Mein erstes Mal im Engadin

Die Schweiz hat viele Einwohnerinnen und Einwohner, die sie nicht besonders gut kennen. Ich gehöre auch dazu. So begab es sich, dass ich dieser Tage erstmals das Engadin besuchte. Natürlich hatte ich schon mehr als den Wikipediaeintrag darüber gelesen. Viele Menschen aus der Gegend sind mir bekannt, weil sie unsere Landessprachen, unsere Literatur und Politik stark geprägt haben. Und die Erzählungen aus meinem begeisterten Freundeskreis sind immer inspirierend! So ist aus dem Ausflug eine bezaubernde Begegnung geworden.

Wanderweg über Scuol

Der Nationalpark und die die Herkunft der Sagen und Geschichten wie dem Schellenursli gefielen mir sehr. Mich interessierte wie stets der Beitrag der Frauen zur Entwicklung des Hochtales. Ihr Anteil ist in der Regel (vom Reiseführer bis zur Erinnerungsplaquette am berühmten Hause) so marginalisiert, dass Erkundungen unter diesem Blickwinkel besonders spannend werden. Eine gute Grundlage für meine Beobachtungen bot mir ein ausrangiertes Bibliotheksbuch, das mir eine Freundin geliehen hatte: “Erzählenhören: Frauenleben in Graubünden” (Chur, 1998, Octopus Verlag). Dank diesen Beschreibungen konnte ich mir beispielsewise ein Bild von den Wegen machen, die die Frauen zurücklegen mussten. Ich recherchierte zudem die Geschichte des Spitals in Scuol, dessen Entwicklung stark von Frauen vorangetrieben worden ist; heute ist es ein Gesundheitszentrum mit dem landesüblichen Frauenführungsanteil. Die Schilderungen davon, entscheiden zu müssen, was eine Frau mitnimmt (den Säugling?) und was sie stehen lässt (das Essen?), wenn die Kraft ausgeht, weil der Mann mit den sechs Älteteren auf der Alp arbeitet und sie mit den fünf Jüngsten allein ist, habe ich bisher nur in Fluchtgeschichten gelesen. Auch die Bescheibung des Abwägens der Umstände, wann das Spital aufgesucht und die damit verbundenen Kosten auf sich genommen wurden, ist beeindruckend. Eine vertraute Hebamme war im Engadin nicht nur eine Lebensversicherung für die Mutter, sondern der effizienteste Beitrag zur Gesundheit einer Familie.

Zwei Lebensereignisse, die mir dieser Tage von engadiner Frauen des 20. Jahrhunderts begegnet sind, werde ich lange nicht vergessen: Eine veilfache Mutter hatte ein Fehlgeburt, die Ausschabung musste sie trotz anders lautender Empfehlung zuhause vornehmen lassen, weil sonst Kleinkinder allein geblieben wären. Kurz darauf bemerkte ihre Hebamme, dass sie noch immer schwanger war. Die Frau sicherte sich für die Geburt erstmals im Leben einen Platz im Spital, überzeugt, dass Teile des lebensfähigen Zwillings mitausgeschabt worden waren (das Kind war Gottseidank vollständig). Die andere Geschichte ist amüsanter: Eine 21-jährige, mittellose Engadinerin war 1939 ausgelost worden, um an die Landesausstellung nach Zürich zu fahren. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als sie dort gleich nochmal ein grosses Los zog, nämlich das für einen einstündigen Rundflug. Ihre Beschreibung, wie ihr die Männer diesen abspenstig machen wollten, sucht ihresgliechen! Sie liess sich weder von frauenspezifischen Flugkrankheiten einschüchtern noch von Angeboten erweichen.

3 Reaktionen zu “Mein erstes Mal im Engadin”

  1. Hauptschulblues

    H. wollte mit dem Freund ins Engadin, weil da der Fluss ihrer Kindheit und Jugend entspringt, und ihn entlang fahren. Da die Tour für deren Alter zu wild und anstrengend ist, radelten sie statt dessen die Donau entlang, die in Passau wie ein Nebenfluss des Inn ankommt, was Tiefe und Wasserführung angeht. Aber wer weiß, vielleicht kommen sie mal hin …

  2. Tanja

    @hauptschulblues: Das ist noch immer ein guter Plan mit dem Engadin. Das Engadin hat auch sanfte Touren :-)

  3. Ima

    Ein spannender Bericht, danke!
    Das Interessante beim Lesen: ich erinnerte mich an eine Schrift, die ich vor vielen Jahren (genau: am 01.06.2004, Onlinekatalog sei Dank) katalogisiert hatte. Gleich begann ich zu recherchieren.
    Es handelte sich um den Nachruf: Frey, Adolf : Zum Andenken an Laura von Albertini, (1853-1909). Ihr „Lehrbuch der Graphologie“ von 1895 gab sie unter dem Namen L. Meyer heraus. Nach dem Tod der Autorin erschien die 16. Auflage des Werks!
    Hier las ich mich durch ein spannendes, weit über den Tellerrrand hinaus gehendes Stück Bündner Frauengeschichte:
    http://graphologie-news.net/cms/upload/archiv/Graphologie_Geschichte_Laura_von_Albertini.pdf

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