Schiffsmeldungen

Der Umzug ist vollzogen, nun müssen wir nur noch die alte Wohnung abgeben. Letzteres sei “ein ganz besonderer Stress in der Schweiz”, meint mein neuer deutscher Nachbar. Könnte stimmen, wir notieren schon beim Einzug alles Defekte und sei es noch so klein, um nicht für Dellen, Absplitterungen, Verbogenes und Fehlendes grade stehen zu müssen, wenn wir dereinst hier wegziehen. In der Deutschschweiz liebt man detailreiche Aufzählungen handwerklich relevanter Kleinteile und deren Verhalten und Zustand, was sich eben in der sog. Mängellsite manifestiert. Kein Wunder ist die Wiege der Berufsbildung gerade hier.

Die Bibliothek ist reduziert und vor allem deswegen schon zu einem guten Teil eingeräumt. Das Kind findet, die Bibliothekarinnen-Grossmutter versuche das Gesetz des Chaos auszuhebeln, indem sie aus ästhetischen Gründen farblich ordne, aber auch noch nach Grösse (weil’s dann noch schöner aussieht), nach Genre (weils dann praktischer ist) und - liesse es sich irgendwie einrichten - doch noch nach Autor (der bibliothekarischen Logik wegen). Da aber Alfred Andersch nicht nur gleich grosse rostrote Bücher im Aufbau Verlag geschrieben hat, werden wir Abstriche machen müssen.

Ich schreibe dies aus einer beinahe eingeräumten Küche auf einem beinahe abgeräumte Tisch mit Blick auf die Strasse und in die Wohnstuben des Nachbarhauses. Vor dem Küchenfenster wippen vermummte Köpfe vorbei, es ist immer noch bitterkalt. Die Minustemperaturen haben unseren Umzug zum eisigen Erlebnis gemacht - ich war froh, dass wir uns für eine (verhältnismässig neue) Umzugsfirma eines Südosteuropäers entschieden hatten. Diese zähen Zügelmänner arbeiteten auch bei -15° präzise und schnell, und ich dachte mehr als einmal: Zum Glück führen die Umzüge durch und nicht Kriege.

So, nun gehe ich weiter auspacken.

2 Reaktionen zu “Schiffsmeldungen”

  1. kaltmamsell

    Ich gratuliere!
    (Und dann gibt es noch wirklich durchdachte Bibliothekssortierungen:
    http://www.herzdamengeschichten.de/2012/01/31/ein-konstruktiver-vorschlag/ )

  2. Tanja

    Ja, ich glaube, das kommt schon gut mit der Farbenordnung. Die Tests meiner einräumenden Verwandtschaft habe ich alle bestanden ausser einem: “Schutzengel der Hölle” von Tomi Ungerer im Taschenbuch. Das ist zwar weiss, hat aber einen schwarzen Rücken - das hätte ich nicht gefunden. Für die Ordnung nach Farbe ist der Buchrücken relevant, weshalb es im schwarzen Bereich steht.

    Danke auch für den Link zur Herzdame, sehr amüsant. (Ich habe sie länger nicht besucht und daher von der Existenz des zweiten Sohnes noch nichts gewusst.)

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