Je leichter das Leben

Hannah Arendt fotografiert von Lotte Köhler

Je leichter das Leben in einer Arbeits- und Konsumentengesellschaft wird, desto schwerer ist es, den Druck und Zwang des Notwendigen, die das gesellschaftliche Leben treiben und antreiben, auch nur wahrzunehmen, weil die äusseren Kennzeichen der Notwendigkeit, die Mühe und Plage, fast verschwunden sind. Die Gefahr einer solchen Gesellschaft ist, dass sie, geblendet von dem Überfluss ihrer wachsenden Fruchtbarkeit und gefangen in dem reibungslosen Funktionieren eines endlosen Prozesses, vergisst, was Vergeblichkeit ist.

Vorhin habe ich in meinem Tagebuch von 1992 geblättert. Ich hatte vor fünfzehn Jahren offenbar Arendt gelesen, Eichmann und gleich darauf Vita activa.
(Die Lektüre hat mich gemäss eigener Tagebuchaussage sehr beeindruckt. Heute wüsste ich kaum mehr, dass ich die Bücher überhaupt je gelesen hatte. So ist Lesen vielleicht doch lediglich ein Bluff aus der Vergangenheit oder ein Hirntraining, das man auch in anderer Form absolvieren könnte.)
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Umfrage bei Ehemaligen

Lehrerinnen und Lehrer arbeiten vielleicht nicht alle gleich, aber Ähnlichkeiten gibt es entweder weil etwas gut ist oder weil es einfach alle so machen. Ich dachte zum Beispiel, ich könne mich dieser blöden Planung mit Kalenderwochen entziehen – aber mitnichten. Das geht nicht im Schulwesen. Ich halt jetzt auch.
Das Wochende der Kalenderwoche 46 ist reserviert für eine Umfrage. Ich schicke allen, die die Lehre vergangenen Juni abgeschlossen haben, ein Wie-geht-es-denn-so?-E-Mail. Darin frage ich auch Konkretes. Und das geb ich dann dem Jahrgang, der nächsten Juni abschliessen wird, weiter. Zu dem Zweck mache ich mit meiner Kollegin einen Perspektive-Halbtag im Februar (ich berichtete).
Weil niemand von mir eine lückenlose Erhebung erwartet und weil ich mich nicht langweilen mag, stelle ich nicht immer genau die gleichen Fragen. Heuer habe ich gefragt:
1. Ihre momentane Arbeits- und Lernsituation?
2. Wie und warum sind Sie dort hingekommen? (Umwege, Anfragen?)
3. Gefällt es Ihnen? Zukunftspläne?
Innerhalb weniger Stunden hatte ich bereits acht Antworten. Jemand schrieb aus Amerika, zwei aus England, alle hatten beeindruckend konkrete Pläne für die Zukunft, zwei auf mehrere Jahre hinaus. Fast alle machen bereits eine Weiterbildung oder planen eine solche: Fremdsprache, Berufsmaturität, Detailhandelsspezialistin.
Klar versuche ich im Voraus zu erraten, was die Lernenden ungefähr machen. Von vielen weiss ich es, weil wir sowieso in der Branche den Kontakt pflegen. Doch dieses Jahr hatte ich erstmals ein Reply von jemandem, der unverzüglich aus der „Mailingliste“ gelöscht werden wollte. Ich gebe gerne zu, dass ich ein wenig beleidigt war. Üblicherweise antworten Ehemalige die der Meinung sind, was sie täten ginge mich nichts an, einfach nicht und kriegen natürlich nie wieder eine Anfrage. Doch mehrheitlich melden sie sich wohl wissend, wie froh sie selber um diese konkreten Perspektiven gewesen sind.

Eine gute Handvoll

Neulich in der Mensa fragte mich die Kollegin, nachdem sie mir von ihrem Kind, seiner Betreuung und dem erneut anstehenden Schwangerschaftsurlaub erzählt hatte: „Und, wie machst du das eigentlich?“
Die Gretchenfrage heutzutage, die Antworten gehören zum modernen Mütterrepertoire:

Ach, irgendwie geht es immer.

(Vortragsweise: betont normal)

Ach, weisst du, es ist nie einfach, allen gerecht zu werden! Man soll ja ein aufgeschlossenes, glückliches, allgemein gebildetes aber bloss nicht neurotisches Kind aufziehen, um welches man sich angemessen kümmert, aber auf jeden Fall ohne ein Helicopterparent zu sein und – mit Verlaub – ohne den Partner zu vernachlässigen und ganz sicher auch ohne dass die Arbeit oder die Weiterbildung – „le-bens-langes Lernen!“ – irgendwie zu kurz kämen. Von den Verwandten und Freunden, die einen um gotteswillen mögen mögen, garnichtmalzureden.

(Vortragsweise: sehr schnell)

Ach, das ist bloss einen Frage der Organisation. Und der eigenen Einstellung.

(Vortragsweise: langsam)
Leider war die Kollegin angesichts ihres zweiten Kindes und dem sich verdoppelnden Planungsbedarf beharrlicher und ich somit gezwungen zuzugeben:
Früher, vor dem Familienleben, habe ich das gemacht, was ich auch ordentlich konnte. Heute könnte ich nach den früheren Kriterien nur noch eine gute Handvoll Dinge tun:

  • Buchhandel unterrichten
  • Komische Kinder integrieren
  • Sitzungen vorbereiten, leiten, protokollieren, nachbearbeiten sofern in Deutsch
  • Saubere Aufträge für Grafiker, Buchbinder und Drucker formulieren
  • Bücher verkaufen
  • Putzen
  • Die Kollegin, eine ausgesprochen gebildete Gymnasiallehrerin, fand das gar nicht so übel. Kochen könne sie auch nur noch im Bereich von höchstens zwei Herdplatten.

    Tischgespräch [29]

    Mutter:
    Gefallen euch meine arche-Schuhe?
    Kind:
    Ja, die passen gut zu dir. Aber die waren echt teuer.
    Mutter:
    Stimmt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für ein wunderbares Gefühl das ist, einen schönen und bequemen Absatzschuh zu haben, der erst noch politisch korrekt ist! (Kind geht ab.) Stellt euch vor: Europäisches Leder! Hundert von Hand ausgeführte Arbeitsschritte von Leuten, die zu guten Arbeitsbedingungen angestellt wurden. Eine Sohle aus Natur-Latex, hergestellt aus der Milch des Gummibaums, die genau in der richtigen Menge gewonnen wird, um das Wachstum des Baumes zu fördern. Die Milch wird erst in Frankreich in die Sohlenform gegossen…
    Vater:
    Doch, das kann ich gut verstehen. Wer möchte nicht das Wachstum eines Gummibaumes fördern?
    Mutter:
    Nur wächst er nicht in der Region.
    Vater:
    Wir sollten die Bewirtschaftung der Büropflanzen evaluieren. Könnten wir eine Initiative lancieren? Wahlen 2?
    Mutter:
    Wer war das schon wieder?
    Vater:
    Traugott Wahlen, der von der Anbauschlacht.
    Mutter:
    Doch das war letztendlich viel Wind um wenig.
    Vater:
    Wir leben in anderen Zeiten! Das kannst du heute extern geben. Die Büropflanzen sind sowieso outgesourct.
    Mutter:
    Echt…?
    Vater:
    Sicher! Es gibt nichts im Büro, was du nicht outsourcen kannst. Die Kaffeemaschine, das Nachbestellen des Büromaterials, das Erstellen der Exceltabellen. Und die Bürobegrünung sowieso. Das geht mit Luwasa, kostengünstig, einmal Giessen im Monat reicht, wenn du das nicht selber machst, ist es nur unwesentlich teurer. Die Büropflanzenvermieter sollten wirklich ein Gummibaummilch-Mandat bekommen.
    Mutter:
    Diese Büropflanzenvermietung kannte ich überhaupt nicht. Bevor wir Wahlen 2 starten, schaue ich jetzt mal in diesem Internet.
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    Aus dem Reisenotizbuch [8]

    10. April 2007 7:00
    Fitnessraum 15′
    Packen & Duschen 15′
    Check out 10′
    Leavin‘ LA 60′ (aber nur dank CARPOOL; eine Überholspur für Autos, die mehr als zwei Passagiere haben).
    **
    10. April 2007 8:45
    Unterwegs auf der Interstate 15 (I 15). Kurz nach San Bernardino sehen wir den ersten Zug in Amerika. Es ist ein Güterzug mit vier Lokomotiven und 85 Güterwagen, die je zwei aufeinandergestapelte Standard-Schiffscontainer geladen haben.
    **
    10. April 2007 12:30
    Wir verlassen Californien in Richtung Nevada. Bereits 100m nach der Staatsgrenze beginnt die Gambling-Zone. Das erste Casino am Weg ist zwar pleite und bedankt sich mit grossem Schild „For 18 Years“, nur die Tankstelle daneben ist noch offen.
    Der Radiosound ist zuckersüss und wir beschliessen, lieber Encore zu hören, um Vegas zu traversieren.
    **
    10. April 2007 13:30
    Las Vegas.
    Woher nimmt Las Vegas seinen Zement?
    Warum hat der Colorado River überhaupt noch Wasser?
    Wie kann ein Lastwagen mit zwei Anhängern Kurven fahren?
    **
    10. April 2007 13:55
    Fertig Las Vegas. Durch das Moapa Reservat via Longdale, Glendale, Mesquite durch die westlichsten Ausläufer der Rockys an die Grenze zu Utah. Mesquite ist eine Oase mit Golfschwerpunkt, bewässert vom nunmehr dünnen Virgin River.
    Wir machen Rast beim „Cedar Pocket Camping Ground“. Und das ist eine der allerschönsten Bleiben auf unserer ganzen Reise.
    Cedar Pocket Camping Ground

    [Kein Amok]

    [Nein, ich schreibe nichts über den Amok in Finnland. Ich konnte mir das Grauen schon nach den ersten paar Worten im News-Ticker bestens ausmalen. Im Lehrerzimmer tippte ich auf die Schlagzeile „Amok im Pisa-Paradies“. Und wie es so geht im Leben, wurde die Zynikerin von der Realität überholt. Ich mache jetzt lieber wieder einmal einen Reisenotizbuch-Eintrag – aus der Zeit vor Virginia Tech.]

    Zentrale Fragen

    Heute, nach einem langen Sitzungstag in Zürich, bin ich auf dem Nachhauseweg beim Stauffacher in Bern eingekehrt, um zum Ausklang einige Bücher zu kaufen (den neuen König, den neuen DeLillo, den neu entdeckten Schalamow).
    Und da treff‘ ich meinen Chef. Ich meine Ex-Chef. Eigentlich wär‘ ich jetzt sein Chef. Aber sowas funktioniert ja nie. Das weiss jeder.
    Und er gratuliert mir zur neusten Ausgabe unserer Schulzeitung Pegasus, die er 85 Nummern zuvor aus der Taufe gehoben hatte. Besonders zufrieden ist er mit dem Interview (ab S. 4) mit einem unserer Kulturkundelehrer.

    Das hätte ich dir, ich meine euch beiden – nicht dass du das jetzt falsch verstehst – gar nicht so zugetraut… auf diesem Niveau. Zentrale Fragen, die das gestellt werden, zentrale Fragen für die Bildung.

    Das mag übertrieben sein für ein so kleines Interview. Aber freuen tut es mich.

    Happy Weekend

    Wochenende! Ich habe Berge von Liegengebliebenem abgetragen. Nicht nur die Wahlen sind durch, auch das Gäbelbachfest ist vorbei. Das Budget wurde eingehalten und die Presse hat sogar auf die kurze Presseerklärung reagiert und ich staune, was man im Internet-Zeitalter alles nachts erledigen kann.

    Die Äpfel meiner Mutter

    Jetzt habe ich gewaschen, gebügelt, gefaltet, abgestimmt (ja, schon wieder), der Versicherung geschrieben, eine Lektion Gutenberg vorbereitet, alle Termine vom November entkollidiert (ausser einem), neue WC-Deckel erworben (der lösungsorientierte Mann fand auch Ersatz für die beiliegenden zu kurzen Steckschrauben), zahlreiche Digitalbilder vom Schulhausinnern sortiert und aufgehellt, ein neues Interview für unsere Schulzeitschrift entworfen und – das war lustig – einen Adventskalender gemacht (also die Säcklein hatte ich vom Vorjahr).

    Mein eigenes Apfelmus

    Jetzt muss ich morgen bloss noch ein paar Tests korrigieren und eine tricky Buchpreisbindungsfrage beantworten und dann kann ich locker wie schon lange nicht mehr in die neue Woche.

    Besuch in der Turnhalle

    Zu meinen Schuljahreszielen gehört, dass ich bis im Juni alle Lehrerinnen und Lehrer meiner Abteilung einmal im Unterricht besucht habe. Und zwar ohne Krisenintervention, ohne Reklamation, sondern einfach zum Mitmachen.
    Heute war ich beim Sport. Sportunterricht ist nicht abhängig von der Art der Berufslehre, er ist nicht freiwillig sondern steht sogar samt Lektionenzahl im Berufsbildungsgesetz. Und das ist aus vielen, vielen Gründen absoult richtig.
    Rückblick auf heute Nachmittag:
    Top – Der Sportlehrer. Man merkte ihm das Feuer eines begeisterten Trainers an. Daneben war er sehr gut organisiert und dokumentiert und drückte mir einen perfekten Lektionenplan in die Hand. Wunderbar.
    Flop – Die Absenzenliste. Lauter Kartoffeln. Auch heute wurde von einer nicht geringen Anzahl Lernender geschwänzt, die vorher normal am Unterricht des Tages teilgenommen haben.
    Was ich überdenken werde: Ich habe im laufenden Stundenplan die Sportstunden in voller Absicht ans Ende des Schultages genommen. Dies, damit die Lernenden ihren Tag mit Bewegung beenden können, ohne danach noch für zwei Stunden Rechtskunde ins Schulhaus zu müssen. Aber es scheint schwieriger, den Sportunterricht – in dem es keine Noten gibt – ernst zu nehmen, wenn es die letzten Schulstunden sind.