Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben geächzt und der Aufgabenlast, die ich ihnen an die Buchmesse mitgegeben habe. Letztes Jahr hatten die Klassen – es ist immer das 2. Lehrjahr, das eine Exkursion zur Buchmesse macht – eher zu wenig Aufträge. Das ist eben auch nicht gut, weil sie ziellos schneller ermüden. Ich werde die Aufträge nächstes Jahr noch flexibler halten, damit die Lernenden besser selber dosieren können. Einige haben auch Aufträge vom Lehrgeschäft zu erfüllen, und das will ich nach Kräften unterstützen. Denn dabei lernt man einfach am schnellsten und am meisten, die beste Berufsschule der Welt kann das nicht ersetzen.
Aber sie haben trotzdem engagiert referiert. Sie waren beeindruckt von den Koreanerinnen, die alle fliessen Deutsch sprachen und begeistert von der Buchhändlerschule in Frankfurt-Seckbach. Dort gab’s nämlich ein Fest und Freibier und coole Lehrer.
Ich habe mich gefreut über diesen ganz besonderen Messespiegel von Menschen, die knapp zwei und nicht bald zwanzig Jahre, wie ich, mit Büchern arbeiten. Die Folien, die sie zu den Referaten gemacht haben, habe ich für sie selber und ihre Lehrmeisterinnen im Forum für den Buchhandel deponiert. Das förtert die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.
Speziell erwähnen möchte ich die Besuche beim bilgerverlag, beim Verlag Klaus Wagenbach und beim Limmat Verlag, der heuer sein 30. Jubiläum feiert. Alles Verlage, die viele Lehrlinge nicht mehr von selber kennen lernen. Darum ist es mir so wichtig, dass ich die Begegnungen an der Messe organisieren kann. Gerade weil die Messetage immer hektischer werden, bin ich diesem kleinen Club von Idealisten besonders dankbar, dass sie „meine“ Schülerinnen und Schüler empfangen und ihnen ehrlich und lebendig Auskunft geben.

Khomeinis langer Schatten
Nachdem die deutsche Presse online wie offline die Demos zum Al-Quds-Tag eher desinteressiert kommentiert hat (und ich das gar nicht schlecht finde), empfehle ich folgenden Blog-Lauf:
Start bei Bessere Zeiten, via dortigen Kommentar zum passenden Eintrag bei classless und von dort zur History bei scrupeda.
Und wenn der Iran schon so viele Schlagzeilen generiert: Was macht eigentlich Shirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin 2003? Immer noch vorgeladen – ohne Angabe von Gründen, versteht sich – beim Revolutionsgericht?
Wie der Al-Quds-Tag und die Fatwa gegen Buchmenschen ist auch das Revolutionsgericht eine Erfindung Khomeinis. Das sind die, die in den Achzigerjahren im iranischen TV Mütter für die Todesstrafe ihrer missratenen aufständischen Söhne flehen liessen. Flugblätter verteilen hat gereicht dafür. Das kennen wir doch irgendwoher.
Wer weiss, was Ahmadinedschad noch einfällt. Im Moment ist er abgesehen von seiner Rhetorik noch ziemlich schlampig. Wie anders können wir uns sonst das erklären?
UPDATE: Repolitisiert das Internet (…) by eDeomokrat.
Hello when
does anybody realize, that this was the most stupid statement of Mr. Bush ever?
Bush told Texas newspaper reporters in a group interview at the White House on Monday [1st August 2005, Anm. nja] that he believes that intelligent design should be taught alongside evolution as competing theories.
„Both sides ought to be properly taught . . . so people can understand what the debate is about,“ he said, according to an official transcript of the session. Bush added: „Part of education is to expose people to different schools of thought. . . . You’re asking me whether or not people ought to be exposed to different ideas, and the answer is yes.“
„Intelligent Design“ is a fancy dress. It does not belong to school but to Halloween.
[Citation: The Washington Post, 3rd August 2005]
Amazon enttäuscht
die Börse. Sehr traurig.
Für das vierte Quartal, in dem bei Amazon wegen des Weihnachtsgeschäfts der Löwenanteil des Umsatzes erzielt wird, prognostizierte Amazon am Dienstag nach Börsenschluss in den USA einen Erlösansteig auf 2.86 bis 3.16 Milliareden Dollar. Das liegt unterhalb der Erwartungen vieler Analysten.
Jetzt wird’s aber eng.
Im dritten Quartal verzeichnete das Unternehmen wegen hoher Kosten für einen Patentrechtsstreit einen Gewinneinbruch von 54 auf 30 Millionen Dollar.
Vielleicht haben die Ureinwohner am Amazonas geklagt? Vielleicht brauchen sie einen Namen für ihren Pfeilgift-Onlineshop? Nun, Jeff Bezos wird sich auskennen. Er war ja auf den Buchverkauf verfallen, weil die Buchbranche weltweit die beste elektronische Erfassung ihrer Produkte vorzuweisen hatte. Die Branche war zwar klug genug, die ISBN zur zweifelsfreien Identifikation ihrer Ware zu erfinden, bevor andere Branchen auch nur „Strichcode“ denken konnten, aber leider zu dumm, selber rechtzeitig online einzusteigen. Und auch noch leutselig genug, die Daten so zu lagern, dass Jeffy sie bloss von ein paar CD-ROMs zu kratzen brauchte.
Neben dem Ausblick zeigten sich Analysten auch mit der Bruttogewinnmarge des Unternehmens unzufrieden.
Jesses! Die haben wohl lange nicht mehr vorbeigeschaut, wenn sie das erstaunt. Amazon verschleudert Bücher unter dem Wert von Pappe und Druckfarbe. Im Doppelpack. Oder Triopack? Auf jeden Fall versandkostenfrei. Neben der armen Börse muss es auch noch irgendwo Buchpacker geben, die nichts verdienen. Inzwischen haben sie Lager und Versand bestimmt von Seattle nach Guantanamo outgesourced.
Ich alte Amazonhasserin, habe mich ein gutes Jahr zurückgehalten. Ich gönnt‘ mir gerne eine Portion Schadenfreude. Aber irgendwer bezahlt die Zeche, und das ist weder Bezos noch die Börse und darum nichts zum Lachen darüber.
[Zitate Tages-Anzeiger vom 27. Oktober 2005]
Du bist die Schweiz

Mehr Aufforderung als Anforderung. Diese Kampagne ist genau richtig.
Du bist (ein wenig) die Schweiz

Mehr Anforderung als Aufforderung. Diese Kampagne plakatiert mir zu „gut gemeint“.
Aufstand heute
+ ‘Rassen’ + psychische Merkmale + kulturelle Merkmale + körperliche Merkmale + Stigmatisierung + Schuldzuweisung + Fremdenfeindlichkeit + Diskriminierung + Ausländerfeindlichkeit + Verschwörungswahn + religiöse Zugehörigkeit + Sündenbock immer + immer + immer + immer + immer + immer + immer + wieder +
Demokratie, Strafrecht und Bildung ermöglichen Prävention und gewährleisten Ahndung.
Und Wachsamkeit. Auch gegenüber denen, die den Staat verhöhnen und aushöhlen.
Aufstand einst
When Momma Parks sat down,
The whole world stood up,
What’s good for one is good for all,
It’s good for all of us.
Quelle und weiter lesen bei Liisa.
The Politics of Bones
Wole Soyinkas Einsatz in Australien hat nichts genützt und Ken Saro Wiwa wurde der erste Autor in meinem Buchhändlerinnen-Leben, der ungeachtet aller Proteste und zusammen mit anderen hingereichtet wurde. Seiner Meinung, von Staates und des Öles wegen.
Ich war perplex. Dabei hatte ich das Gemetzel in Ruanda mitverfolgt, weil ich zu der Zeit aus diesem Land viele und gute Buchkunden betreute. Die Ausländer unter ihnen wurden gerade noch rechtzeitig ausgeflogen, die Einheimischen kamen als Intellektuelle zuerst unter die Macheten. Ich hätte es also besser wissen sollen, so läuft das halt, mal so, mal so, egal wo. Mal die Autoren und dann die Bücher, mal die Bücher zuerst und danach die Autoren, Leser, die Zeitungen, die Journalisten, Hauptsache jeder Mund tot. Auf der neuen Rangliste der Pressefreiheit liegt Ruanda allerdings auf Rang 122, während sich Nigeria mit 123 begnügen muss.
Um auf Wole Soyinka (übrigens auch ein Nobelpreisträger, auf dessen Ehrung viele mit Schimpf und Schande reagierten), zurückzukommen:
Er ist erneut für seinen Landsmann in Australien. Dieses Mal, um im Rahmen der Erinnerungsveranstaltungen Ken Saro Wiwas Gedichte zu lesen.
Also, falls jemand heute in Sydney oder am 9. November in London ist, möge er doch für mich hingehen. Ich glaube, der Andrang wird so gross nicht sein.
Buchlektüre: Politics of Bones
Netzlektüre: International PEN
Denklektüre: Mobile und Gestrandete
Es war einmal
der Hebst eine geliebte Jahreszeit. Seit Zweitausendundeins ist das nicht mehr so. Nineeleven war für mich ein Schock, seit Tschernobyl hat mich kein Ereignis mehr politisiert. Nur wenig später lief ein Politikerhasser im Zuger Parlament Amok. Es war eine grässliche Zeit, in der ich meinen Wertekanon täglich auf dem Prüfstand sah.
Und es war noch vor den Weblogs und dem persönlichen Austausch über Tagesereignisse. Ich verfasste dann halt einen Leserbrief, worauf die „Berner Zeitung“ mir vorschlug, einen etwas längeren Beitrag für „Ihre Seite“ daraus zu machen.
Es ist schon merkwürdig zu lesen, was man einst geschrieben hat.