Corona News IV

19. April 2020

Corona s-w Corona farbig
Meine Schwester hat mir ein schwarz-weisses und ein farbiges Logo für die “Corona-News” für mein Kollegium gezeichnet, wunderbar! Und ich habe in der schulfreien Zeit einen neuen Kodex erdacht: den Verhaltenskodex fürs Distanzlernen. Ich habe mich dabei von konkreten Vorkommnissen, die in der ersten Distanz-Phase zu Problemen geführt haben, leiten lassen. Auf alle diese Situationen sollte der Kodex eine Antwort haben oder präventiv positiv wirken. Manche machen Sudoku, andere spielen Schach. Ich knoble interkulturell und über jede hierarchische Stufe anwendbare Kodizes aus. Unseren allgemeinen Verhaltenskodex haben ein Kollege und ich vor dreizehn Jahren zusammen gemacht. Wir hatten vom neuen Chef den Auftrag erhalten, unsere 21 Hausregeln sprachlich zu überarbeiten.

Weil bald die Abschlussprüfungen beginnen würden, stehen dieser Tage eine Vielzahl von juristisch formulierten, wieder heruntergebrochenen und umformulierten Regeln zur Umsetzung an, die Lehrpersonen haben sicher nicht auf weitere gewartet. Deshalb verordne ich nichts. Ich orientere mich einfach persönlich und selbstkritisch daran. Und ich werde bei schwierigem Verhalten (egal von wem) darauf zu sprechen kommen. Ich hoffe, es wird nicht nötig sein.

Neben sehr müde bin ich auch sehr zuversichtlich für dieses noch nie dagewesene Quartal in neuer Lern-Dimension.

Corona News III

13. April 2020

Die Kommunikation an Schulen in der Krise beschäftigt alle Schulleitungen, praegnanz hat eine interessante Zusammenstellung von Schulwebsites zur Coronazeit gemacht. Wir sind keine vollständig finanzierte Bildungsinstitution und haben angesichts der Marksituation sofort alles auf online umgestellt, gerade auch Beratungsgespräche. Entsprechend sind die Auskünfte zu Corona auf der Website kurz. Ich finde die Navigation noch nicht gut und sähe vieles gerne etwas anders formluiert; eine Ressourcefrage, wie so oft.

Die ganz wichtigen Informationen, bei denen es auf Details ankommt, bearbeiten wir in der Leitung kollaborativ neu auf Sharepoint (weil das am besten in unsere Systemlandschaft passt). Ich habe dabei die Schlussredaktion und bin inzwischen wirklich die, die abschliessend redigiert ohne übersteuert zu werden. Zudem habe ich einen Stellvertreter, was unsere Abläufe gut abstützt. Die Informationen geht über E-Mail raus, sieht aber wie ein Newsletter aus. Unsere begnadeten Hintergrundarbeiterinnen haben die passenden Verteiler aufgebaut. Unsere grösste Zeilgruppe sind alle, die vom Distanzlernen ganz direkt betroffen sind. Darauf folgt die Gruppe, die von Abschlussfprüfungen betroffen ist, Teilprüfungen mitten in der Lehre eingeschlossen. Nur schon diese beiden Verteiler zu generieren, erfordert hohe Präzision, von den Untergruppen in einzelnen Berufen gar nicht zu reden. Plötzlich realisieren wir, welche Menge an Informationen wir einfach so innerhalb der Schulhäuser und via Klassenlehrpersonen multipliziert haben und wie wenig davon sich 1:1 in die neue reine Onlinekommunikation überführen lässt.

Besser als erwartet gelingt die Führung online, allerdings habe ich auch sagenhaft präsente Kollegien. Wenn die räumliche Nähe nicht mehr das entscheidene Kriterium ist, nehme ich plötzlich andere Lehrpersonen öfter wahr und die bisher sehr Präsenten anders. Ich empfinde das positiv und hoffe, die Lehrpersonen selber fühlen sich dabei nicht vernachlässigt oder verloren oder glauben mir, dass ich alles anbiete, was irgendwie möglich ist. Letzte Woche haben eine Lehrerin und ich unser Jahresgespräch per MS Teams geführt (89′). Unser beider Eindruck davon war gut. Ich denke jedoch, dass das auch mit der Lehrerin (die als ehem. Schauspielerin kameragewohnt ist) zu tun hatte. Ich erwarte nicht, dass es nun immer so ist, will es aber weiter so handhaben. Ersetzen anstatt verschieben erscheint mir nach wie vor die beste Art, mit der Situation umzugehen.

Corona News II

5. April 2020

Wir versuchen an unserer grossen Schule für diese aussergewöhnliche Lage neue Kanäle zu etablieren. Dies, damit wir möglichst allen Anspruchsgruppen gerecht werden können und die Informationen leicht zuzuordnen, kurz und nützlich sind (Bennenungskonvention und jeder Betreff auf der Goldwaage). In den letzten drei Wochen habe ich das hauptverantwotlich für den Bereich Grundbildung aufgebaut. Dabei bin ich zwar drei Jahre gealtert, dafür ist meine Lernkurve steiler als die der der Ansteckungen.

Obwohl die meisten Fragen mit dieser allgemeinen Kommunikation über den ganzen Bereich Grundbildung hinweg beantwortet werden, schreibe ich einmal wöchentlich persönlich an das Kollegium der von mir geleiteten Abteilungen. Dieses besteht aus 31 Lehrpersonen, welche Azubis des Buchhandels und der Kundenservice-Center vom Homeoffice aus auf Distanz unterrichten, davon ca. 80 junge Menschen kurz vor dem Berufsabschluss. Das ist enorm herausfordernd. Ich möchte meine Lehrpersonen unterstützen und in ihrer Arbeit bestätigen ohne sie zu absorbieren. Gerne teile ich je einen Auszug aus den drei Newslettern. Ich bin offen für Austausch, Fragen und Inputs.
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Corona-News I

16. March 2020

Mich beschäftigt das Thema persönlich seit letzten Dezember. Mit einem in einer asiatischen Firma und international tätigen Mann und einem Sohn in der Pflege liegt das nahe.

Es gehört zu den interessantesten Erfahrungen meines Lebens, wie das Virus sich mir genähert hat. In den letzen zwei Wochen ging es schnell und heute befinde ich mich in der noch ungewohnten Lage, dass es mich 24/7 beschäftigt. Deshalb für die Chronik ein kurzer Bericht aus der Leitung einer Berufsfachschule in Bern:

Vor zwei Tagen wurden Präsenzveranstaltungen in Schulen vom Bund verboten. Wir haben an der WKS KV Bildung zwischen Freitag und jetzt auf Distanzlernen umgestellt, das heisst: Über 100 Lehrpersonen haben über 2000 Lektionen vorbereitet, was genau für eine Woche reicht. Für Lehrpersonen ist die Schule vorerst noch zugänglich, bei Besuchen werden die BAG-Regeln zum Schutz eingehalten. Die Arbeitsplätze sind übers Wochenende desinfiziert worden. Wegen eines Verdachtsfalles befindet sich die Bereichsleitung unserer Grundbildung, also auch ich, momentan vollständig im Home-Office (mit Citrix, Office 365 und Lernplattform). Von hier aus leite ich zweieinhalb Abteilungen und beantworte die Fragen der Anspruchsgruppen in folgenden Themenbereichen gem. Vorgaben (und bei Unsicherheit mit Rücksprache bei einem Kollegen):

• Ob etwas stattfinden wird oder nicht, Verschiebunsanträge
• Alles die Branchen (Berufsgruppen) betreffende
• Rechtliches
• Finanzielles
• Persönliches

Natürlich auch Fragen zur Durchführung des Unterrichts auf Distanz, wobei ich hier voll und ganz auf unsere engagierten Fachverantwortlichen zählen kann und im technischen Bereich auf unseren internen Support. Im Moment haben wir noch weniger Krankheitsfälle als bei normalen Grippenwellen und alle Partnerinnen und Parner der Schulleitung zeigen - bei richtigem Abstand - vollen Einsatz.

Weiter bin ich verantwortlich für die Kommunikation innerhalb des Bereiches Grundbildung. Dazu gehört auch Grundlegendes wie die Auswahl der Kanäle und die Bestimmung ihrer Reihenfolge, falls einer zusammenbrechen würde. Bis jetzt läuft alles gut, ein Knackpunkt, der mich beschäftigt, ist die Rekonstruierbarkeit des Geschriebenen bei all den Medienbrüchen. Solange unser Schwerpunkt im logistischen Bereich liegt, ist die Lage überschaubar. Wenn es emotionaler wird, wird’s nochmal sehr anders. Sollten Menschen aus unserer Schule ernsthaft erkranken oder Prüfungen, die für die Berufsabschlüsse relevant sind, verschoben werden müssen, wird das zu neuen Herausforderungen führen. Darüber denke ich im Moment viel nach, wissend, dass ich unvorbereitet bleiben werde.

Persönlich schätze ich - Verblendung nicht ausgeschlossen - dass wir beste Voraussetzungen haben, diese Krise gut zu bewältigen. Wir sind ja hierzulande als zu kontrolliert verschrien, zu wenig emotional, eher unlustig und zu lange zu viel Abstand haltend. Ich weiss, dass viele unsere Zivilgesellschaft als noch zu sorglos empfinden, aber im Bereich Ansteckung verlangsamen und Versorgungslage verbessern kommt uns unsere Rot-Kreuz-DNA ziemlich entgegen.

Jugend auf dem Weg

9. February 2020

Weil ich selbst nicht mehr unterrichte, habe ich beim Semesterwechsel etwas Zeit in Notizbüchern zu blättern oder durch Unterlagen zu scrollen. Jedes Mal bin ich tief beeindruckt von dem, was Jugendliche heute leisten. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir sie daheim, in der Schule, in der Gesellschaft auf das Richtige vorbereiten? Ob ihnen all unsere Sicherheit, Strukturiertheit, aufrecht erhaltene, eigene Jugendlichkeit überhaupt hilfreich ist? Ich fürchte manchmal, dass gerade meine Generation zu viel in der Hand behalten will (Internet), dass Ältere den Jüngeren generell zu wenig Verantwortung übergeben und Freiheit lassen.

Doch ist es in meinem Fall besonders müssig darüber zu lamentieren, ich habe schliesslich häufiger als die meisten Gelegenheit, es zu ändern. Ich erlebe oft, dass junge Menschen sich völlig anders entscheiden, als ihnen geraten wurde. Zum Beispiel die junge Frau, die nach dem Suizid ihres geliebten Vaters nur ein paar Tage auf der Arbeit fehlte mit dem oberflächlichen Grund “Todesfall in der Familie”, ganz ohne weitere Information an niemanden. Oder der junge Mann, der seinen Zufluchtsort nach Verheilen des Backenknochenbruchs (von einem geworfenen Kristallaschenbecher) wieder verliess und nach Hause zum Täter zurückkehrte. Oder die vielen Azubis, deren Antrieb Studienfächer sind, die jeder sogenannt vernünftige Mensch als für sie unerreichbar klassifizieren würde.

Nach zwanzige Jahren in der Berufsfachschule und so verschiedenen Generationen junger Menschen, hat sich meine persönliche Linie im Umgang mit ihnen auf wenige Punkte reduziert:

  • Unterstützung auf dem individuellen Weg im Bewusstsein, dass es ihrer sein muss und NIE meiner.
  • Besondere und ungefragte Ermutigung in allem, was ich richtig und wichtig finde.
  • Fehlertoleranz gegenüber allen und mir selbst. Mehr Lob als Kritik.
  • Vorschläge sind Vorschläge und keine Beleidigung von keiner Seite. Sie dürfen abgelehnt werden.
  • Tägliche Reflexion: War ich den jungen Menschen gegenüber offen? Oder eher ihren Anspruchsgruppen?
  • Mit hilft es zudem zu wissen, dass ich nichts weiss. Ich muss mich verlassen auf das und befassen mit dem, was mir gesagt, gezeigt und gespiegelt wird. Wenn ich dank Empathie und einer guten Beziehung etwas in Erfahrung bringen kann, dann sind es Bedürfnisse. Gelingt mir dies, erleichtert es die Zusammenarbeit sogar dann, wenn kein einziges Wort dazu fällt.


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