Lehrbegleitung

Heute war ich an einem Weiterbildungsabend für Lehrbegleiterinnen und Lehrbegleiter. Da viele unser Berufsbildungssystem nicht in jeder Facette kennen, hole ich etwas aus. Ich setzte das informative Beigemüse zwischen Sterne, damit man es überspringen kann. Es ist nicht wichtig für das Verständnis des übrigen Beitrags.

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In der Schweiz hat die Berufslehre einen sehr hohen Stellenwert. Am Ende steht ein Lehrabschluss mit der beruflichen Fähigkeitszeugnis. Für die Ausbildung zuständig sind:

  • Der Ausbildungsbetrieb
  • die Berufsfachschule
  • die Branche des entsprechenden Berufes
  • Die Branche entwickelt mit dem BBT und den Kantonen die Bildungsverordnung und organisiert „überbetriebliche Kurse“ wie auch die praktische Prüfung. Jeder Beruf kann zusätzlich mit einer Berufsmatura abgeschlossen werden, die zum Studium an einer Fachhochschule berechtigt. (Deshalb machen bei uns weniger Jugendliche das Gymnasium als in anderen europäischen Ländern.) Damit Firmen ausbilden können, müssen sie ihre Ausbildungsverantwortlichen in Grundlage-Kurse schicken. Ich habe viele davon absolviert, weil ich ja lange Lehrlinge ausgebildet habe. Es geht da um Konfliktbewältigung, Gesundheit, Gesprächsführung, Bewertung der Leistung, Methodik und Didaktik. Regelmässige Aufbaukurse behandeln dann Themen wie Drogenmissbrauch, Lehrabbruch, Prüfungsangst.

    Aber auch der berufskundliche Unterricht an der Schule muss aktuell sein. Das bedingt, dass berufskundliche Fächer von Berufsleuten unterrichtet werden und nicht von hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern, wie beispielsweise die Sprachen. Diese Berufsleute unterrichten nebenamtlich, während sie eben noch arbeiten, so wie ich das fast zehn Jahre gemacht habe.

    Die Berufsfachschulen schicken diese nebenamtlichen Lehrpersonen in eine Didaktikausbildung. Das ist seit einigen Jahren obligatorisch und hat sicherheitshalber auch noch Einfluss auf den Lohn der Fachlehrperson. Berufsleute – und seien sie noch so begnadet – können sich genauso wenig einfach in ein Klassenzimmer stellen und mit dem Unterricht beginnen, wie alle anderen Lehrpersonen auch.

    Wie überall im Schulwesen haben auch in Berufsfachschulen unendlich viele Leute den gleichen Chef, der unendlich wenig Zeit für sie hat. Neue, die nicht einmal aus dem Lehrberuf kommen, können ohne Mentoring nicht überleben. Schon allein um die Materialschränke, Kopieranlagen und endlosen Räumlichkeitsregeln zu begreifen, braucht der cleverste Mensch seine Zeit. Bis einer weiss, wo und wie er aufs Intranet kommt und das Druckerpapier nachfüllt, hat er schon Stunden in der Schule verbracht, aber noch keine Minute unterrichtet, geschweige denn eine Klassenliste geführt und die Namen auswendig gelernt.

    Deshalb braucht es zum Mentoring noch eine Lehrbegleitung. Diese besucht den Unterricht und lässt sich im Unterricht besuchen. Sie steht zur Seite und ist zur Stelle, während die neue Fachlehrerin ihre Ausbildung macht.

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    Der Beginn dieses Weblogs war der Beginn meiner Ausbildung zur Fachlehrerin. Drei Jahre später begleite ich nun eine neue Fachlehrerin in deren Ausbildung.

    Ich bin nicht gemacht für Fortbildungsveranstaltungen, und Anlässe wie der heute Abend verlangen mir viel Nerven ab. Ich fühle mich gefangen in diesem Meta-Lehrer-Groove „Treten wir einen Schritt zurück und schauen wir, was wir in den letzten Minuten gelernt, gefühlt und gedacht haben.“

    Aber ich habe mich gebessert. Anstatt mich zu ärgern, übe ich mich in Reflexion. Ich werfe niemandem mehr vor, dass guter Unterricht immer auf das Gleiche hinausläuft. Der Akt des Vermittelns ist nur en Detail originell. En Gros braucht guter Unterricht immer die selben Zutaten. Zäsuren wie die Abschaffung der Haselrute oder die Entdeckung des vernetzten Denkens sind eher selten. Umso erstaunlicher, wie schnell man als Lehrerin versagen kann. Es ist ein wenig so, als könnte man nach zehn Jahren Auto fahren noch immer nicht richtig schalten. Nur schon die Basics wie Hochsprache oder Vollständigkeit des Materials sind tägliche Fallgruben.

    Ich musste in meiner Ausbildung Prioritäten setzen und ich muss das in der Lehrbegleitung wieder machen. Mehr als sieben dürfen es nicht sein.

    Wenn ich vergleiche, so hat sich wenig geändert.

  • Die Klassenzimmerordnung ist zu den Prioritäten avanciert.
  • Und auch der Einsatz der Stimme.
  • Ich vermute, die Klassenzimmersache liegt daran, dass sich die Lage täglich verschlechtert, aber vielleicht empfinde ich das nur so, weil ich alt und pingelig werde. Bei der Stimme habe ich einfach gemerkt, dass wir noch viel zu viele Leute im Schulhaus haben, die dieses wichtigste Instrument des Unterrichts nicht im Griff haben, nicht trainieren und nie reflektieren, ob man sie überhaupt versteht. Die Neuen sollen es von Anfang an besser machen.

    Die anderen Kriterien sind seit meiner Ausbildung unverändert:

  • Schwerpunkte: Nie ALLES erreichen, verbessern oder vermitteln wollen.
  • Dokumentation: Notieren, was man gemacht hat und noch machen will.
  • Ungeteilte Aufmerksamkeit: Fokus auf einen Menschen oder eine Sache.
  • Demokratie: Veränderungen begründen und dadurch früher oder später mehrheitsfähig machen.
  • Der Kursleiter sagte zum Schluss, wir sollten unseren Fachlehrerinnen nahe legen, das geforderte Portfolio in dynamischer Form zu führen und nach der Ausbildung zu ergänzen. Also nicht Spiralbindung, sondern einen Ordner. Ich wundere mich, warum immer noch keiner Blogs empfiehlt.

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