Selbstzensur

Es war die Woche der Steilvorlagen für meine politischen Feinde auf Stimmen Stimmungs-Fang im gemeinen Volk.
Mehr rechte und erst noch schlechte Recherche blies zum Halali gegen eine Schulkommission und brachte die Freunde der Freiheit für das getragene Schweizerkreuz auf den Plan. Gut getroffen!
Und wer schon dabei war, konnte auch wieder einmal einen Bundesbetrieb in die Pfanne hauen. Da mir die Archive der Bundesstadt eher vertraut denn fremd sind, kann ich auch hier seriöse Recherchierarbeit mit Sicherheit ausschliessen. Hauptsache „übertriebene Bürokratie!“ schreien, „Dauerberschuss“ heraufbeschwören und dann Köpfe rollen lassen. Bingo!
Und ein Genosse hat es ganz locker nebenbei geschafft, den-dessen-Namen-nicht-genannt-werden-soll in die Schlagzeilen und dem Schweizer Volke näher zu bringen. Diese Gratis-Sympathien werden 30-Personen-Demos nicht schmälern, sondern steigern. Glanzleistung, Gratulation!
Und wer jetzt nicht draus kommt, hat natürlich Recht, weil alles Zusammenhängende und Aufschlussreiche der Schere gegen Suchmaschinen anheim gefallen ist.
Weil ich den Wörtermüll der Hatz nicht wiederholen will und eine lehrerhafte Abhandlung über verschludete und unverschuldete PR-Erfolge politischer Feinde höchst anspruchsvoll zu schreiben, dafür sehr langweilig zu lesen wäre.

Tischgespräch [17]

Kind:
Also Buchhändler und Informatiker will ich sicher nicht werden.
Mutter:
Warum nicht Buchhändler?
Kind:
Einfach, weil es viel zu anstrengend ist.
Mutter:
Aha. Ich hatte bis jetzt nicht den Eindruck, dass dir Buchhandelskompetenzen besonders schwer fielen: Lesen, einkaufen, verkaufen, planen, recherchieren.
Kind:
Ich möchte es trotzdem nicht, diese Dinge macht man ja sowieso schon im Leben, sie sind nichts Besonderes.
Mutter:
Und warum nicht Informatiker?
Kind:
Das habe ich vergessen.
Mutter:
Tja, dann wird es wohl nicht so definitiv sein.
Kind:
Doch, die Entscheidung ist definitiv, dass ich den Grund nicht weiss, ist einerlei.
[Das Gespräch geht Tage später weiter.]
Mutter:
Wenn man Berufe gut kennt, wie zum Beispiel die der Eltern, idealisiert man sie weniger. Ich wollte auch nie werden, was meine Eltern waren. Du kennst halt auch die Kehrseiten. Was willst du denn dann werden?
Kind:
Das weiss ich noch nicht. Vielleicht Hausarzt. Oder Lehrer. Aber nicht Klassenlehrer. Das auf keinen Fall. Meine Klassenlehrerin hat eine mega-anstrengende Arbeit. Sie ist für alles voll verantwortlich.
Mutter:
Aber was ist schlecht daran, verantwortlich zu sein?
Kind [wendet sich ab, liest einen Comic]
Mutter:
Jeder ist sowieso verantwortlich und zwar nicht nur für sich allein. Verantwortung ist wie das Wetter, sie ist einfach da. Manche sind besser gewappnet, andere ertragen sie weniger, manche besetzen die trockenen Plätzchen länger, andere stehen früher unter freiem Himmel und müssen die Verantwortung auf sich niederprasseln lassen ohne krank zu werden. Aber Verantwortung hängt nicht hauptsächlich mit einem Job als Klassenlehrerin oder Lastwagenfahrer zusammen, sondern mit einem Job als Mensch.
Kind:
Reg dich nicht auf… [murmelt es und bleibt abgewendet in der Hoffnung, die Predigt sei zu Ende]
Mutter:
Heerscharen von Kindern gab man Meerschweine, damit sie Verantwortung lernten, aber es sieht schitter aus an der Verantwortlichkeits-Front.
Kind [hat nachgedacht]:
Aber als Lastwagenfahrer habe ich nicht gleich viel Verantwortung wie als Klassenlehrer.
Mutter:
Ach Kind, ein verantwortungsloser Lastwagenfahrer kann jeden Klassenlehrer samt Klasse platt machen.
Kind:
Dann gibt es echt keinen Beruf mit wenig Verantwortung!?
Mutter:
Das musst du die Leute im Berufsinfozentrum fragen. Die haben sicher einen Verantwortungsfilter, so wie sie einen Abklärungsfilter für Arbeit drinnen / draussen und Arbeit mit viel Kommunikation / mit wenig Kommunikation haben, um dir passende Berufe vorzuschlagen. Ich persönlich glaube nicht, dass Verantwortung vom Beruf abhängt. Ich kenne junge Migros-Kassiererinnen, die haben daheim viel mehr Verantwortung als alte Bankiers auf der Arbeit.
Kind:
Ich kenne Kassiererinnen aber keine Bankiers.

Swissness IV

Eine Frage, die ich mir Zeit meines Lebens ca. 200 Mal gestellt habe und der Mann sich ca. 5’000 Mal („seit meinem 8. Lebensjahr!“) gestellt hat, ist endlich beantwortet.
Platznummerierung bei der SBB
Welche Logik steckt hinter der Platznummerierung in SBB-Zügen? Dass da keine wäre, haben wir beide nie in Betracht gezogen.
Dank einer Bund-Kolumne und einem pensionierten SBB-Logistiker, der der Zeitung auf die Sprünge geholfen hat, wissen wir es jetzt: Merci AskForce vom 16. Oktober 2006!
Das ist die Swissness, die wir wollen – jedes Wort davon – und ganz besonders die Pointe im letzten Satz.

Drei Glücksgeschichten

Oleanderblüte im Herbstlicht
Der Oleander meiner Schwiegermutter blüht – ununterbrochen – seit dreieinhalb Monaten auf dem Balkon vor meinem Büro. Sie selber ist nach einer schweren Krebsoperation wieder daheim und munter.
Im deutschen Buchhandel hat der Konkurrenz-Nager noch nicht alle Verbindungen gekappt. Da helfen sich Buchhändlerin und Buchhändler im Dienste der Kundin gegenseitig aus und ich werde sentimental dabei. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich 1989 als Buchhandels-Greenhorn Das Foucaultsche Pendel durch Berns Gassen balancierte, weil die Buchhandlungen einander die schnell ausverkauften Bücher so oft hin- und hergeliehen haben. Damit ja jeder Kunde in jedem Winkel der Stadt eines bekommen konnte und nicht plötzlich beschloss, auf die Taschenbuchausgabe zu warten. Diese Zeiten sind zwar vorbei, aber ich hoffe auf ein Wiedersehen.
Auf zur ganzen Geschichte.
Im Informationsblatt der SP meiner Sektion macht sich am Ende immer einer Gedanken; unter einem Pseudonym. Dieses Mal ging es um Gesinnung und Charakter und die Folgen der Annahme, die beiden müssten sich gleichen. Ein Plädoyer für die gute Zusammenarbeit in einer Partei, aber ebenso für die gute Zusammenarbeit überall sonst.

Unser Leben lässt sich beschreiben als ein Zusammenfügen, Trennen und Auseinanderhalten, Liegen-lassen von Dingen. Niemand kann gewährleisten, dass uns Gefühl und Verstand dazu immer die richtige Anleitung geben, und so reihen sich denn Treffer und Irrtümer in bunter Folge zur Biografie.

Aufs Ganze. (Aus: aSPekte Nr. 9 der SP Bümpliz-Bethlehem.)

Pausen-los

7:45 Mit Kind zum Arzt
Coiffeur-Termin für Kind
Pamuk-Pressespiegel erstellen
Pamuk-Pressespiegel achzig x kopieren
Pressespiegel Yumus/Grameen?
Reservation von PC-Zimmern f. 2. Lj.
Ab 13.00 Uhr: Glaser! (Fensterscheibe)
Zusammenfassung A4 Essenz Sitzung gestern
Fotos schneiden für Schulwebsite
Update dort
wer überarbeitet welche Links?
Prüfungsexpertin im Kinderurlaub anrufen
Anfrage alle Expertinnen für Prüfung 2007
Kontrolle Anmeldeformulare für Prüfung 2007
Struktur für neue Quartierwebsite überlegen
Terminvorschläge für Sitzungen an Diverse
Projekt Verkaufsargumente TBs / Hardcovers vorb.
Accounts von Spammern bei buchhändlerin löschen
Fullbackups kontrollieren und archivieren
Post-it to myself: Nie wieder ein neues Ehrenamt annehmen, ohne ein altes abzutreten. Nicht nur theoretisch, sondern praktisch, inklusive Übergabe des letzten Zettels. Vorher kein neues Ehrenamt. Bitte wiederholt lesen.

Nur rasch zu Pamuk

(… weil frau ja leider nicht frei machen kann, weil der Literaturnobelpreis auf dem Programm steht.)
Orhan Pamuk wird den Nobelpreis erhalten, was mich sehr freut. Und das Kind kennt ihn im Gegensatz zu Harold Pinter sogar ein bisschen, was meine Ausschweifungen in den nächsten Tagen bestimmt erträglicher macht.
Und die Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat wieder einmal ihre Gossip-Quellen ihr gutes Gespür bewiesen und ihm „unseren“ Preis schon vor einem Jahr verliehen.
Dies ist auch gleich mein Tipp für „Orhan Pamuk in Kürze“: Seine Preisrede von 2005. Steckenweise schwülstig, aber typisch für seine Situation zwischen den Stühlen, die ja sein Antrieb ist.
Liisa hat im Litblog natürlich über das Pamuk’sche Werk geschrieben. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass sie das nicht erst seit heute tut. Dafür danke ich ihr!

Wann Sie Bücher kaufen, wenn Sie welche kaufen

Hauptsaison
Grafik: buchreport
Im Buchhandel beginnt jetzt die Hauptsaison. Kalter Wind wäre wünschenswert, möglichst oft viel Schnee ganz wunderbar. Entscheidend für unsere Jahresergebnisse ist der Schlussspurt, denn im ersten Dreivierteljahr erreicht der Sortimentsbuchhandel weniger als zwei Drittel des Jahresumsatzes. Allein auf Dezember entfallen fast 20% des Gesamtumsatzes, was allerdings nicht in jeder Buchhandlung gleich ist. Eine mitteleuropäische Buchhandlung, die auf Reisen spezialisiert ist, hat ihre Spitzenzeit im Juni, eine Universtitätsbuchhandlung hat sie jetzt.
Wie jede andere Branche machen auch wir Prognosen und berechnen das Umsatzpotenzial, schliesslich steht das Budget für das nächste Jahr an. Aber nicht alle Warengruppen haben in jeder Saison das gleiche Potenzial. Gebundene Bücher haben für das verbleibende Jahr vielleicht noch 50% Potenzial (die verlieren auch als Geschenke an Relevanz), die Hörbücher ebenfalls (die gewinnen an langen Winterabenden nämlich nicht an Bedeutung, weil sie momentan überwiegend im Zug und im Auto konsumiert werden) Schul- und Lehrbücher noch 20% (deren letzter Peak ist Semesterbeginn im Oktober), Kalender haben dafür 70% Chancen auf Verkauf (wobei sie auch schon bessere Zeiten gesehen haben).
Inzwischen bleibe ich gelassen, wenn ich höre und lese, dass der Sortimentsbuchhandel von gestern sei, nicht viel Ahnung vom Geschäfte machen habe, das Buch zum Kulturgut hochstilisieren müsse, weil die Branche nicht kalkulieren könne. Seit 1997 hatten wir im deutschsprachigen Buchhandel eine schwankende Umsatzentwicklung zwischen minus 3.8 und plus 1.9, Bücher sind gemäss schweizerischem Landesindex der Konsumentenpreise seither laufend billiger geworden, die Angestellten können froh sein, wenn sie knapp den Teuerungsausgleich bekommen und immer noch gehen Buchhändlerinnen und Buchhändler weniger stempeln als der Durchschnitt. Aber rechnen, nö, rechnen können wir nicht.

nicht laut noch leise

Ich bin sicher keine Bloggerin, die oft über die Presse schnödet. Medienmenschen machen ähnliche Arbeit wie Buchmenschen, mal besser, mal schlechter, mal unabhängiger, mal grosskonzerniger, aber immer pünktlich als tägliches Brot auf jedem Tisch.
Das Lob für gewisse Beiträge kommt zu kurz und wenigstens hier und heute soll es anders sein.
Ich war erstaunt und froh in der Berner Presse einen halbseitigen Bericht zur Liquidation der Journalistin, Autorin und Olof-Palme-Preisträgerin Anna Politkovskaja zu lesen. Dank für den Artikel im heutigen Bund an Klaus-Helge Donath in Moskau.
Dank auch an den Standard für das Dossier, auf welches mich Liisa hingewiesen hat.
***
Und ich bin dankbar, dass Charles Linsmayer immer sehr Buch-orientiert über die Messe berichtet. Auch wenn ich seine Meinung bisweilen nicht teile (Zitat: „Indien (…) mit einer Ausstellung, die in ihrer spröden und einfallslosen Art an die Präsentation einer Exportbank erinnerte“), ist es doch überwiegend eine Wohltat seinem Augenmerk zu folgen. Am vergangenen Samstag hat er als einer der wenigen über die Messe-Institution Lesezelt geschrieben:

Das Lesezelt ist nicht nur der einzige Ort, wo Bücher wirklich Aufmerksamkeit finden, es finden da bisweilen auch Buchpräsentationen statt, die weit über die Messe hinaus für Aufmerksamkeit sorgen.

***
Heute hat Linsmayer die Messe mit dem Bund-Artikel Lebendig wie eh und je: Das Buch abgerundet…

«Die Personalisierung im offenen Raum nimmt zu», meint Kiepenheuer-Chef Helge Machow. (…)
Weiblich, jung und hübsch muss sein, wer im Frankfurter Rummel mit Literatur Furore machen will. Wie Katharina Hacker, die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, die sich gerne mit ihrem vier Wochen alten Baby zeigt und deren triste deutsch-britische Paargeschichte «Die Habenichtse» kaum ein Kritiker ausserhalb der Jury Thomas Hettches «Woraus wir gemacht sind» oder Sasa Stanisics «Wie der Soldat das Grammofon repariert» vorgezogen hätte. Oder aber männlich, alt und umstritten. Wie Martin Walser, dessen Konterfei omnipräsent ist, wie Günter Grass, der auf dem «Blauen Sofa» über die FAZ herzog, die Briefe von ihm veröffentlicht hat, in denen er vor Jahren Wirtschaftsminister Schiller aufforderte, die NS-Vergangenheit offen zu legen.

…aber den Titel gleichzeitig im Kommentar Schöne neue Weltbildwelt auf sympathisch altväterische Weise negiert.

Könnte man die Hälfte der fast 400 000 Neuerscheinungen zum Verschwinden bringen: Es wäre nicht schade darum, ja für die verbleibenden sogar besser. Bloss würde die Hälfte, die bleiben soll, für jeden wieder anders aussehen, so dass insgesamt eben doch die ganze Fülle erhalten bleiben muss: das Thai-Bio-Kochbuch ebenso wie der rätoromanische Gedichtband.

Gast von Ehre

Hand made
Im Netz ist mehr zur diesjährigen Frakfurter Buchmesse zu finden, als je gelesen und geschaut werden kann. Nur von den beiden wunderbaren Ausstellungen des Gastlandes wird online weniger gezeigt, als sie es verdient hätten.
Als überzeugte Promoterin des Wortes gegenüber dem Bild musste ich für die nachfolgende Slideshow über meinen Schatten springen. Es handelt sich dabei nur um meine persönlichen Schnappschüsse der indischen Handwerksausstellung und um die Ausstellung „TODAY’S INDIA“, an welcher Bücher aus und zu Indien und Ursprünge indischer Kommunikation in liebevoller, sorgfältiger Weise gezeigt worden sind:
India – Guest of Honour.

Indische Liebesgedichte

Indische Liebesgedichte übertragen von Friedrich Rückert
Indische Liebesgedichte
Übertrage von Friedrich Rückert
Insel Taschenbuch 2006

Ein tapferes Schneiderlein ist dieses Bändchen. Denn es schlägt mindestens sieben auf einen Streich.

  • Friedrich Rückert war ein Klassiker und er ist heute zu Unrecht unbekannt.
  • Er ist wohl der Verdienstvollste unter den deutschen Übersetzern islamischer und indischer Literatur (und deshalb braucht die Welt eine Ergänzungen zu dem Reclam-Bändchen seiner eigenen – bisweilen etwas holprigen – Gedichte).
  • Das Büchlein ist ein perfektes Exempel für die Kunst der Nachdichtung. Als Leserin bin ich überzeugt von der Sinnestreue der Übertragung und das will etwas heissen.
  • Die Gedichte strafen die Vulgär-Erotik Lügen, die wir hier seit den Sechzigerjahren aus Indiens Dichtkunst filtern.
  • Die Einleitung von Martin Kämpchen gibt einen schönen Abriss über die chaotische Welt der indischen Mythologie, in der nichts ist, wie wir es erwarten würden.
  • Dies ist zugleich eine schöne Auswahl der Dichtkunst in Sanskrit, dieser alten hochentwickelten Sprache, in welcher die Epen des Hinduismus, Buddhismus und später auch des Sikhismus geschrieben worden sind.
  • Das Buch ist – wie gewohnt bei Insel – ästhetisch anzusehen, die Schrift gut zu lesen, der fremdartige Inhalt dank des Glossars auch für uns gut zu verstehen.