sollte man lassen, ausser sie wären besonders schmeichelhaft.
Meine abgemagerte Frusttoleranz hat mich veranlasst, in der Basispolitik eine Pause einzulegen. Nicht wegen der Sektion, sondern wegen der anspruchsvollen Nicht-Wählerschaft. Ein weiterer Faktor ist meine wachsende Unfähigkeit, auf den Konflikt mit anderen Linken zu verzichten. Dieser ist selten im Dienste der Sache, die Kantonswahlen haben es gerade wieder bewiesen. Es gibt dennoch Phasen, da habe ich keine Lust, mich mit Leuten zu verbünden, die erzählen, Kiffen sei wie Schokolade essen, nur weil ich irgendwo einen Veloweg möchte. Unvernünftig zwar, aber gefühlshaushälterisch nicht zu ändern (-> abgespeckte Frusttoleranz).
Seit vergangenem Freitag mache ich meine Freiwilligenarbeit im Quartierverein, weil sich dort die Frage nach inter-linker Einigkeit nicht stellt. Das bedeutet neben Handarbeit hauptsächlich die Bearbeitung lupenreiner Sachfragen im Interesse der Quartierbewohnerinnen und –bewohner, die im Stadtteil wie im Leben oft benachteiligt werden. Es bedeutet auch Empörungskult und derbe gewöhnungsbedürftige Ausdrucksweise, aber Präsident ist zum Glück ein anderer. Dass es die Menschen hier interessiert, ob eine von der SP, von der SVP oder vom Blindenverband den Krempel erledigt, wage ich zu bezweifeln. Es ist bekannt, wohin ich gehöre und auch, dass ich hier eine klitzekleine Minderheit bin. Doch ausser meiner Wohndauer in diesem Quartier und meinem Beruf spielte für die Wahl in den Vorstand nichts eine Rolle.
Natürlich gibt es noch einige intellektuellere Überlegungen für die Verlagerung meines Engagements. Dass sich parallel zur raumfüllenden Freiheitsdebatte die Gleichheitsdebatte verflacht hat, stört mich nämlich. Oft von der Liberalismusdiskussion überdeckt oder belächelt, wirkt sie inzwischen matt und langweilig. Weil Chancengleichheit in allen Verordnungen „gemainstreamt“ ist, werden zwar brav Schlagworte abgespult, doch nur, um am Ende wieder über den Freiheitsbegriff zu reden. Rütlischule und Banlieues sind gute Beispiele dafür, dass – trotz Bemühungen um eine differenziertere Berichterstattung – der Muslimanteil der Dauerbrenner der Wertedebatte bleibt. Und das ist mir einfach zu platt. Gespräche über Gleichheit beschränken sich allzuoft auf autonome oder populisitsche Kreise. Genau wie bei der Abstimmung von heute, von der ich unbestritten froh bin, dass nicht die PdA (samt Teilen der SVP) sie gewonnen hat.
„Die Freiheit des einzelnen Menschen steht im Widerspruch zur Gleichheit aller Menschen,“ sagte der Bundespräsident in seiner 1. Mai-Ansprache. Freiheit und Gleichheit sind ein Zielkonflikt, an dessen Ausgleich sich die Sozialdemokratie immer wird messen müssen. Und auch die Quartierarbeit, da mache ich mir keine Illusionen.
Aber ganz von der Freiwilligenarbeit zu lassen entspricht mir nicht und wäre auch peinlich für eine, die ständig die Bundesverfassung propagiert.
Bundesverfassung Artikel 6
Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.