Swissness I

[Bloggerin: “Du, kann man über Swissness durcheinander bloggen?” Co-Abhängiger: “Swissness ist dafür geeignet. Bloggen auch.”]

Swissness wurde im Inland salonfähig, als sie auf der ganzen Linie versagte: mit dem Swissair-Grounding. Kaum waren die überfliegenden Schweizer Werte als Heuchelei entlarvt, beschloss das Volk, sie mit Taschentüchern und Kuchengabeln eines untergegangen Labels zu zelebrieren und im gleichen Atemzug auch alle anderen Embleme von der japanischen Annektierung zu befreien. Edelweisse und Enziane, Matterhorngipfel und Tobleronezacken gehörten nicht länger der Tourismusindustrie, sondern verschmolzen zu einem Stossseufzer der Nation: Swissness.

Wie die meisten Menschen kenne auch ich die vaterländische Gespaltenheit. Das eine Mal besonders kritisch, bin ich ein anderes Mal speziell anfällig für Schauersentimentalität (Thomas Bernhard). Ich fürchte nicht um meine Identifikation mit diesem Land, es gibt vieles, worauf ich stolz bin. Allerdings bleibt die Suche nach dem Schweiztum eine ambivalente Angelegenheit.

„Ehrlich verhandeln, den Partner nicht über den Tisch ziehen“, „sparsam leben“, „stets investieren, das Geld nicht für private Vergnügen ausgeben“, „seriöse, reelle Arbeit leisten zu verantwortbaren Entschädigungen“ – formuliert es Walter Knecht, altbackener und erfolgreicher Schweizer Unternehmer und Reisepionier. Und keiner hört mehr zu.

Ein ähnliches Leitbild könnte auch Blocher gehabt haben, als er die heruntergewirtschaftete Ems übernahm. Nach erfolgreicher Führung (heute durch Blochers Kinder, welche via Familienholding mit 57 % die Mehrheit an der Ems-Chemie haben) steht die Sippe mit 2-3 Milliarden Vermögen an der Spitze des Schweizer Reichtums. Was das Oberhaupt nicht davon abhält, sich auf Bierkisten zu stellen und als der kleinen Leute Advokat auszugeben. Seit er im Bundesrat einer von sieben ist, fällt ihm das allerdings nicht mehr ganz so leicht. Kompromissdemokratie ist eben doch zu langweilig für den Unternehmer.

Dass die heute frisch gebackene Bundesrätin Doris Leuthard gestern auf ihrer Reise zum Fussballspiel nach Stuttgart „im Car“ noch einen Jass „klopfte“, soll Schweiztum pur darstellen. Dass sie nicht nur parteipolitisch fischt, sondern als emsige Verwaltungsrätin die Beute mit dem Bankennetz einholt, ist Schweiztum pur.

Ich könnte mich noch lange mit der Geschichte der Banken aufhalten, die ja neben Uhren den festen Pfeiler der Swissness darstellen: Zuverlässigkeit. Aber aus Gründen leichter Reizbarkeit lasse ich es bleiben.

3 Reaktionen zu “Swissness I”

  1. Vero

    Meine innere Engländerin muss über anglizistische Wortschöpfungen wie “Swissness” und “Wellness” herzlich lachen; sie fallen in dieselbe Kategorie wie “Taxcard” und “Handy”. Für Englisch-Muttersprachler ohne Kenntnisse des Schweizerdeutschen unverständlich aber irgendwie witzig. :)

    Dass meine Lieblings-Schweizer-Bloggerin die nicht-mehr-so-frischgebackene aber immerhin noch frisch-und-knackige neo-Bundesrätin Leuthard erwähnt (sorry, leide under Doris-Leuthard-Overload-Syndrome), sei ihr verziehen. ;)

  2. Tanja

    Entschuldigung. (Aber das war wirklich nur wegen deren Swissness-Car-Fahrt-mit-rot-weissem-T-Shirt! Und wegen der Chronistinnenpflicht!) Erklären wir hier doch erstmal Leuthard-Sperrzone.

  3. lizamazo

    leuthardfreies blog :-) aber so langweilig wie der wahlkampf war … wir werden sie bald nur noch im notfall erwähnen. vero: in richtung französisch gibt es auch solche wunderbaren wörter: z. b. der courant normal: von den französischsprachigen menschen verstehen das a) die bundespoliltiker und b) die welschen bundesangestellten und alle anderen denken, das sei ein schweizerdeutscher ausdruck :)))

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