Zwischen den Stühlen

30. October 2017

Ich schreibe allerlei, aber nicht hier, was ich immer ein wenig bedaure. Drei halbfertige Beiträge harren meiner Bearbeitung. Der Buchmessebesuch dieses Jahr muss unbedingt festgehalten werden, er war mein 23. und lustigster. Auch meine Schulleiterausbildung hat inzwischen Highlights und Dämpfer erfahren, die eigentlich in mein Tagebuch gehörten. Und den Nachruf auf einen der besten ehemaligen Lehrer unserer Schule habe ich - auf Wunsch vieler - auch fast fertig.

Aber es soll nicht sein im Moment. Die mir zur Verfügung stehenden Worte sind an anderer Stelle gefragt und ich muss mich arg konzentrieren, damit sie sich nicht aus dem Staub machen. Denn das wäre schlecht, ich habe redeintensive Prüfungen und Tagungen und die Ehre, am Samstag ein Referat zu halten. Gerade dieses erscheint mir noch immer als sehr unwirklich, so als Bernerin in einem Kreis hochgebildeter Menschen aus Zürich. Vor allem auch der Ort. Ich war noch nie im Leben an der ETH. Doch ich versuche einfach, meinem Auftrag, den die Veranstalterin mit gegeben hat, treu zu bleiben.

Programm Tagung Lebendiges Buch 1

Ich werde nach bestem Wissen die Brücke schlagen zwischen dem Ausnahmebuchhändler Heinrich Fries, der in seinen 60 Berufsjahren nationale Bekanntheit erlangt hat und der heutigen unbekannten Buchhändlerin auf ihrem unbequemen, dafür freien Platz zwischen allen Stühlen.

Programm Tagung Lebendiges Buch 2

Zwischenstand

19. September 2017

Worüber ich bloggen würde, wenn ich weniger Schlaf bräuchte:

  • Social Media und deren Relevanz aus Sicht von Menschen u20; dazu nämlich geben meine Azubis morgen eine Weiterbildung für Lehrpersonen und Mitarbeitende der Verwaltung.
  • Eine Standortbestimmung meiner Weiterbildung zur Schulleiterin (eine Arbeit ist abgegeben, eine in der Mache, eine in Planung) und ein Ausblick für mich selbst.
  • Die Konsequenzen aus der fehlenden Integration von Zugewanderten aus patriarchalen Gesellschaften.
  • Den Wandel der Frankfurter Buchmesse im Laufe von drei Jahrzehnten (ich werde dieses Jahr ebenda zum 25. Mal meine Kilometer abrennen).
  • Die Angst meiner geschätzten, politisch versierten deutschen Freundinnen und Freunde vor der AfD, die meiner Meinung nach zu gross ist.
  • Das wunderbare Buch “Hillbilly Elegy” von J.D. Vance, weil mir selten etwas so geholfen hat, anderen meine Schwäche für Schwache, die bei näherer Betrachtung unglaubliche Stärken haben, zu erklären.
  • Leider sind meine Tage zu voll zum Bloggen und in den Nächten melden sich die Lebensjahre in Form einer Müdigkeit, die ich hoffentlich bald einmal als Geschenk betrachten werde.

    Sommerferien-Reflexion

    13. July 2017

    Ich kann mich an kein kräftezehrenderes Semester erinnern als dieses vergangene. Aber die Erinnerung kann ja täuschen. Wir litten alle unter Ausfällen von Menschen bis Maschinen, ich ächzte unter dem Wachstum der Abteilung Kundendialog und auch privat war selten Sonntagsspaziergang. Doch die Sommerferien sind eine Zäsur und ich will diese nutzen, zu überlegen, ob alles, was ich organisierte, nötig und wirksam war und wie ich es ändern kann, weil es zu viel zu tun gibt.

    Der “Pegasus” bereitet mir viel Freude, aber als Einfrau-Redaktion auch enorm viel Arbeit. Mit den guten Rückmeldungen für die aktuelle Nummer kommt dann die Versöhnung - bis zum nächsten Mal!

    Die Diplomfeier im Buchhandel gestalten wir aufwändig, wir verwenden zu viele Ressourcen darauf. Die Bühne wird schön geschmückt (ich mietete dieses Jahr weisse Rosenbäume, es war umwerfend) und es gibt eine halbstündige Lesung mit einem guten Autoren oder einer guten Autorin. Am Schluss können die Diplomierten ein Buch von einem mit Aktualitäten ihrer Lehrzeit bestückten Büchertisch auswählen. Der Fotograf verschafft uns wunderbare Erinnerungen. Die Organisation beginnt im November des Vorjahres, der Autor sollte im Dezember gebucht sein. Wenn ich die Lesung und den Büchertisch streichen würde und ohne Bühnenschmuck auskäme, hätte ich noch einen Viertel des Aufandes nur schon deshalb, weil ich mir den Grossteil des Fundraisings sparen könnte. Aber das schaffe ich im Moment noch nicht. Wie es ist, ist es einfach zu schön.

    Auch bei der Diplomfeier in der Abteilung Kundendialog logieren wir wunderschön, im Technopark in Zürich. Der Anlass wird hauptsächlich von der Zuständigen im Berufsverband organisiert, der ich sehr dankbar bin. Ich fundraise nur die ganz einfachen Fälle und helfe vor Ort mit. Ich schaue zum Beispiel, dass die hibbeligen Diplomandinnen am richtigen Ort sitzen und der Fotograf neben allen in die Luft gereckten Handys Platz bekommt für seine grandiose Arbeit. Ich halte meine Rede als Letztes und vorher verlorene Zeit einsparend. Zudem stifte ich einen Preis für die besten Berufskenntnisse. Das ist eben nicht die Praxis, sondern die Theorie dahinter. Dafür gibt es sonst nie eine Ehrung und das finde ich so falsch, dass ich den Preis am liebsten für alle 150 Berufe in diesem Landes spenden würde. Auch hier: Selbst wenn es viel zu tun gibt, ist es genau richtig so.

    So geht es im Leben häufig: Man möchte wirklich und endlich etwas ändern, aber bitte ohne Veränderung.

    Messerli-Preis für Whitney Obahor

    Der Renner

    28. June 2017

    Renner am Längenberg

    ist mein einziges und bestes Instrument, die Arbeitslasten für zwei Stunden abzuschütteln. Der Soundtrack im Kopf dazu ist auch schon zwanzig Jahre alt. Hab ich mir damals, als ich diese CD von Meredith Brooks kaufte, etwas vom Heutigen als Zukunft vorgestellt? Ich weiss es nicht mehr. Aber es ist wohl einfacher, sich ein Bild vom Leben in zwanzig Jahren zu machen, als sich an die eigenen, weit zurückliegenden Erwartungen zu erinnern.

    My April

    30. April 2017

    Ich sitze am Küchentisch, versuche mir vorzustellen, was der blitzschnell vorbeirasende April mir gebracht hat und merke: Es war vor allem Wachstum.

    Kinder sind zur Welt gekommen. Entsprechend habe ich den Chinderbuechlade besucht, denn etwas anderes als Bücher kriegen Bébés von mir nur in Ausnahmefällen. Dabei habe ich gemerkt, dass Bilderbücher, die ich gerade noch als besonders originell gefeiert habe (wie zum Beispiel “Nick” von Benji Davies oder die Torten-Titel von Thé Tjong-Khing) unter verständigen Buchhändlerinnen längst Klassiker geworden sind. Aber Bilderbücher öffnen sich immer wieder neu, meine Entdeckung ist Pija Linderbaums Greta.

    Und “meine” Abteilung Kundendialog wird im neuen Schuljahr noch grösser. Ich wähnte mich auf der sicheren Seite, als ich (neu) drei Parallelklassen für 2017/18 beantragte, erhielt und plante. Nun reicht das nicht, es stossen Neue aus der Ostschweiz zu uns, wir brauchen eine vierte Klasse. Alle Mitlesenden mit Schulleitungskenntnis wissen, was das bedeutet. Den anderen sei gesagt, dass es eine geeignete Aufgabe für “Germanys next topschulleitung” wäre. Man hat nämlich erstmal nichts: Keine Stundenplanzeitfenster mehr, keine Räume, keine PCs und noch keine einzige Lehrperson. Dafür umso mehr Anfragen von Leuten, die wissen möchten, in welche Klasse sie eingeteilt werden und von wann bis wann welches Fach haben und vielleicht auch noch grad bei wem (was verständlich ist, denn die machen ja jetzt die Arbeitspläne für die Integration der neuen Azubis)? Praktischerweise fällt diese aufbauorganisatorische Herausforderung mit der kritischsten Phase der Ablauforganisation einer Berufsschule zusammen: Der Prüfungszeit. Als Leiterin der Abschlussprüfungen Kundendialog bin ich auch in die Erstellung, Durchführung und - wegen Ausfällen - in die Korrekturen involviert. Andre, die mir sonst helfen könnten, sind mit den Prüfungen ihrer eigenen Abteilungen ausgelastet, die Sekretariate sogar überlastet. Und fast vergessen: Budgetphase ist auch jetzt. Falls jemand fragt, was Schulleitungen den lieben langen Tag so machen, wäre die Antwort simpel: Management.

    Und noch eine grosse Überraschung: Das Ehemaligentreffen der Buchmenschen unserer Schule hat enormen Anklang gefunden. Über 180 Leute sind zusammengekommen, um sich miteinander über alte und neue Zeiten zu unterhalten. Und dies, obwohl wir nur via Social Media und mit einem Inserat in der Branchenpresse für den Anlass (für den es gar kein Programm gab) werben konnten. Eine Bildauswahl des aussergewöhnlichen Abends habe ich inzwischen zusammengestellt und richtig Freude daran. Ich finde die Fotos, die von verschiedenen Laien gemacht wurden, fangen die Stimmung an diesem 1. April sehr schön ein. Auch wenn der Buchhandel schrumpft und viele der Gäste heute andere Betätigungsfelder haben, war die Verbindung über Bücher und das Lesen und Menschenfreundlichkeit an sich einfach in allen Gesprächen spürbar. Die junge Frau, die mir in der Lehre nachgefolgt und also meine “Unter-Stifin” war, wird demnächst Grossmutter, Wachstum auch da.

    Zudem bot mein April mir gleich zwei besondere Gelegenheiten, selber zu wachsen. Der Sohn war krank (im Spital) und ich hatte meine erste Woche als normale Studentin (BWL, RW und Controlling) an der Fachhochschule. Beides verschiedene, aber doch sehr neue Herausforderungen für mich, die viel Geduld und Kraft erforderten. Die Studienwoche muss ich noch nachbearbeiten, aber der Sohn ist zum Glück schon fast wieder genesen.


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