Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

Jutta Rosenkranz
Mascha Kaléko
Biografie
dtv Mai 2007
978-3-423-24591-3

Noch ein Lebensjahr hatte Mascha Kaléko vor sich, als ich vor zwei Stunden das letzte Kapitel zu lesen begann. Ein trostloses Jahr, das allerdings umtriebig endete: Vom Sterbebett aus organisierte Kaléko die Nachlassverwaltung ihres Werkes und des Werkes ihres Mannes Chemjo Vinaver. Sie tat das ehrgeizig und perfekt.

Geboren wurde Mascha Kaléko am 7. Juni 1907 in Chrzanów, beigesetzt am 23. Januar 1975 auf dem israelitischen Friedhof am Friesenberg in Zürich. Ein schöner Ort. Doch mutet es einsam an, dieses Grab: Nur zufällig in der Schweiz geschaufelt, weit weg vom Sohn in Amerika, weit weg vom Mann in Israel, die beide vor ihr starben.

In Rezensionen wird gern von den besonderen Verdiensten geschrieben, die ein Buch seiner Leserschaft erweist. „Es ist das Verdienst dieser Biografie, erstmals umfassend und seriös recherchiert Mascha Kalékos Leben und Werk, aber auch ihren widersprüchlichen Charakter zu beschreiben,“ würde hier zweifellos passen. Doch ein Buch muss sich mir nicht verdientsvoll erweisen, damit ich es anderen ans Herz legen kann, es reicht vollkommen, wenn es gut ist. Ich hoffte vor einem Jahr, zu Kalékos 100. Geburtstag eine gute Biografie zu lesen - und meine Hoffnung wurde erfüllt.

Mascha Kaléko war lange wenig Ehre zuteil geworden. Doch wenn man bedenkt, dass Jahrhunderte über Heine-Denkmäler gestritten wurde, können wir froh sein um jedes Täfelchen, das zum Gedenken an Mascha Kaléko enthüllt wird. (Zum Beispiel heute: Minetta Street New York, wo sie siebzehn Jahre gelebt hat.)

Kaléko ist Zeit ihres Lebens arm geblieben. Den einzigen Preis, mit dem sie bedacht wurde, hat sie 1959 abgelehnt. Hans Egon Holthusen war damals Direktor der Abteilung Dichtung an der Berliner Akademie der Künste, welche diese Auszeichnung - den Fontane-Preis - verlieh. Er war selber Dichter und ehemaliges SS-Mitglied. Es erschien Kaléko unerhört, einen Preis aus seinen Händen entgegenzunehmen. Sie argumenteierte weder emotional noch kalt, sondern sachlich fundiert. Aber Generalsekretär Buttlar rief trotzdem erregt, man könne Holthusen diese „Jugendtorheit doch nicht in alle Ewigkeit ankreiden“.

„Nein, aber man muss ihn nicht mit Ehrenposten belohnen,“ antwortete Kaléko.

Jutta Rosenkranz hat unermüdlich recherchiert, sie hat sogar die Aktennotiz dieses Gespräches gefunden und die Ereignisse mithilfe des persönlichen Protokolls der Dichterin rekonstruiert. Dies ist nur eines etlicher Beispiele von Rosenkranz’ sorgfältiger Dokumentation eines Lebenslaufs, der der Nachwelt bekannt gemacht werden sollte.

Seit Reich-Ranicki Kaléko in einer Gedichtinterpretation (der von „Grossstadtliebe“) gelobt und sie in seine Anthologien aufgenommen hat, wurde ihr Name in den meisten einschlägigen Lexika gnädig ergänzt. Doch dafür, dass sie eine viel gekaufte Dichterin und emsige Lesereisende gewesen war, dafür, dass sie die einzige weibliche Stimme der neuen deutschen Sachlichkeit war, dafür war die Behandlung von Person und Werk dürftig. Rosenkranz schreibt zwar nichts davon, aber ich selber halte einen grossen Teil der guten Kritiken über Kaléko für schwach, weil redundant. Immer nur zu sagen, sie verbinde Witz und Wehmut und hinter ihrer leichten Lyrik verberge sich Melancholie wird ihr einfach nicht gerecht. Auch hatte die Schauspielerin und Nachlassverwalterin Zoch-Westphal über Jahre die Macht und den Willen, aber leider nicht die Begabung, den Nachlass selber aufzuarbeiten. Ihre biografischen Publikationen zu Kaléko sind gelinde gesagt oberflächlich. Allerdings weiss ich nicht, ob die Erinnerung an die Dichterin ohne sie wach geblieben wäre?

Rosenkranz hat neben Kalékos Leben auch ihre Entwicklung als Lyrikerin dokumentiert. In zahlreichen Briefen hat sie Beispiele gebunder Sprache gefunden. Sie hat so Lücken aus Phasen Kalékos Leben gefüllt, in welchen diese weniger publizierte. Sie zeigt damit aber auch die Kunst der schnellen Dichtung (fast Richtung Rap), die Kaléko wunderbar beherrschte. Als Joahnnes Urzidil 1955 schrieb:

In diesen Tagen werde ich mein sechzigstes Lebensjahr beginnen. Ist das nicht eine Bizarrerie? Eben hat man sich erst ein wenig umgesehen und, schwupp, sieht man schon den Bodensatz des Bechers.

Da schrieb Kaléko postwendend:

Mein lieber Johannes!
Das Sein – wer ersann es,
Das Endziel – wer kann es
Ergründen, uns künden?

Das Schicksal des Zechers
Den Boden des Bechers,
so schwupp zu erspähen
Wird allen geschehen.

(…)

Doch die Grundstimmung meiner Lektüre blieb Trauer mit Bedauern. Trauer darüber, dass eine Frau – und wäre sie noch so unbekannt – von 67 Jahren nur ein Dutzend hatte, die sie später als „Die paar leuchtenden…“ bezeichnen konnte. Bedauern darüber, dass Frauen immer so verdammt lange warten müssen , bis sich jemand mit ihrem Werk befasst, wenn überhaupt. Trotzdem habe ich auch gelacht. Zum Beispiel über Thomas Mann, dem Mascha Kaléko 1945 die „Verse für Zeitgenossen“ zustellte, weil sie damals ihre eigene Werbetrommel rühren musste. (Klammer für Bibliophile: Dieser kleine Band war und blieb einer der wenigen Gedichtbände, die in deutscher Sprache in Amerika erschienen sind, bei Schoenhof in Cambridge, Massachussetts.) Thomas Mann, ebenfalls nach Amerika emigriert, antwortet lobend und dankend und ergänzte:

Gewiss haben sie vielen Tausenden aus der Seele gesungen hier draussen; aber ich wollte doch, Ihre wohllautend-mokante Stimme erklänge auch wieder in Deutschland, wo es gewiss wengier als je an Sinn dafür fehlen würde (…) Zwar ist die neue deutsche Presse wenig erfreulich. Die sitzengebliebene Mittelmässigkeit darf dort prahlen, was sie als Innere Emigration alles erlebt und erlitten hat, während es sehr leicht war, aus den Zuschauer-Logen des Auslands – etc. Trotzdem sollten Sie versuchen, über irgendeine militärische Adresse etwas von dem Ihren in diese armen Blätter zu lancieren.

Sie versuchte es. Und zehn Jahre später bestieg Mascha Kaléko das Schiff nach Deutschland, mit einem Riesenkoffer voller Misstrauen. Und wenn ein Buch denn unbedingt ein Verdienst erbringen soll, so ist es hier die Geschichte des Künstlerlebens nach dem Krieg. Künstler sind schnell verjagt, aber sie unversehrt zurückzuholen ist unmöglich.

7 Reaktionen zu “Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko”

  1. Liisa

    Wunderbarer Artikel! Ich hatte nämlich gehofft, dass Du Deinen Lesern hier verrätst, welche Biographie Dein Wohlwollen findet und das ist nun geschehen und ich habe mir das Buch gleich notiert! Vielen Dank für den Hinweis!

  2. Liisa

    Habe gerade mitbekommen, dass das Buch heute auch im Deutschlandradio besprochen worden ist:
    http://ondemand-mp3.dradio.de/podcast/2007/06/07/dkultur_200706071133.mp3

  3. Tanja

    Danke, Liisa. Ich habe gewerweisst, ob es noch eine Besprechung mehr braucht von dieser Biografie, es gab doch schon einige. Aber keine zu schreiben, wär auch komisch gewesen ;.) Merci pour le link!

  4. Liisa

    Hmm… “gewerweisst” … ist das ein schweizer Ausdruck?? Ich kenn ihn nicht und wüßte gerne, was er bedeutet.

  5. Ima

    “Ich habe gewerweisst …” passt gut in einen Beitrag über Mascha Kaléko. Sie hats wohl auch oft getan.
    wärweise:
    mutmassen, sich fragen, was zu tun ist
    Hier ein hilfreicher Link zum Berndeutschen:
    http://www.gwungerhung.ch/de_CH/lexikon.search.db

  6. dirk

    Zwar soll man am 7. Juni an sie denken, aber das Täfelchen wird heute angebracht, am 9ten.

  7. Tanja

    Dirk: Im Nachwort dieser Biografie steht 7.6. fürs Täfelchen in NY (aber die wurde ja schon eine Weile her gedruckt…)

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