Tischgespräch [16]

Kind:
Ich habe jetzt eine Schachtel gefunden, in die ich einen Schlitz machen kann für die guten Taten. [Bringt eine Riesenschachtel.]
Mutter [griesgrämig]:
Ist die nicht etwas gross in Anbetracht der Tatsache, dass wir uns seit Monaten erfolglos vorgenommen haben, gute Sachen, die wir vollbracht haben, aufzuschreiben?
Kind:
Das ist doch egal!

[Telefon klingelt, Kind hebt hab.]

Kind:
Für dich, Mam, deine Schülerin.

Mutter ab.

Eine halbe Stunde später.

Kind:
Ich habe jetzt Zettel geschnitten – also genau abgemessen habe ich sie nicht – und einen Stapel in mein Zimmer gelegt und einen in dein Büro und einen in die Wohnstube. Die Schachtel selber steht auch ganz vorne beim Geschirrschrank, damit du nicht weit laufen musst, um deine Zettel einzuwerfen. Einen Bleistift habe ich dir auch schon hingelegt.
Mutter:
Schön. Und du, hast du schon gute Sachen von dir aufgeschrieben?
Kind:
Ja, ich habe wirklich alles und jedes notiert und schliesslich 11 Zettel zusammenbekommen.
Mutter:
Wow! Das ist ja wirklich gut! Ich weiss etwas vom letzten Montag; mein Referat bei diesen Buchhandelsleuten. Das war ok.
Kind:
Und für Dienstag?
Mutter [kaut an Bleistift und Fingernägeln]:
Keine Ahnung. Nichts ist wirklich gelungen.
Kind:
Aber das kann doch nicht sein! Du sagst mir ja auch immer, dass das nicht sein kann!
Mutter:
Meine Arbeit in der Schule hätte ich besser machen können und der Workshop am Abend war falsch vorbereitet.
Vater:
Dann schreib halt “trotz falscher Vorbereitung nicht den Faden verloren.”
Mutter:
Doch, natürlich habe ich den auch verloren.
Vater:
“Trotz Faden Mut nicht verloren”?
Mutter:
Ja, gut, das geht.
Kind [zu Vater]:
Du könntest ja auch einmal etwas aufschreiben. Denn eigentlich hast du auch unser Problem, dass du immer nur Fehler siehst und nicht genug das Gute. Perfektionistisch und pessimistisch.
Vater:
Nein. Ich schreibe nichts.
Kind:
Doch! Alle müssen helfen!
Vater:
Ok, ich schreibe, dass ich einen Zettel geschrieben habe.
Kind:
Klar! Man darf alles schreiben, alles! Alles was man gut gemacht hat.

[Mutter schiebt verschämt einen weiteren Zettel nach. Denn eine gute Tat oder eine nicht genügend gute Tat, das ist immer die Frage. Oder: Wie viele Generationen braucht es, um die protestantische Ethik zu bezwingen?]

7 Reaktionen zu “Tischgespräch [16]”

  1. Silvia Mauerhofer

    Meine Lieben, ein schwieriges Thema! Meine guten Taten bestehen oft aus “Nicht-tun”: ich habe gestern nicht meine Kinder angeschrien, ich habe nicht geraucht (jedenfalls fast nicht…:), ich habe nicht allzu ungesund gekocht und dann habe ich nicht sinnlos die Fernsehprogramme durchgezappt und bin nicht zu spät ins Bett gegangen. Bin ziemlich stolz auf diesen Tag:)

  2. Tisha

    Schwesterherz! Wenn du jetzt alle guten Taten notierst, die du bloss heute Nachmittag vollbracht hast, raubt das dir deinen wertvollen Schlaf! Kinder hüten, motivieren, begleiten, unterstützen, beschenken, unterhalten, fördern,… Erwachsene aufmuntern, beraten, bewirten, motivieren,…

    Unbezahlbar, deine guten Taten! Herzlichen Dank! Hoffentlich kann ich dir irgendwie auch einmal so viel helfen.

  3. Tanja

    Das ist nun doch etwas übertrieben, Tisha…

    Silvia, auch Unterlassenes zählt zu den guten Taten, keine Frage. Das Problem ist einfach, dass es so verdammt schwer aufzuschreiben ist… Immerhin geht es im Blogkommentar :-)

  4. vered

    Tanja, wenn du erlaubst, bastle ich mir uns auch einmal so eine Schachtel. Und wenn sie voll ist, schickst du mir einen Haselnuss-Bären. Das wöre dann drei gute Taten wert

  5. Tanja

    Vered: JEDERZEIT!

  6. Stolle

    ist das ein Väter-Problem:
    überkritisch sein, nichts das Gute sehen - oder gar aussprechen - können?

  7. Tanja

    Also bei uns zieht sich das “Problem” durch die Reaktionen sämtlicher Familienmitglieder. Inzwischen hat das Kind aber eindeutig Vorsprung mit guten Zetteln in der Kiste.

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