
Es sind Wahlen in diesem merkwürdigen, alten, grossen Kanton, wo die meist übersetzten Schweizer Jeremias Gotthelf und Friedrich Dürrenmatt herkommen. Ja, klar bin ich Lokalpatriotin. Langsam, dafür wohlüberlegt, unflexibel dafür treu. Neben dem walliserischen den beliebtesten schweizer Dialekt sprechend. Vernetzt, aber nur untereinander. Mit kulturellem Graben zwischen Stadt und Land. Das ist in etwa, was man sich so erzählt.
Neu gewählt werden der Grosse Rat und der Regierungsrat. Angesichts der rot-grünen Stadtregierung wird oft unterschätzt, wie tonangebend die bürgerliche Kantonsregierung eigentlich ist. Zum Beispiel die Schulen sind ihre Angelegenheit, O-Ton „Wir passen das Bildungssystem an die Bedürfnisse der Gesellschaft an“. Und die unerträglichsten wie unrentabelsten Sparmassnahmen sind ebenfalls auf kantonalem Mist gewachsen. Heuer treten die Bürgerlichen gleich mit sechs Köpfen an, genug, um überparteilichen Widerstand zu Rettung der Konkordanz zu provozieren. Die Linke bleibt mit drei Kandidaten und einer Kandidatin bescheiden.
Leider haben viele den Ernst der Lage nicht erkannt. Ich dachte ja eigentlich, weniger Sachverstand als bei meinem abtretenden obersten Vorgesetzten sei nicht mehr möglich, aber nach dem Studium der bürgerlichen Liste gebe ich zu, vermessen optimistisch gewesen zu sein.
Personenwahl ist angesagt. Nur Alte können sich noch mit Parteien und Vereinen identifizieren. Oder Kinder. Zum Beispiel mit Greenpeace. Wegen der Wahle. Alle anderen wählen Nasen, Brillen, Scheiteln, Schlagworte und vielleicht noch das Zitat aus einem Interview.
Pesonenpromotion aus meiner Sicht:
Ich wähle Andreas Rickenbacher, weil der gut ist. Und benachteiligt durch ein Paradoxon im Verhalten direkt demokratischen Wahlvolkes, welches so funktioniert: Alle arbeiteten immer gern mit Rickenbacher zusammen. Er ist weit über die Partei hinaus beliebt und als seriös, intelligent und ameisenfleissig bekannt. Er ist konsensfähig und hat seine Führungsqualitäten in etlichen Gremien, Kommissionen und in Verbandsarbeit unter Beweis gestellt. Alles mit Bravour und Opferbereitschaft. Er ist sich nicht zu schade, Laien komplizertes Zeugs wie Finanzierungskonzepte näher zu bringen, auch in stickigen Gemeinschaftszentren. Ich verdanke ihm einige Durchblicke. Zäntume gelobt und mit den idealen Qualifikationen versehen, entschliesst er sich also für ein höheres Amt zu kandidieren. Und was passiert? Die einen lamentieren, er sei farblos, die anderen finden in zu wenig charismatisch, die Dritten meinen, eigentlich sei er noch gar nie so richtig aufgefallen und die Vierten zweifeln an seiner Profilierungsfähigkeit. Äbe.
(So nid. Muess e Läserbrief schribe. Cha-n-ig ja bim Stüür-Sunntig a-hänke.)
Ich wähle Barbara Egger, weil die als Bisherige Erfahrung und ihren Job in der Minderheit sehr ordentlich gemacht hat.
Ich wähle Philippe Perrenoud, weil man mir das ans Herz legt und ich wirklich nichts gegen ihn oder seine Arbeit einzuwenden habe. Aber das Geschrei um den jurassischen Regierungsratssitz widerstrebt mir. Hat Berns Westen einen garantierten Sitz? Mitnichten. Quotenjurassierei nervt die Städterin.
Ich wähle Berhard Pulver, weil die Roten das den Grünen versprochen haben. Und umgekehrt. Es kostet mich ein wenig Überwindung, aber ich bin schon unangenehmere Kompromisse eingegangen.
Also, Leute, die ihr hier im Kanton Bern etwas zu sagen hättet: Geht wählen und überzeugt euren Nächsten und Übernächsten davon. Und auch die, die gerade umziehen, denn diese Wahlen fallen so ziemlich auf den offiziellen Zügeltermin. Ohne aufmerksame Freunde werden Couverts mit Wahlmaterial im alten Briefkasten vergammeln oder bis zum nächsten Zügel in der Bananenkiste liegen bleiben.
Wen ihr in den Regierungsrat wählen solltet, habe ich hiermit gesagt, in den Grossrat gehören natürlich die Leute aus meinem Quartier. Und die aus eurem auch. Denn dieser Kanton ist viel mehr mehr als Stadt und Land mit Graben.
Und die, die in Bern nichts zu wählen, aber trotzdem bis hier mit Lesen durchgehalten haben, können bitte die Daumen drücken am 9. April. Zum Beispiel für eine hohe Beteiligung. Danke, das ist lieb.
Kantonale Klammer zu.
Autor: Tanja
ISBN-13
Weil das wirklich den einen oder andern zu interessieren scheint, schreibe ich gern noch etwas mehr zur neuen dreizehnstelligen ISBN.
Ab 1. Januar 2007 wird die Institution zehnstellige ISBN abgelöst von der ISBN-13, auch bisherige Nummern werden in Dreizehnstellige umgewandelt. Das bringt für die Buchhändlerlin einen Ablösungsprozess mit sich.
Die zehnstellige ISBN ist ein Stück meines Berufslebens. Ich lese daraus, in welchem Sprachraum ein Buch erscheint, ich sehe darin, ob ein grosser oder ein kleiner Verlag es gemacht hat, bei kleinem Verlagsprogramm die Anzahl der Verlagsprodukte, oft erkenne ich das Verlagshaus, weil ich viele Verlagsnummern auswendig kann. Ich könnte sogar von Hand ausrechnen, ob dier ISBN stimmt oder sich der Kunde eventuell verschrieben hat. Kurz: Diese Nummer zeigt mir das Buch. [Dossier dazu.]
Dazu ist die ISBN als Erfindung etwas, worauf wir uns im Buchhandel etwas einbilden können. Seit den Siebzigern sind so viele neue Verlage dazu gekommen (in den Neunzigern sind die ganzen Ostverlage und viele Afrikaner dazu gestossen), dass wir mit Fug und Recht behaupten konnten, so gut wie jedes Buch der Welt sei zweifelsfrei identifizierbar.
Heute ist dank elektronischen Datenbanken das Lesen aus der ISBN im Buchhandelsalltag unwichtig geworden und die zehnstellige ISBN ist auch erschöpft. Aus dem Bedürfnis nach Scannertauglicheit ist schon länger ein EAN (Strichcode + Nummer) mit dem „Buch“-Präfix „978“ entstanden, der die ISBN-10 integrierte. Und ab dem nächsten Jahr bekommen die Verlage von der ISBN-Agentur neue Nummernkontingente mit dem Präfix „979“, eben die sogenannte ISBN-13.
Kleiner Einschub: Viele ahnen gar nicht, wie einfallsreich das Festland-Europa in Sachen Normierung immer gewesen ist. DIN? Die Deutsche Industrienorm war ein Grundstein bei ISO und ist eine Offenbarung fürs Büro. Ohne A4 keine Schweizer Bundesordner, ein Exportartikel für die ganze Welt. EAN? Die Amerikaner haben die Europäische Artikelnummer definitiv übernommen, weil die Kombination Strichcode und Zahl unschlagbar ist. Und unsere Mütter waren die ersten, die an den Grenzen nicht mehr umsteigen mussten, weil der Abstand der Eisenbahnschienen normiert war.
Die ISBN-13 wird für mich nicht mehr lesbar sein, denn diese Nummer wird keinen Hinweis auf Länder oder Verlage mehr enthalten. Doch ich will nicht weinen, dass es vorbei ist, sondern stolz sein, dass es gewesen. Es war ein wichtiges Kapitel in der Biografie des Buches und ein Teil von meiner.
Supplemento al dizionario italiano

Munari, Bruno
Supplemento al dizionario italiano
Corraini Editore 2005
Madame Kaltmamsells Überlegungen zu italienischem Verhalten haben mich an ein wunderbares Oeuvre aus dem Jahre 1963 erinnert.
Italienische Gestik. Rechts auf der Doppelseite je eine schwarz-weiss Abbildung der Geste, links die Bedeutung in Italienisch, Englisch, Französisch und Deutsch samt Erklärung. In der viersprachigen Einführung wird darauf hingewiesen, dass die erste Sammlung bereits 1832 vom Kanoniker Andrea di Jorio zusammengestellt und Friedrich Wilhelm Erbprinz von Preussen gewidmet worden war, wohl damit dieser die Neapolitaner besser verstünde. Zur Erinnerung: Die ersten Wörterbücher erschienen erst 1856 – bei Langenscheidt.
Das Büchlein ist ein Schmuckstück. Angenehme Typografie, spannendes Bildmaterial, weil die Gesten von ganz verschiedenen Händen dargestellt werden. Der Einband in französischer Broschur zum Einklappen als Buchzeichen passt genau. Dass es immer noch Verleger gibt, die solche Neuauflagen wagen, ist eine Wohltat.
Und weil es so schön aussieht, gibt es noch zwei Bilder in den Kommentaren. Da ich aber Bücher weder in den Kopierer noch in den Scanner lege, sind es halt nur kleine Fotografien für einen ersten Eindruck.
Telefon mit dem Mann von der Veranlagung
Ich:
Guten Tag, ich habe meine Steuerunterlagen nicht erhalten.
Er:
Das ist nicht gut.
Ich:
Bei uns wird manchmal aus den Briefkästen gestoheln.
Er:
Aber wer will schon Ihre Steuerunterlagen?
Ich:
Wenn ich die Logik der Diebe verstünde! Viele wollen einfach nerven.
Er:
Aha. Und Sie merken es dann erst, wenn die Mahnungen kommen.
Ich:
Nur bei den Eiern merk ich’s schneller.
Er [lacht tief]:
Haben Sie mir ihre ZPV-Nummer?
Ich:
ZPV 15642173
Er:
Gut. Nun löse ich den Ablauf erneut aus. Das dauert einige Sekunden.
Ich:
Bis wann muss ich meine Veranlagung ausgefüllt haben?
Er:
Bis am 15. März und der ist vorbei.
Ich:
Darf ich um Aufschub bitten, um keine Busse zu bekommen?
Er:
Da hätten Sie früher reagieren müssen.
Ich:
Sehen Sie, das nervt jetzt eben, denn früher habe ich es ja nicht gemerkt.
Er:
Schon gut, wir mahnen nicht vor dem 31.3.
Ich:
Welch ein Glück.
Er:
Er hat’s gefressen. Die Meldung ist da. Der Ablauf ist ausgelöst. Sie bekommen Ihre Unterlagen am Freitag.
Ich:
Vielen Dank, dann mach ich das am Wochenende. Adiö und schönen Tag.
Er:
Danke, Ihnen auch.
Soll ich oder soll ich nicht?
Mich ärgern über das Schmettern der gallischen Hähne und äussern zur regelmässig wiederkehrenden Eruption in Frankreichs nie zu überwindenden Klassengesellschaft?
Oder lieber über John Bolton aufregen? Der US-Botschafter bei der UNO hat sich in meiner persönlichen Unbeliebtheits-Skala seit letztem September zügig Richtung Spitze bewegt.
Oder vielleicht das Interview von Henryk M. Broder mit dem geschätzten Autoren Feridun Zaimoglu kommentieren? Mindestens eine Passage hat mich überaus enerviert.
Oder mich auf andere Teile meines Berufes besinnen und mich endlich mit Measure Map befassen? (BTW: Ich beschäftige mich hier nicht mit Referern und Besucherzahlen, weil ich das sonst genug muss. Und nicht etwa, weil ich mich nicht geehrt fühlte, wenn jemand seine Leser zu mir schickt.)
Oder endlich etwas zur Swissness überlegen, die ich als Teilzeit-Performance-Beratungstante auch nicht gänzlich übergehen darf. Schon gar nicht bei Angriff.
Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich mir Denkzeit wünschen. Jeden Tag zwei Stunden extra, um ein Problem weiter zu denken. Um Fakten akkurat in die Waagschalen zu legen, hier 30g dazu, dort 15g weg. Aber ich kann ja froh sein, wenn es mir gelingt, aufs Kilo genau abzuwägen.
In Leipzig vor vierzehn Jahren

So richtig lang war
ich nur in selbigem
Jahr an dieser Messe.
Besucht habe ich am
achten Mai die Lesung
von Hugo Loetscher mit
seinem Immunen und am
neunten Mai ein Podiumsgespräch
über Ausländerfeindlichkeit mit Klaus
Farin und Mustafa Mete
und Eberhardt Seidel-Pielen.
Ersterer und Letzterer haben
gemeinsam Krieg in den
Städten geschrieben bei Rotbuch.
Ebenfalls am Neunten habe
ich Heiner Müller und
Gregor Gysi „im Gespäch
mit Publikum“ gesehen und
Peter Wawerzinek und Jörg
Waehner haben mir eine
Stunde danach vorgelesen wer
das ist weiss ich
nicht mehr. Am Zehnten
dann die Hommage à
Uwe Johnson von dem
ich heute wie damals
nichts verstand. Und in
der Moritzbastei las Martin
Buchholz das war richtig
gutes Cabaret. Es ist
schon so wie Herr
Brecht es dem erbleichenden
Herr K. ausrichtete. Ich
habe mich gar nicht
verändert.
TAA! (There Are Alternatives)
Dank den heutigen Kommentaren habe ich gelernt, dass Lisa Rosa aus Hamburg und Lizamazo aus Bern ihre Bücher gerne online bestellen. Lisa Rosa tut das, indem sie einen Onlineanbieter wie beispielsweise Amazon wählt, Lizamazo wählt ihre Quartierbuchhandlung. Ich lasse jetzt ausnahmsweise die Moral aussen vor, obwohl von mir natürlich möglichst die Unternehmen Geld bekommen, die Lernende ausbilden, die Mitarbeitende gut behandeln, die sich für ihre Branche als Ganzes einsetzen, die langfristig planen, die ihre Steuern im Land bezahlen, die ich ermittle jetzt nur, ob Lisa Rosa die Möglicheiten von Lizamazo auch hätte.
Was bisher geschah: Ich als Buchhändlerin der alten Schule möchte, dass die Menschen auch online den stationären Buchhandel in ihrer Region frequentieren, anstatt irgendeinen virtuellen Monopolisten. Ich behaupte, dass den Menschen dadurch langfristig mehr Vor- als Nachteile entstehen. Die schweizerische Kundschaft kann online über den stationären einheimischen Buchhandel bestellen, die Kataloge stehen amazon.de wirklich in nichts nach, die Lieferfristen sind völlig in Ordnung.
Doch wie sieht es in Deutschland aus? Zuerst grub ich nach Statistiken: 2004 hatte gut die Hälfte der deutschen Buchhandlungen einen Online-Anteil von unter fünf Prozent am Umsatz. In der Schweiz hingegen lag der Online-Anteil am Totalumsatz des stationären Buchhandels bereits 2002 bei 5.42% (Betriebsvergleich Buchhandel Schweiz 2003). In der Schweiz hat das Onlineshopping in der real existierenden Buchhandlung 1996 begonnen, 3.4% der deutschschweizer Läden hatten da bereits eine Shoplösung (ebenfalls BBS 2003). In Deutschland wurde der stationäre Buchhandel gemäss meinen Recherchen erst im Jahr 2000 überhaupt dazu befragt. Es scheint also eine Click-and-Mortar-Gap zwischen den Ländern zu klaffen.
Aber Deutschland hat doch so wunderbar verlässliche Publikumskataloge, an die sich jede Buchhandlung dranhängen kann, ohne auch nur eine eigene Website zu benötigen. Wird das Angebot von den Buchhandlungen nicht genutzt oder wissen die Kundinnen und Kunden nichts davon?
Zu Lisa Rosas Beispielen. Sie wünschte sich, online im Buchladen in der Osterstrasse oder bei Lüders einzukaufen und sich die Bücher liefern zu lassen.
1. Hat Lüders eine Website? Jawohl, Lüders ist problemlos zu finden und hat einen Onlineshop mit Warenkorb via libri.de: 350’000 Titel lieferbar, eine Mio. in mindestens sechs Sprachen beschaffbar.
2. Hat der Buchladen in der Osterstrasse eine Website? Nein, selber nicht. Er ist aber klugerweise Partner von Komm.Buch, eine wunderbare Initiative unabhängier Buchhandlungen und Verlage. Warenkorb via Verzeichnis Lieferabarer Bücher, 1 Mio. Titel und immer mehr Non-Books.
3. Sind diese Buchhandlungen auch via Publikumskataloge wählbar? Bei buchkatalog.de leider nein. Dafür beide bei libri.de, ein Zwischenbuchhändler mit Firmensitz in Hamburg, regionaler geht’s nimmer.
Lisa Rosa könnte theoretisch ihre Bücher über ihre Lieblingsbuchhandlungen bestellen, ohne ihr Kaufverhalten wesentlich verändern zu müssen. Doch warum muss das eine schweizer Buchhändlerin erklären, liebe Buchhandels-Kolleginnen und -Kollegen da oben?
Disclaimer: Praktisch habe ich die Dienste nicht getestet, das müsstet ihr in Deutschland schon selber tun. Gründe gibt’s genug.
Konfliktraum Buchhandlung
Wer etwas über Zielkonflikte lernen will, möge einfach eine Buchhandlung einrichten. Die Notwendigkeit so viele Bücher wie möglich unterzubringen, steht der Tatsache, dass Sie, liebe Kundinnen und Kunden, nur kaufen was frontal präsentiert wird, gegenüber. Die Notwendigkeit an Schutzzonen für ungestörtes Lesen beisst den Wunsch nach intimer Atmosphäre für intensive Beratungsgespräche. Die Notwendigkeit, dem mündigen Kunden PCs fürs selbständige Recherchieren bereit zu halten, prallt auf das grenzenlose Bedürfnis der Buchhändlerinnen, selber einen freien PC zu ergattern. Die Notwendigkeit neue, wieder gefundene oder gerade aus Diebeskralle zurückeroberte Bücher möglichst rasch einzuordnen, generiert haufenweise „Pardons“ und „Exgüsés“ und „Entschuldigung, das war jetzt wirklich das letzte Mal.“ Licht und Sauberkeit sind die Feinde jeglicher Patina.
Nicht weniger widersprüchlich sind die Buchandelskunden. Dass sie Bücher mit allerlei Resten an den Fingern ansehen aber nur eingeschweisst kaufen wollen, ist bloss ein Widersprüchchen. Doch wovon schwärmen sie nach der Reise in den abgelegensten Winkel Irlands, in das schöne Städtchen der Provence oder die beeindruckende Stadt in den Anden? Von der kleinen, niedlichen Buchhandlung, verwinkelt und etwas staubig, mit einem kauzigen Buchhändler, der wirklich nur Bücher verkauft, die er selber liest und liebt – echt! Und was wollen sie daheim? Dieses Buch und zwar zack, ist sowieso erstaunlich, dass Sie das nicht hier aufliegen haben. Was, noch immer nicht gefunden? Da wäre ja meine Zehnjährige schneller! Hoppla. Ein Ansatz von Kundenbashing. Endlich.
Meine Schülerinnen bedauern nämlich, dass mir das nicht liegt. Ich kann mich weder darüber amüsieren noch enervieren, dass zwanzig Kunden pro Tag unten an der Treppe fragen, ob es da hinauf gehe. So sind Kunden, so bin ich, so ist das Leben im Verkauf und sonst auch. Voller unnötiger Alltagsfragen und einfacher Alltagsantworten. Und die Komplizierten und die Philosophischen, die kommen zu kurz.
Wo war ich? Aha.
So wahr die Sonne im Osten aufgeht, ist jede Buchhandlung immer zu klein. In der Kleinsten der Kleinen stapelt die Buchhändlerin am Abend ihren einen Birkenstock auf den andern, das braucht nicht mehr Platz als der DUDEN Nr. 1. In der medizinischen Fachbuchhandlung fällt ihr eine Wirbelsäule entgegen, wenn sie Harrisons Innere Medizin einräumt, bei Band zwei dann sogar das ganze Skelett. In der Shop-in-Shop-Grossbuchhandlung ist sie permanent von Kundinnen und Kinderwagen umgeben, die gerade nach dem Weg fragen, im französischen Carrefour-System bewegt sie sich vorsichtig wie auf einer indischen Strasse (lieber rückwärts als in Gegenrichtung gehen), beim System amerikanische Wal-Mart-Schleuse sind ihr 30 cm2 hinter der Kasse zugedacht. Ihre Taschentücher bewahrt sie sowieso im Doppellager zwischen den Stapeln unverkaufter Harry Potter auf. Anträge auf Verbesserung generieren Wohlwollen und Sitzungen, aber garantiert kein Resultat –> Zielkonflikt.
Erstaunlicherweise hat es fast in jeder Buchhandlung irgendwo zwischen Keller und Dachboden etwas, womit man Wasser aufheizen und etwas, womit man Wasser abkühlen kann. Vielleicht weil es in allen Buchhandlungen entweder zu heiss oder zu kalt ist. Ich jedenfalls habe noch keine mit einer ausgewogenen Temperatur erlebt; ein weiterer Grund, sich für die Harmonisierung des Wärmegrades zwischen Kundschaft und Personal einzusetzen.
Und zum Schluss noch dies: Dieser Eintrag ist eine Assoziation zu einer netten Nachricht einer ebensolchen Branchenkollegin, die über Mittag die Buchhandlung nicht verlassen kann, sondern dort essen muss (Happen um Happen, wenn sie gerade keine Kunden hat):
Wenn ich arme Sau in den Flur will, dann muss ich den Kleiderständer entfernen, sonst ist die Tür blockiert. Einzige Möglichkeit: vor den Kühlschrank damit. Dann braucht es eine sportliche Hüftverdrehung meinerseits, und ich bin im Flur. Wenn ich später an den Kühlschrank will, muss der Ständer wieder vor die Tür. Wenn ich magersüchtig wäre, könnte ich mir den Hüftschwung sparen. Na gut, dann würde ich wohl auch den Kühlschrank kaum brauchen. Manchmal kommen noch ein paar Altpapierstapel dazu, über die man hüpfen, klettern oder balancieren muss; dann wird es schon fast ein sportlicher Parcours. Ich habe mir vom Christkind eine Wandgarderobe gewünscht, irgendein Doofteil mit ein paar Haken dran, aber das Christkind ist leider taub.
Tischgespräch [9]
Kind:
Was beichtet man eigentlich?
Mutter:
Hab’ ich auch schon gefragt, aber niemand wollte es mir sagen.
Vater:
Lügen, Diebstahl, sündige Gedanken.
Kind:
Und die Strafe? Muss man im Garten arbeiten oder die Kirche putzen?
Vater:
Nein, soviel ich weiss muss man beten. Bei grossen Sünden mehr, bei kleinen weniger.
Kind:
Wenn ich jemanden umgebracht habe, muss ich einfach beten?
Mutter:
Vielleicht wird dir zusätzlich empfohlen, dich der Polizei zu stellen.
Kind: —
Kind:
Meine sündigen Gedanken gehen Gott nichts an.
Vater:
Die Katholiken gehen davon aus, dass er sie ohnehin kennt.
Mutter:
Die Protestanten auch. (Singt: „Pass auf kleines Auge, was du siehst…“)
Kind:
Ach, dann hat er so einen Filter, wie die Amerikaner ihn machen, um die Al Qaida zu fangen? Nur stehen in Gottes Filter „Sex“ und solche Sachen?
Vater:
Kann schon sein, dass er eine Art Key-Word-Analyzer benutzt, um die sündigen Gedanken im Überblick zu haben. Aber einfach wird das nicht, Gedanken bestehen ja nicht nur aus Worten, sondern auch als Bildern, Gerüchen und Gefühlen.
Kind:
Aber wenn Gott sie schon kennt, warum soll ich sie dann noch beichten?
Vater:
Als Prüfung.
Kind:
Das ist aber schwierig, sie zu bemerken und zu behalten.
Vater:
Ja, es braucht Übung, sündige Gedanken zeitnah zu registrieren.
Mutter:
Oder religiöse Erziehung.
Vater:
Abschaffen. Du hast ja sicher Zeitung gelesen?
[Zeitungsartikel aufgrund Veranstaltung zur Studie]
Vom Märit zum Markt
Dass unsere Lehrmittel veraltet sind, liegt nicht an unserem Berner Schulverlag, der macht viele neue Sachen, die ich schon verschiedentlich gelobt habe, vorgestern gerade das Zahlenbuch.
Drei Jahre nach dem ersten Schritt in Richtung Privatisierung, soll er nun also verkauft werden. An „pickelnde“ deutsche Grossverlage. Nicht weil die so böse sind, sondern mangels schweizerischer Nachfrage. Roland Disler vom Luzerner Lehrmittelverlag war der einzige, der sich für den Verbleib in der Schweiz stark gemacht hat, wie Der Bund heute meldet:
Im Eigentum einer deutschen Grossfirma werde der Schulverlag nicht lang selbständig produzieren. Seiner [Roland Dislers] Ansicht nach wäre es „eine Kapitulation, wenn die Schweiz nicht mehr fähig wäre, für ihre Volksschulen eigene Lehrmittel zu entwickeln.“
Oh, du liebes Bern! Die grösste schweizer Fachbuchhandlung Huber & Lang wurde längst und samt Verlag vom deutschen Hogrefe gekauft, die beiden grössten Buchhandlungen am Platz, Thalia Bücher und Stauffacher, gehören beide der Thalia Holding.
Wozu etwas sagen? Warum noch fragen? Denn die Antwort mein Freund, kennt nur der Markt. Und sie ist immer richtig.
Danke.