Was ich schon lange sagen wollte 2

Politisch sieht man es ja als Verrat an den eigenen Idealen, wenn Linke und andere Bildungsgläubige ihre Kinder in Privatschulen schicken und so die Volksschule schwächten. Auch in der Presse und der politischen Peripherie ist es ab und zu ein gern aufgegriffenes Thema. Nur bleibt die Frage unbeantwortet, ob es der Gesellschaft nachhaltig dient, wenn sie es nicht tun.

Das Forschungsprojekt “Multikulturelle Schulen in Bern West” ist für mich ein wichtiger Schritt auf einem langen Weg, die Probleme ohne Vorurteile zu benennen. Ich zitiere aus einem Artikel im soeben erschienen e-ducation 6:

Im erwähnten Forschungsprojekt, das schulisch-institutionelle, politische und stadtentwicklerische Fragen miteinander verknüpfte, wurden drei Schulen in demografisch stark unterschiedlichen Kleinquartieren untersucht. In zwei davon beobachteten wir den Unterricht in je einer 5./ 6. respektive 7./ 8. und 8./9. Klasse und interviewten Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, Abwarte und Eltern. Dabei gingen wir davon aus, dass Schulen eine doppelte Aufgabe zu bewältigen haben: Einesteils gilt es für die soziokulturell heterogenen Klassen zuallererst, eine Gemeinschaft zu bilden, in der das akademische Lernen – selbst ein sozialer Akt – erfolgreich organisiert und durchgeführt werden kann. Andererseits stehen das akademische Lernen und Fragen der Selektion im Zentrum, welche die spätere Bildungslaufbahn der Kinder wesentlich beeinflussen. So machen das soziale Lernen (abzielend auf den Habitus nach Bourdieu) und das akademische Lernen (abzielend auf die Beherrschung des Stoffs) zusammen den Bildungserfolg aus.

Wie bewältigen nun Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler in Bern West die doppelte Aufgabe des sozialen und akademischen Lernens? Es lassen sich folgende Tendenzen feststellen: Je grösser der Anteil von Zugewanderten und Kindern aus sozioökonomisch belasteten Milieus in einer Klasse, desto mehr Energie wird ins soziale Lernen und die
Gemeinschaftsbildung investiert – und zwar zum Nachteil des akademischen Lernens.

(Hervorhebungen von nja. Ein Blick auf den ganzen Artikel lohnt sich schon wegen dem Bild am Ende.)

Kinder, die in Bern West das “soziale Lernen” weitgehend mitbringen und vorwiegend für das “akademische Lernen” die Schule besuchen, erwecken Misstrauen. Eltern, die intervenieren, werden oft abgestempelt. Entweder als solche, die ihre Bälger heillos überschätzen, oder als solche, die halt selber schuld sind, “wenn sie an so einer Adresse wohnen.” Die Ausgrenzung derer, die lernen wollen, nimmt ihren Lauf und bisweilen brutale Formen an.

Ich weiss aus leidvoller Erfahrung und stundenlangen Gesprächen mit anderen Eltern (auch mit ausländischen), dass sie sehr viele Giraffen vorbeiziehen liessen, bevor sie etwas gesagt haben. Und dass sie lange - zu lange! - zugeschaut haben, wie ihren Kindern der Lernwille abgewöhnt wurde, bevor sie sich zu einem Wechsel entschlossen. Es ist absurd zu glauben, Familien verzichteten begeistert auf ihre Ferien, um die Privatschule berappen zu können. Und die Annahme, Privatschuleltern seien reich, stimmt seit Jahrzehnten nicht mehr. Vor dreissig Jahren schon hat sich meine Mutter für den Steiner-Schul-Bazar die Finger blutig gestrickt, weil man so einen Teil des Schulgeldes abarbeiten konnte.

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