Wenn es Winter wird

Heute auf dem Berner Märit: Spatz auf dem Kessel des Blumenmarktstandes am Bärenplatzbrunnen

Als ich heute diesen frierenden Spatz als Zeichen einbrechender Kälte fotografierte, gingen mir Gedichtfetzen durch den Kopf und es fiel mir auf, dass im Deutschen die kleinsten Vögel die grössten Metaphern machen. Wenn es um Jahreszeiten geht, dann nicht um Adler und Falken. Die Schwalbe als Vorbote für Winter und Frühling, die drei Spatzen im leeren Haselstrauch und in meinem liebsten Wintergedicht beschreibt Morgenstern gar den aufs Eis hinaus geworfenen Kieselstein als Vögelein.

4 Reaktionen zu “Wenn es Winter wird”

  1. jge

    Nicht zu vergessen die Krähen, die zwar etwas größer, aber auch Signum des Gewöhnlichen sind: “Die Krähen ziehen schwirren Flugs zur Stadt” …
    Wenn es einen Zusammenhang gibt zwischen der Jahreszeitlichkeit des Gedichts und der Vogelart: welchen Grund könnte das wohl haben? Als erstes würde man wohl Zugvögel erwarten als Jahreszeitenzeichen.
    Kurzer Test: Erwähnungen von “Kranich” in “Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke”: 51 Fundstellen. Schwalbe: 204. Spatz: 76. Lerche: 410. Amsel: 75. Fink: 73. Nachtigall: 1162. Adler: 930.
    Aber das sagt natürlich noch nichts über den Metaphernwert. So habe ich mir ein paar Falke-Treffer angesehen und dabei “Der Falke wird zum Schwert” gefunden: was sich auf das Wappentier bezieht, also das Symbol.
    Hhm, vermutlich habe ich Ihre Beobachtung gerade mit Empirie erschlagen, aber das liegt daran, dass sie mir interessant erscheint…

  2. Tanja

    Oh nein, nur wer der Beobachtung die Empirie zur Seite stellt, kommt weiter. Allein der Adler erstaunt mich. In meinem Kopf gibt es kein Gedicht mit ihm.

  3. jge

    Das erste, was mir einfällt, ist der Choral Nun lob mein Seel den Herren, der Vers: “Verjüngt, dem Adler gleich”. Mal sehen, was die Datenbank ausspuckt. Ah, Trakl:
    Klage

    Schlaf und Tod, die düstern Adler
    Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
    Des Menschen goldnes Bildnis
    Verschlänge die eisige Woge
    Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
    Zerschellt der purpurne Leib
    Und es klagt die dunkle Stimme
    Über dem Meer.
    Schwester stürmischer Schwermut
    Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
    Unter Sternen,
    Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
    [Trakl: Veröffentlichungen im »Brenner« 1914/15. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 104096
    (vgl. Trakl-DW, S. 94)
    http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]

    Schlegel, Fantasie (letzte Strophe)
    Laß den Strom nur immer brausen,
    Frischen Sturm im Herzen sausen;
    Wie der Adler durch die Lüfte,
    Über Meere, über Klüfte,
    Laß mich schweben, laß mich fliegen!
    Alles kann der Mut besiegen,
    Mut entsprungen hohem Glauben;
    Keiner kann die Liebe rauben,
    Wie auch wechseln die Gefühle
    In dem irdischen Gewühle.
    [Schlegel: Erste Frühlingsgedichte. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 94424
    (vgl. Schlegel, Fr.-Dicht., S. 160)
    http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]

    Aber die Zahl der Barockdichter etc. überwiegt deutlich, und keines der Gedichte ist für mich eines jener, die man behält. Aber hier noch ein Fund von Matthias Claudius (starb ihm selbst nicht Frau / Tochter ?)

    An – als ihm die – starb

    Der Säemann säet den Samen,
    Die Erd empfängt ihn, und über ein kleines
    Keimet die Blume herauf –

    Du liebtest sie. Was auch dies Leben
    Sonst für Gewinn hat, war klein Dir geachtet,
    Und sie entschlummerte Dir!

    Was weinest Du neben dem Grabe
    Und hebst die Hände zur Wolke des Todes
    Und der Verwesung empor?

    Wie Gras auf dem Felde sind Menschen
    Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage
    Gehn wir verkleidet einher!

    Der Adler besuchet die Erde,
    Doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub, und
    Kehret zur Sonne zurück!
    [Claudius: Gedichte aus »Asmus omnia sua secum portans«. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 14847
    (vgl. Claudius-W, S. 26-27)
    http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]

  4. Tanja

    Wie schön! Aber nicht in meinem Gedichtgedächtnis präsent. Ich hatte nur Claudius auch schon gelesen, die anderen Gedichte kannte ich noch nicht, vielen Dank. Ja, Claudius starben etliche Geschwister und soviel ich weiss mehrere Kinder.

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