Wiki-Märchen

Es war einmal eine Buchhändlerin, die hat ein Fach unterrichtet, das sich “Neuerscheinungen” nannte. Vor der Frankfurter Buchmesse 2003 hat sie den Lernenden vom Grosseinkauf von Lexikas auf Weihnachten hin abgeraten. Hui, das war ein Surren und Knurren und Zicken und Kicken! Niemlas, Frau Lehrerin, wird irgendwas auf dieser Welt die schönen, gut riechenden, wunderbar gemachten Bände ersetzten, niemals werden die Menschen die überragenden Vorteile eines Taschenlexikons vergessen. Niemals wird diese merkwürdige Internet-Community die Seriosität einer Enzbrit oder eines Brockhaus auch nur annährend erreichen. Und triumphierend sind sie nach dem Weihnachtsgeschäft zurückgekehrt mit guten Lexika-Umsätzen.

Und so begab es sich, dass die Lehrerin das Thema mied. Ein Jahr später stand in keiner der Buchhandlungen, die die Lehrerin zu Weihnachten besucht hat, ein allgemeines Lexikon in der Auslage, keine einzige Werbeaktion von keinem Verlag wurde geschaltet, keine Neuauflage der Taschenlexika gemacht. Ein vorwitziger Geist hat sich vom Geiste aller etwas geholt und aufgeholt.

Doch anstatt ebenso vorwitzig und geistreich zu sein und neue, verrückte Dinge zu wagen, schwiegen alle. Der Wiki-Geist wurde nie zum Thema und so leben sie noch heute. Wenn sie nicht gestorben sind natürlich.

5 Reaktionen zu “Wiki-Märchen”

  1. Mathias Schindler

    Oh, interessant. Bertelsmann brachte ein Taschenlexikon für 49 Euro raus, Brockhaus zusammen mit der ZEIT ein Lexikon für 300 Euro, dazu noch einige CD-Aktionen und im Herbst (200 Jahre F.A.Brockhaus!) kommt eine 30bändige Enzyklopädie auf den Markt. Die letzten 12 Monate waren also durchaus nicht so wie im Märchen beschrieben.

  2. Mathias Schindler

    Und ich habe die Enzyklopädie der Neuzeit vergessen, über die man auf der Frankfurter Buchmesse dauernd stolperte. Sorry, das ist mir ein wenig peinlich.

    Im Buchreport magazin 01/05 ist übrigens auch ein schöner Artikel von Daniel Lenz mit einem, zwei Zitaten von mir.

  3. Tanja

    Ich glaube, das Märchen handelte nicht von speziellen Enzykolpädien. Auch nicht vom Markt als Ganzes, es ist ein Produkt persönlicher Erlebnisse der Erzählerin.

    Aber: Absatzzahlen herzlich willkommen. Möge sich das Märchen als solches erweisen!

  4. Mathias Schindler

    Naja, im Märchen wurden drei Namen genannt.

    Absatzzahlen:
    Zeit-Lexikon, Band 1: 513.000, Band 20 soll noch knapp 100.000 werden.
    Enzyklopädie der Neuzeit: Würde mich wundern, wenn es mehr als 10K werden.
    Brockhaus-Zehnbänder: Fragezeichen
    Brockhaus-Multimedial: habe irgendwo was gehoert, daß das knapp (?) sechsstellig ist
    Brockhaus Enzyklopädie 21. Auflage: Deckungsauflage massivst niedriger als bei der 20. Auflage

    usw…

    Habe im Moment leider nicht die Zeit, alle Daten zusammenzutragen, sie dürften irgendwo sogar schon sortiert stehen, sorry.

  5. Tanja

    Danke für die Info! Mal sehen, was wird.

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