Der letzte Freund

Tahar Ben Jelloun, Der letzte Freund

Ben Jelloun, Tahar
Der letzte Feund
Berlin Verlag 2004
Originaltitel: Le dernier ami

Die Verlagswerbung schreibt – wie sie es vom Kinderbuch bis zur Sterbebegleitungslektüre oft tut – das sei ein Buch über Freundschaft. Und sie hat Recht.

Dieses schmale Buch ist opulent, weil der Autor für jede Regung Platz fand, die dieser grosse Begriff in sich birgt. Ben Jelloun ist der berühmteste Vertreter französischer Literatur aus dem Maghreb, er ist ein begabter, emsiger Schriftsteller und ein wunderbarer Lyriker. Dieses Buch hat nicht viel Beachtung gefunden. Doch ich habe es geliebt und gelesen als Exzerpt seines Gesamtwerkes.

Mamed und Ali sind Freunde im Tanger der Fünfzigerjahre. Ali kommt aus Fès und ihm eilt der Ruf voraus, eingebildet, zu hellhäutig und durchsetzungsfähig wie ein Jude zu sein. Und deshalb wäre er im Gymnasium ziemlich unter die Fäuste gekommen, hätte sich Mamed nicht vor ihn gestellt. Schmächtig zwar, dieser Mamed, aber bissig genug um einen Neuen zu schützen.

Die Freundschaft nimmt ihren Lauf, Elternvorwürfe, Mädchen und ein Bordellbesuch schweissen die beiden zusammen, auch wenn sich ihre Pläne nicht ähnlich sind und sie damit rechnen, bald getrennte Wege zu gehen. Mamed ist im repressiven Klima des Algerienkrieges in die kommunistische Partei Frankreichs eingetreten, Ali hingegen lebt in westlichen Filmen. Doch wie das so geht im Leben unter der Macht schamloser Willkür despotischer Regierungen, landen beide im gleichen Erziehungslager. Vor den Verwandten getarnt als Militärdienst, ist es nichts anderes als eine neunzehnmonatige Haft unter grauenhaften Bedingungen. In dieser Zeit retten die Freunde einander das Leben, überzeugt, ab jetzt könne nichts und niemand je ihre Freundschaft zerstören.

Das wird nicht einfach für ihre späteren Frauen. Diese sind beide eifersüchtig bemüht, die Männer gegeneinander auszuspielen. Mamed, der Arzt, wandert mit seiner Familie nach Schweden aus, Ali, der Lehrer, bleibt mit seiner Frau und einem adoptierten Kind in Tanger. Und die Art und Weise, wie die beiden Freunde ihre Biografie weiterhin zu teilen suchen, das kann fast nur Ben Jelloun erdichten. Aus tausend Stellen würde ich die seinen erkennen, keiner lässt den Freund „ein wenig Ostwind aus Tanger, 13. April 1990“ in hermetisch verschlossenen Plastikflaschen nach Schweden schicken, keiner lässt solche Briefe schreiben, keiner solche Telefonate schweigen. Die Schwermut auf der Suche nach Heimat, das ist Ben Jelloun.

Neben seiner literarischen Güte ist das Buch auch von literarischer Formschönheit. Es beginnt mit einem Brief Mameds an Ali, der alles verändert, ohne dass wir Lesenden seinen Inhalt kennen. Erzählt wird aus drei Perspektiven: Ali, dem Zurückbleibenden, gesteht Ben Jelloun 19 Kapitel zu. Mamed, dem Ausgewanderten, 17 Kapitel. Und Ramon, dem Zeugen dieser Freundschaft, ein einziges. Abgeschlossen wird das Buch mit dem Wortlaut des Briefes, der die Freundschaft beendet und unsterblich macht.

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