30 Jahre Buchhandel: Kraft los

24. January 2018

Vor dreissig Jahren unterschrieb ich meinen Lehrvertrag in der Münstergass-Buchhandlung. Ein denkwürdiger Moment meines Lebens und eine gute Tat an mir selber, die ich niemals bereute habe.

Kurz nach der Lehre in der Münstergass-Buchhandlung an der Hermes

Zugegeben, inzwischen bin ich müde. Der zurückgelegte Weg erscheint einerseits lang, gleichzeitig kommt es mir vor, als wäre ich auf der Stelle getreten, hätte mein ganze Berufsleben nichts anderes getan, als Abbau und irgendwo anders wieder Aufbau mit weniger von allem betrieben; beides unter Druck. Ich musste mich und andere Beteiligte sowie die Prozesse immer in grosser Eile anpassen. Angetrieben hat mich die Unabhängigkeit und Vielseitigkeit von Informationen, deren Verfügbarkeit und Verbreitung. Von meinem ersten Lehrlingslohn hab ich mir einen klitzekleinen Teil der WOZ erkauft, von einem meiner ersten echten Löhne eine Beteiligung an der cinématte und heute bin ich natürlich “Verlegerin” #9824 bei der Republik und gute Kundin bei den Buchhandlungen im Netzwerk b-lesen.

Aber ist es denn wirklich so wichtig? Lohnt es diesen Kampf? Dreissig Jahre schaue ich bei Zerfall oder gar Zerstörung von Informationsstrukturen zu, die Basis der Demokratie sind. Heute beteiligte ich mich als Externe am Warnstreik bei der sda und muss sagen: Chapeau, die tun, was sie können! Sind schon gekündigt und doch hellwach bei der Sache. Aber ist es sinnvoll um etwas zu kämpfen, was so viele Leute gar nicht mehr wollen? Lohnt sich der Kraftakt, Menschen ohne Groll und Überheblichkeit zu erklären, dass ihre Infos echt nicht wie gewohnt aus “dem Internet” kommen, wenn man die Schweizer Zeitung nicht mehr bezahlt, die SRG abschafft und die Depeschenagentur zu Tode spart?
Dass es wirklich keine Buchhandlungen mehr gibt, wenn man dort nichts kauft, auch nicht plötzlich vor Weihnachten, wenn’s dann so romantisch wäre? Bringt das überhaupt etwas? Diese Frage beschäftigt mich seit jeher und ich beantworte sie in der Regel mit einem enthusiastischen Ja. Denn das Neue, das Originelle, das Rettende: Es kommt auf leisen Sohlen. Es wächst in Gärten, die sorgfältig angelegt wurden, die jemandes Motivation und Stolz sind, für die sich jemand aufopfert.

Heute jedoch ist kein solcher Tag. Heute muss ich mehrmals “There but for Fortune” hören, um mich morgen wieder aufzuraffen.
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Zeichen des Dankes

30. December 2017

Seit 2007, dem Jahr, in dem ich als Abteilungsleiterin Buchhandel angefangen habe, bedanke ich mich bei Lehrerinnen und Lehrern wie auch meinen Kollegen zum Jahresende mit einem Buchzeichen. Manchmal bestelle ich es auf einer Buchmesse, manchmal in einem Atelier, manchmal mache ich es auch selber. Dieses Jahr hat es Any, eine Kalligrafin, gezeichnet und beschrieben. Sie hat damit vielen Freude bereitet, sogar denen, die nicht speziell gern Bücher lesen.

In der Weiterbildung zur Schulleitern lerne ich zwar, dass solche Aktionen für ohnehin ständig überlastete Schulleitungen zur Falle werden können: Sie schürten Erwartungen, Undankbarkeit sei abzusehen. Aber für mich ist es kein Kriterium, ob ich den Standard halten kann und ich möchte das auch nicht vorleben, schon gar nicht auf Biegen und Brechen. Wenn es mit Originalität und etwas Nachtarbeit geht: Gut! Wenn beides nicht vorhanden ist: Auch ok. Die Aufmerksamkeit ist dabei ohnehin das Wichtigste, genau wie im Schulzimmer auch. Und sie kommt so oft zurück! Ich war gerührt von den mündlichen und schriftlichen Reaktionen auf das kleine Geschenk. Es ist manches aufgetaucht, das ich so nicht erwartet hätte. Zum Beispiel wird mein Lachen gemocht (ich halte mich im Arbeitsalltag tendenziell für humorlos). Ich gebe seit jeher viel dafür, auf allen neusten Kanälen erreichbar zu sein, aber dass dies noch immer geschätzt und so häufig vom Kollegium erwähnt wird, spricht gegen die Theorie der Abnutzung. Ein junger Lehrer fand für mich sogar ein Goethe-Gedicht, dem ich - trotz monumentalem Goetheunterricht sowohl in der Steiner- als auch an der Buchhändlerschule - noch nie zuvor begegnet war. Solche Zeichen lassen mich nicht nur innehalten, nein, sie machen mir erst meinen wunderbaren Job begreiflich.

Zeichen des Dankes 2017

Ein Traum

26. November 2017

Als Hardcore-Träumerin seit Kindsbeinen ist für mich das nächtliche Aufwachen und Aufschreiben alltäglich. Dennoch kommt es kaum vor, dass ein Traum in seiner ganzen Länge dokumentierbar ist und ich ihn so komplett erinnere. Das finde ich denkwürdig.

Ich sass in der Todeszelle. Ich trug diesen orangen Anzug, den man aus den Nachrichten und Filmen zum Thema kennt. Vor der schweren Metalltüre, aber erstaunlicherweise innerhalb meiner Zelle, stand ein kräftiger Wachmann mit nettem Gesicht. Ich bin nicht ganz sicher, aber es könnte Guillaume Cizeron, der Paartänzer im Eiskunstlauf, gewesen sein. Das Wandtelefon meiner Grosseltern schrillte, ich wusste sogar seine Nummer: 809 12 70. Ich hob ab und war unsicher, mit welchem Firmennamen ich mich melden sollte. Noch unentschlossen, hörte ich am anderen Ende schon die aufgestellte Stimme meiner kunstaffinen Französischlehrerin, die mir mitteilte, sie würde die Biennale di Venezia vorzeitig abbrechen, um mich rechtlich zu vertreten. Dank eines brandneuen Handys mit endloser Akkulaufzeit, welches Ellen de Generes für meine Verteidigung gesponsort habe, werde das kein Problem sein, wobei diese Telefonspende das einzige sei, was Ellen für mich tun könne, das lasse sie mir ausrichten und viel Glück. Weiter liess mich meine Französischlehrerin-Anwältin wissen, ich bekäme einmalig Freigang und zwar nur genau eine Stunde. Ich fragte “wohäre?” (wohin) und sie meinte, das dürfe ich selber wählen, ich müsse mich jedoch sofort entscheiden, man warte bereits auf meine Antwort. In dem Augenblick begriff ich den Ernst der Lage und erkannte, dass es die einzige Karte war, auf die ich setzen konnte, gar meine letzte Chance im Leben und sagte: “In die Schule.”

Dann wachte ich auf.

Traum in der Nacht vom 26. November 2017

Herzliche Einladung

14. November 2017

Verantwortung für das eigene Wirken ist ein hehres Ziel pädagogischer Bemühung. Gleichzeitig ist der Zufall in unserer verplanten Zeit ein seltener Gast geworden. Meldet er sich, fragen wir uns sofort, was wir falsch gemacht haben. Vielleicht sollten wir ihn öfter einladen?

Das neue Flügelpferd ist da, der Satz stammt aus dem Editorial. Neben Twitter und Instagram machen wir noch zwei gedruckte Ausgaben im Jahr, diese Herbstausgabe 2017 ist die 124. Der “Pegasus” bleibt ein passendes Wahrzeichen für unsere Schule. Obwohl wir stetig kleiner werden, bleiben wir heiter und versuchen, einander zu beflügeln anstatt zu beschweren.

Im Moment hängen “Bekenntisse” der neuen angehenden Buchhändlerinnen und Buchhändler bei uns im Schulhausflur. Die Lernenden wollen aber nicht, dass wir diese fotografieren oder online weiter verbreiten. Wenn sie jemand lesen möchte, ist er herzlich dazu und zu einem Kaffee oder Tee eingeladen, gern auch kurzfristig und spontan, einfach melden und sich den Weg beschreiben lassen!

Auch die Lehrerinnen und Lehrer haben sich bekannt zu dem, was sie mögen und was nicht. Und die Abteilungsleiterin.

Bekenntnisse 2017

Zwischen den Stühlen

30. October 2017

Ich schreibe allerlei, aber nicht hier, was ich immer ein wenig bedaure. Drei halbfertige Beiträge harren meiner Bearbeitung. Der Buchmessebesuch dieses Jahr muss unbedingt festgehalten werden, er war mein 23. und lustigster. Auch meine Schulleiterausbildung hat inzwischen Highlights und Dämpfer erfahren, die eigentlich in mein Tagebuch gehörten. Und den Nachruf auf einen der besten ehemaligen Lehrer unserer Schule habe ich - auf Wunsch vieler - auch fast fertig.

Aber es soll nicht sein im Moment. Die mir zur Verfügung stehenden Worte sind an anderer Stelle gefragt und ich muss mich arg konzentrieren, damit sie sich nicht aus dem Staub machen. Denn das wäre schlecht, ich habe redeintensive Prüfungen und Tagungen und die Ehre, am Samstag ein Referat zu halten. Gerade dieses erscheint mir noch immer als sehr unwirklich, so als Bernerin in einem Kreis hochgebildeter Menschen aus Zürich. Vor allem auch der Ort. Ich war noch nie im Leben an der ETH. Doch ich versuche einfach, meinem Auftrag, den die Veranstalterin mit gegeben hat, treu zu bleiben.

Programm Tagung Lebendiges Buch 1

Ich werde nach bestem Wissen die Brücke schlagen zwischen dem Ausnahmebuchhändler Heinrich Fries, der in seinen 60 Berufsjahren nationale Bekanntheit erlangt hat und der heutigen unbekannten Buchhändlerin auf ihrem unbequemen, dafür freien Platz zwischen allen Stühlen.

Programm Tagung Lebendiges Buch 2