Prognose

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;

Seit das neue Schuljahr und meine neue Arbeit im Kader begonnen hat, vergeht kein Tag, an dem mein Kopf nicht diese Zeilen denkt. Als erste und noch einzige Frau in dem Gremium verfolgt mich der Konjunktiv: Was wäre wenn die Wäsche schon weggeräumt wäre, wenn das Kind das Handout in Englisch schon gemacht hätte, Gitarre geübt hätte, wenn die Reklamation an den Vermieter schon geschrieben wäre – das Bügelbrett schon weggeräumt, die Schulzahnkarte schon quittiert, das Geburtstagsgeschenk schon abgeschickt, die Sommerkleider schon eingemottet…? Wie wäre es nach Hause zu kommen wie meine Kollegen?
Was wäre, wenn ich eine Frau hätte?
Sie würde arbeiten, ein bisschen befördert werden, immer weniger Zeit im Haushalt vergeuden und sich die gleichen Fragen stellen, die Droste-Hülshoff schon im vorletzten Jahrhundert umgetrieben haben.

Trüb und düster

Vor Weihnachten hatte ich zum letzten Mal Kontakt mit einer Lehrerin aus Mississippi, die mir mitteilte, dass sie noch längst nicht für alle geflüchteten Kinder aus New Orleans eine Schule gefunden hätten. Dies vier Monate nach der Katastrophe.
Ein Jahr später schreibt Karin Reber in meiner Tageszeitung „Der Bund“:

Diejenigen, die zurückgekehrt sind, stossen auf Probleme, die sie fast zur Verzweiflung bringen: So finden jetzt, da das neue Schuljahr beginnt, zahlreiche Eltern keine Schule für ihre Kinder, weil sich mit 25’000 Schülern weit mehr angemeldet haben, als die Stadt erwartete. Nun fehlt es an Klassenzimmern und Lehrpersonal.

Bestätigung dafür liefert die Newsplattform von Luisiana’s TV, die ein paar Vergleiche anstellt:

ORLEANS PARISH PUBLIC SCHOOLS
Originally: 117 public schools
Open March 1: 18 (15% of original total)
Open this month: 34 (29%)

Schule weder hüben noch drüben. Weder im Exil noch daheim. Ich fühle mich persönlich angegriffen. Ich verfechte die Pädagogik der Unterdrückten und die Alphabetisierung für die Inuit. Ich kann meine Nachbarin unter Müttern Ist-doch-egal-ich-war-in-Mathe-auch-ne-Null nicht ausstehen. Tony Blairs bildungspolitisches Fiasko widert mich mehr an als seine Fehlentscheidungen in Kriegsführung. Es macht mich aggressiv.
Mr. Bush und seine Entourage orientieren sich im Umgang mit ihren Armenhäusern vermehrt an Mugabe – obwohl schon Chirac schlimm genug wäre.

Familienzweige

Baum vor der Kriche
Der Baum vor der Kirche und neben dem Pfarrhaus, wo meine Schwiegergrosseltern gewirkt haben und mein Schwiegervater zusammen mit zwei Brüdern und drei Schwestern aufgewachsen ist. Die Schwestern sind leider alle gestorben, durch das Dorf ihrer Kindheit haben uns die Brüder geführt.
Familientag 2006
Ein Sonntag mit alten und neuen, mit lustigen und traurigen Geschichten. Vor allem die vom Tag, als die neuen Kirchenglocken aufgezogen werden mussten. Flaschenzug und Aufzug für die Helfer waren gut gezimmert, aber es riss das Seil und zwei Männer stürzten ab. „Den zweiten,“ der auf den ersten drauf fiel, „haben wir durchgebracht.“

Tischgespräch [16]

Kind:
Ich habe jetzt eine Schachtel gefunden, in die ich einen Schlitz machen kann für die guten Taten. [Bringt eine Riesenschachtel.]
Mutter [griesgrämig]:
Ist die nicht etwas gross in Anbetracht der Tatsache, dass wir uns seit Monaten erfolglos vorgenommen haben, gute Sachen, die wir vollbracht haben, aufzuschreiben?
Kind:
Das ist doch egal!
[Telefon klingelt, Kind hebt hab.]
Kind:
Für dich, Mam, deine Schülerin.
Mutter ab.
Eine halbe Stunde später.
Kind:
Ich habe jetzt Zettel geschnitten – also genau abgemessen habe ich sie nicht – und einen Stapel in mein Zimmer gelegt und einen in dein Büro und einen in die Wohnstube. Die Schachtel selber steht auch ganz vorne beim Geschirrschrank, damit du nicht weit laufen musst, um deine Zettel einzuwerfen. Einen Bleistift habe ich dir auch schon hingelegt.
Mutter:
Schön. Und du, hast du schon gute Sachen von dir aufgeschrieben?
Kind:
Ja, ich habe wirklich alles und jedes notiert und schliesslich 11 Zettel zusammenbekommen.
Mutter:
Wow! Das ist ja wirklich gut! Ich weiss etwas vom letzten Montag; mein Referat bei diesen Buchhandelsleuten. Das war ok.
Kind:
Und für Dienstag?
Mutter [kaut an Bleistift und Fingernägeln]:
Keine Ahnung. Nichts ist wirklich gelungen.
Kind:
Aber das kann doch nicht sein! Du sagst mir ja auch immer, dass das nicht sein kann!
Mutter:
Meine Arbeit in der Schule hätte ich besser machen können und der Workshop am Abend war falsch vorbereitet.
Vater:
Dann schreib halt „trotz falscher Vorbereitung nicht den Faden verloren.“
Mutter:
Doch, natürlich habe ich den auch verloren.
Vater:
„Trotz Faden Mut nicht verloren“?
Mutter:
Ja, gut, das geht.
Kind [zu Vater]:
Du könntest ja auch einmal etwas aufschreiben. Denn eigentlich hast du auch unser Problem, dass du immer nur Fehler siehst und nicht genug das Gute. Perfektionistisch und pessimistisch.
Vater:
Nein. Ich schreibe nichts.
Kind:
Doch! Alle müssen helfen!
Vater:
Ok, ich schreibe, dass ich einen Zettel geschrieben habe.
Kind:
Klar! Man darf alles schreiben, alles! Alles was man gut gemacht hat.
[Mutter schiebt verschämt einen weiteren Zettel nach. Denn eine gute Tat oder eine nicht genügend gute Tat, das ist immer die Frage. Oder: Wie viele Generationen braucht es, um die protestantische Ethik zu bezwingen?]

C’est la vie

Gestern hatte ich eines von acht Referaten an einer Branchenveranstaltung. Ich hatte den Job bekommen zu erklären, weshalb aus Buchhändlern nicht – schnipp, schnapp – einfach Detailhändler werden können. Und dass man jetzt gerade so schön am Reformieren ist, macht die Idee auch nicht besser.
Es war eher eine der undankbareren Aufgaben meines Berufslebens. Und natürlich kam ich am Powerpoint nicht vorbei. Gottlob konnte ich bei einer unbewegten Variante bleiben.
Ich habe meinen Kolleginnen und Kollegen ans Herz zu legen versucht, dass das Buch neben dem konkreten Objekt eben auch ein abstraktes Objekt sei, weil wir ja die Bücher nicht hauptsächlich nach Titelbaltt auswählen, sondern nach Inhalten. Und weil wir höchstselbst auswählen und nicht unser Warenwirtschaftssystem, müssen wir Menschen ausbilden, die Inhalte mögen und motiviert sind, die Wahl jeden Tag neu richtig zu treffen. Ich habe die Detailhandelsfachfrauen befragt, warum sie als Zweitausbildung noch Buchhändlerin lernen, ich habe die Anzahl Lehrabbrüche in beiden Berufen geprüft und auch die Medianlöhne verglichen. Der Berufswunsch bei uns ist ausgeprägt, die Identifikation hoch, wir haben weniger abgebrochene Lehren als andere Verkaufsberufe und gleich wenig Lohn danach. Seit Februar begründe ich nun, weshalb eine angehende Buchhändlerin mehr als 80 Lektionen Branchenkunde auf drei Jahre verteilt braucht, weshalb sie etwas von Literatur verstehen sollte und weshalb Bibliografieren lernen seine Zeit braucht. Ich habe mich ans Ende meiner Kräfte argumentiert und mit Hilfe von anderen Fleissigen gestern eine Konsultativabstimmung gewonnen. Nicht rosig, aber immerhin eindeutig. Doch als ich im Zug nach Hause sass, befragte ich mich selbst dazu, ob das alles Sinn oder nur noch Wahnsinn ist.
Und heute Abend habe ich einen Workshop zum Thema „Networking“ gemacht, weil ich von einer SP-Sektion dazu eingeladen worden bin. Alle waren sehr nett, alle waren top informiert und hatten mindestens so viel Ahnung vom Thema wie ich. Meine Vorbereitungen waren nicht nur unpassend, sondern schon fast lächerlich.
C’est la vie, c’est la vie – wie das Kind zu sagen pflegt.

Die Aufklärung

hat inzwischen biblische Ausmasse angenommen. Alle berufen sich darauf, mich eingeschlossen. Broder stellt im Auszug aus Hurra, wir kapitulieren (ist bestellt) ebenfalls den Bezug her:

Es geht um Meinungsfreiheit, den Kern der Aufklärung und der Demokratie, und um die Frage, ob Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen sind, die sich ihrerseits respektlos, rücksichtslos und intolerant gegenüber allem verhalten, was sie für dekadent, provokativ und minderwertig halten, von Frauen in kurzen Röcken bis hin zu Karikaturen, von denen sie sich provoziert fühlen, ohne sie gesehen zu haben.

So oft ich mich über ihn geärgert habe, im ersten Teil dieses Artikels habe ich gemerkt, dass Broder eben lange ein Mitstreiter im Geiste gewesen ist und auch seine Recherche über die Karikaturen-Hetze stimmt überein mit dem, was ich gesammelt habe.
Vor zehn Jahren stand allein, wer Zensur bei Lehrmitteln, Extra-Lehrpläne und Dispensationen zu Gunsten einer religiösen Gemeinschaft strikt ablehnte. Diese Forderungen kamen oft von Muslimen, aber nicht immer. Zeugen Jehovas und andere „Stündeler“ haben noch heute hanebüchene Anforderungen an die Schulen (und sind führend im neu erlaubten „Home Schooling“, was ich gerade nochmals grässlich finde). Auch kann ich den Vergleich Islamismus / Nazionalsozialismus in einzelnen Bereichen nachvollziehen. Zum Beispiel fällt es mir relativ leicht, in Achmedinedschad den jüngeren Hitler zu sehen, ich habe allerdings nur die Fest-Biographie gelesen.
Aber rechtfertigt es die Prognose dritten Weltkrieg? Ich weiss es nicht. Seit 9/11 habe ich keine Ahnung mehr. Meinungen gab es immer viele, aber die Zahl der Experten, Einschätzungen, Fakes und Manipulationen sind in meiner Wahrnehmung explodiert. Ich komme mir längst vor, als lebte ich in einem Propaganda-Geschichtsbuch; und sogar das ist miserabel lektoriert.
„Vernunft, Tugend, Nützlichkeit und Empfindung“ führt unser Lehrmittel Literatur im Buchhandel als die vier zentralen Begriffe der Aufklärung. Ich finde das treffend. Durch Aufstände und Kriege, durch Wohlstand und Urbanisierung entstand daraus die „Toleranz“.
Was ich sicher weiss, ist, dass unser Jahrhundert diesen Begriff zu klären hat. Theoretisch und praktisch.

Der Tisch

Der neue Platz
war da, als ich heute morgen meine neue Stelle in der Abteilungsleitung antrat. Der Stuhl kam später, der PC folgt. Ich brachte mein Notebook mit. Alle waren sehr nett zu mir. Einen halben Meter neben mir sitzt ab heute mein Chef. Oder umgekehrt.
Ich begrüsse diese Woche die Neuen, die ihre Lehre angefangen haben. Mit den „Bisherigen“ schaue ich zuerst die Unterrichtsbeurteilungen an. Weil in diesem Blog auch schon Interesse am „Lehrerzeugnis“ bekundet wurde, habe ich dieses Mal eine Beurteilung gescannt, mit deren Publikation ich einigermassen umgehen kann.
Das ist alles für heute.
Es ist Zeit für Langsamkeit.
Dazu Vereds Waffenruhe lesen.
Ich denke an David Grossman, wie er es hat kommen sehen und doch das Schlimmste nicht verhindern konnte. Und an meine Patentante, der besten Kinderbuchlektorin und einer treuen Leserin Grossmans, deren Todestag heute ist.

On two

Ferien im Vorjahr
• Mujawayo, Esther: Ein Leben mehr Habe ich nicht fertig gebracht. Schon so viel über den Genzozid in Rwanda gelesen ist es vielleicht jetzt einfach genug. Mujawayo und ihre drei Töchter sind Überlebende, sie erzählt hier ihre Geschichte. Der Hammer Verlag ist der beste deutschsprachige Verlag für afrikanische Literatur.
• Nesser, Hakan: Barins Dreieck Drei Identitätsgeschichten, alle in Ich-Form. Die erste von einem Schrifsteller, der einen Selbstmord vortäuscht, welcher als Mord interpretiert wird. Weil es auch kriminalistische Elemente drin hat, musste ich soeben meine ziemlich gute Zusammenfassung löschen, um nichts zu verraten. Die zweite erzählt von zwei Jugendfreunden, die sich sehr ähnlich sehen. Als sie sich später im Leben wieder begegnen, beschliesst der eine, den anderen an seiner Psychotherapeutischen Praxis zu beteiligen. Sie treten fortan als EIN Therapeut auf. Ein packender Plot. Die dritte ist nur für Lehrpersonen geeignet, die sich voller geistiger Gesundheit erfreuen. Protagonist ist ein Lehrer, der ausnahmsweise fünf Mintuen zu spät in die Schule kommt und sich bereits durch die Tür unterrichten hört. Er öffnet sie einen Spalt und sieht sich vor der Klasse stehen. Was folgt ist Flucht und die irrsinnige Beschreibung einer Psychose.
• Nesser; Hakan: Kim Novak badete nie im See von Genezareth Noch nicht gelesen.
• Riel, Jorn: Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf Noch nicht gelesen, weil in Händen von Kind und Mann. Es klappt in den Ferien nicht lückenlos, unsere Lesegeschwindigkeiten und die Seitenzahlen auf die Buchauswahl abzustimmen.
• Roggenkamp, Viola: Familienleben Die Jüdischen haben einfach ein Händchen für den Familienroman. Ein exzellentes Buch, angesiedelt in den Sechzigern und Siebzigern in Hamburg. Es gab viele Besprechungen und ich bin unsicher, ob es nötig ist, es auch noch zu besprechen…? Fania, die dreizehnjährige Erzählerin, ist jedenfalls die eingängiste Figur meines literarischen Sommers. Und weil mir das Buch so gefallen hat und ich Roggenkamp auch sonst mag, selbst wenn sie über die Thalassotherapie ihres Maus-Arms in Biarritz schreibt (Kult Nr. 7 / 2004, S. 9), habe ich gleich noch weiter von ihr gelesen, nämlich:
• Roggenkamp, Viola: Tu mir eine Liebe – Meine Mamme Roggenkamp leitet den Interviewband mit einem ausgezeichneten Essay ein. Es geht ihr um die Frage, wer jüdisch sei, wer der Generation der Überlebenden angehöre und um die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Menschen über ihre Mamme erzählen. Es folgen erschütternde, rührende und abstossende Beschreibungen von verschiedenen Leuten über das Leben mit ihrer jüdischen Mutter, die immer eine Überlebende ist. Denn die Kinder der Mütter, die ermordert wurden, wollten über sie nicht sprechen. [Und im Moment lese ich wieder Roggenkamp, nämlich: Von mir soll sie das haben? – ebenfalls ganz ausgezeichet.]
• Sachs, Jeffrey D: Das Ende der Armut Keinen Elan für Sachbücher.
• Stelly, Gisela: Moby Ein leichtes Buch, einmal mehr in der Reihe „Kinder schräger Eltern – eine Ablösung“. Zuerst fand ich, nö, das hatten wir ja schon origineller aber dann entdeckte ich doch etwas Neues. Bis jetzt schreiben meistens die Kinder aus erster Ehe über die Achtundsechziger. Moby ist aber ein Mädchen aus der zweiten Ehe ihres (durch Medien zu Reichtum gekommenen) Vaters mit einer jüngerern Frau, die eher von den Achzigern zwischen Yuppietum und Selbstfindung abstammt. Eine interessante Konstellation, anschaulich und witzig erläutert. Daneben eine Pubertätsnovelle, die in Südfrankreich spielt. Ein geeigneter Ferientipp für ein breites Publikum und doch nicht das, was jeder sowieso schon kennt.
• Voltaire: Candide Ich hatte ja keine Ahnung! Einst eine Zwangslektüre, hatte ich Candide völlig verdrängt. Was für ein ausgezeichnetes Buch. Jedoch so grausig, dass selbst deSade hat abkupfern können. Die Zusammenfassung der Handlung findet sich in jeder Literaturgeschichte, aber dieser Sarkasmus zur „besten aller Welten“, den gibt es nur im Lesen. Voltaire hat Leibniz buchstäblich geschlachtet. Doch der tröstliche Schluss, Candids Aufruf den Garten zu bestellen, war für mich durchaus eine optimistiche Erkenntnis: Die, dass man jederzeit in jeder Phase der Schlacht zurück, aufhören und ein Apfelbäumchen pflanzen kann.
Ich bin sehr froh, diesen Klassiker mitgenommen und trotz seiner Kürze über eine Woche intensiv gelesen zu haben. Und ich hatte natürlich die schönst mögliche Taschenbuchausgabe, illustriert von Paul Klee.
• Von Wiese, Benno: Deutschland erzählt Eines meiner zerlesensten Bücher. Ich hatte es schon in der Buchhandelsschule und liebe es noch heute. Von Wiese hat eine gute Auswahl getroffen, die Erzählungen waren für mich Türöffner. Dieses Mal habe ich Schnitzler, Heinrich und Thomas Mann, Kafka und Musil wieder gelesen. Und zum ersten Mal über Thomas Mann richtig laut gelacht. Gernhardt hat es ja immer gesagt.
• Zaimoglu, Feridun: Leyla Zaimoglu erzählt die Geschichte seiner Eltern, vorwiegend seiner Mutter, die aus der Türkei nach Deutschland kam. Eigentlich interessant, aber es war mir für die Ferien zu langatmig. Die Kritiken waren alle sehr gut und ich werde es in meine Bibliothek integrieren, um ein anderes Mal darauf zurückzukommen.
• Zeindler, Peter: Der Schreibtisch am Fenster Ich habe erst bei der Lektüre gemerkt, dass ich dieses Buch vielleicht etwas vorschnell empfohlen habe. Wahrscheinlich ist es für Leute, die sich im Buchhandel und Verlagswesen auskennen, um Lichtjahre unterhaltsamer als für andere. Nachfolgend eine Mini-Zusammenfassung und in Klammer meine Unterstellung der Vorbilder in der Realität.
Ein wenig berühmter Autor (Zeindlers Alter Ego) eines renommierten Verlages (Suhrkamp) schreibt einen Roman über diesen Verlag und die internen Machenschaften dort. Als er die ersten Kapitel hat, wird er von einem ausgebrannten Erfolgsautor (Zwitter Handke/Walser) des gleichen Verlages gebeten, dessen neuen Roman als Ghostwriter zu scheiben. Dies, weil der Erfolgsautor ohne Neuerscheinung seine Gesamtausgabe vom Verleger (Unseld) nicht kriegt. Dass alle die gleiche Frau (Berkéwicz) im Bett haben und das Informelle zum Intriganten und dann literarisch verwurstet wird, versteht sich fast von selber. Äusserst unterhaltsam, aber für ein Publikum, das der Branche und der Schriftstellerei etwas abgewinnen kann.
Voilà. Im Gebirge der Schuladminstration und im Angesicht einer zerrissenen Welt ist Literarisches ein Rastplatz. Mit Blick in Abgründe aber auch darüber hinaus.

On

Nach Ferien und Klausur ein Rückblick auf Lektüre und deren Abweichungen vom Vorgesehenen.
• Ben Jelloun: Papa, woher kommt der Hass? Aus dem Bedürfnis fundierter zu werden, hab ich den schmalen Band quergelesen; auch so ein Paradoxon aus meinem Beruf. Dieser Dialog zwischen Vater und Tochter bietet mehr als eine Zusammenfassung der Weltreligionen mit Fokus Islam. Aufschlussreich. (Aber die aktuelle Berichterstattung in der französischen Presse – schon de Gaulle wollte dem „Orient compliqué“ mit „idées simples“ beikommen – liess mich dieses Buch vernachlässigen. Und vielleicht auch die schlechte Illustration.)
• Bichsel, Peter: Die Jahreszeiten Das Buch ist in den fünfzig anderen der Mitreisenden untergegangen. Schicksal des dünnen Rowohlt Rotationsdrucks aus den Siebzigern. Die Lektüre hole ich nach, die erste Seite ist ausgezeichnet. Der Mann versteht es, Sätze zu zimmern. Deshalb ist er ja auch in den Lesebüchern drin. Mit dem anderen Mann, der dem Bett Bild sagt und dem Spiegel Stuhl oder war es Wecker?
• Binding, Tim: Henry Seefahrer Keinen Anschluss gefunden. Aber eine andere Ferienmacherin hat mir netterweise den Inhalt erzählt. Die eher weit hergeholte Rahmenerzählung über ein verlorenes Kind umschliesst eine gute Binnenerzählung über Schiffe und den Falklandkrieg, der noch nicht oft in Romanen vorkommt. So schnell Kriege Einzug in ein Land halten, so lange dauert es dann in der Literatur.
• Ehrenreich, Barbara: qualifiziert & arbeitslos Lustlosigkeit für das arme Sachbuch. Later.
• Flynn, Nick: Bull Shit Nights Ein neues von zahlreichen Büchern über Elternleben vom Kinderleben aus betrachtet. Und doch nicht alltäglich. Ohne Tamtam um das Autoren-Ich schreibt Flynn seine Biografie als Roman. Mutter und Vater schwanken durch die Sechziger und Siebziger, die Mutter nimmt sich das Leben, der Vater wird zum Penner, der Sohn schrammt nur knapp an der Imitation seiner Erzeuger vorbei. Er trifft als Erwachsener den heruntergekommenen Vater im Obdachlosenheim, wo er als Betreuer arbeitet.
Zwei Dinge, die der Klappentext nicht im Mindesten erwarten lässt, bietet das Buch: Es erzählt über Sozialarbeit in den USA (Boston) inklusive Invalidenversicherungsanträge und Gefängnisalltag. Aber auch über die wechselseitigen Unsicherheiten und tief drinnen definierte Pflichten, wenn Eltern von Kindern Unterstützung brauchen. Sehr zu empfehlen und weitgehend unbekannt.
• Gunn, Kirsty: Der Junge und das Meer Eher laue Geschichte. Von einem Jungen mit Neo-Hippie-Eltern auf einer Badeinsel wohnend. Eine Ablösungsgeschichte wie es viele gibt, aber vor dem originellen Hintergrund, dass der Vater, ein Super-Surfer, vom Sohn aus den Fluten gerettet werden muss. (Furchtbar hingegen die Personifikation des sprechenden Meeres.)
• Khadra, Yasmina: Nacht über Algier Khadra (echter Name Mohammed Moulessehoul) hat es inzwischen auf dem Buchmarkt geschafft. Zu Recht. Ein absolut lesenswerter algerischer Autor, der zwischen Massentauglichkeit auf Aufklärung einen Schalter hat, den er genau richtig bedient. In diesem Fall nutzt er das schwedische Modell: Via Kommissar bringt er die Geschichte und Gegenwart Algeriens an den Leser. (Allerdings ist die Häufung der Verbrechen in Algier wesentlich weniger weit hergeholt als bei Mankell in Ystad.)
• Krohn, Tim: Heimweh Hierzulande oft gelobt, hat mich dieses Glarners Erstling „Quatemberkinder“ nicht erreicht. Jetzt bin ich dankbar, ihn durch die drei Kurzgeschichten doch noch kennen gelernt zu haben. Der kann nicht einfach gut beschreiben, sondern Charaktere entwerfen; die Leserin mit nur wenig Anlaufzeit ausschicken, in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Hier in drei Geschichten von mutterlosen Jungs, die eine Entscheidung zu treffen haben. Das Kind hat „Heimweh“ auch gelesen und sagt dazu: „Man merkt erst wenn man aufhört, dass man drin war und diese Menschen kennt und sie auch wirklich echt sind“.
• Dada global: Ausstellung im Kunsthaus Zürich 1984 Zu guter Letzt doch wieder aus dem Koffer genommen. War mir zu schade, ist so ein schönes Buch mit so seltenen Bildern. Aber wann lesen?
• Morand, Paul: Aufzeichnungen eines notorischen Schwimmers Ein Kleinod. Es gibt ja diverse Kulturgeschichten des Lebens am und mit dem Meer, aber diese ist wirklich etwas Besonderes. Morand (1888-1976) beschreibt am Ende seines Lebens kurz die Strände und Meere, die Schwimmstile und das grosse Blau in der Literatur. Ich fühlte mich bei der Lektüre
a) verstanden – weil ich ohne regelmässige Rückkehr ans Meer auch Mangelerscheinungen habe.
b) Unbelesen – weil dieser prä-googlische Mensch einfach alles auch noch so Unbekannte zitieren konnte.
c) Zugehörig – auch wenn er hundert Strände und Seegänge und Klippen mehr als ich gesehen hat, so scheint Schwimmern der Blick auf Eigenartiges gemein zu sein.
Das Buch hört auf, wo der Massentourismus anfängt. Deshalb wird Morand, der Diplomat, neben elaboriert gegen Ende auch noch elitär. Wunderbar.
Fortsetzung folgt. Sofern hier weiter Friede sei, die Kerne der Nachbarschaft am Schmilzen gehindert werden und ich mich nach der Lektüre des neuen Dudens überhaupt noch zu schreiben traue.