Vom Kopftuch zum Nikab

Heute habe ich in der “NZZ am Sonntag” ein treffendes Interview (auf Anmeldung online) mit britisch-muslimischen Feministin Huda Jawad (Website, Twitter) gelesen. Es ging wieder einmal um das Burka-, bzw. Nikab-Verbot, das als Volksinitiative “Ja zum Verhüllungsverbot” heisst.

Die Diskussion erinnert mich an die Kopftuchdebatte in den Jahren nach 9/11, als Frauen, welche zuvor ihre Haar nicht bedeckt hatten, mehr und mehr Kopftuch oder Hidschab zu tragen anfingen, was zu aggressiven Bemerkungen, mehr Berichterstattung oder gar Angriffen führte. Allerdings war das damals wirklich sichtbar und ein merklicher Unterschied im Quartier, während wir Burka und Nikab kaum je zu Gesicht bekommen in diesem Land. Aber dass Empörung alle Fakten vom Tisch wischt und die abstimmende Mehrheit bereit ist, Diskriminierung in die Verfassung aufzunehmen, haben wir ja mit dem Minarettverbot gelernt. Weil wir aber ein Diskriminierungsverbot kennen, hat das Initiativkomitee die Erwähnung der Ganzkörperverschleierung verschleiert (mehr dazu unter dem schon zitierten Link von humanrights.ch).

Im Grunde ist es einerlei, weil hier ein immerwährender Stellvertreterkampf um Werte und Regeln im Gange ist und Differenzierung ungefähr so mühsam wie die ganze vermaledeite Migrationsbewegung auf dieser ganzen blöden Welt, die nun endlich einmal rückwärts drehen soll. Bref: Wenn’s nicht die Verschleierung ist, ist es etwas anders, auf das man einfach mit dem Finger zeigen kann. Vorausschauend gegen Rückwärtssehnsucht zu gewinnen ist dieser Tage unmöglich, denn sowohl die gebräuchlichsten Medien wie Messages versagen hier den Dienst. Ausser es gelingt eine Gegenbewegung zu der eine Mehrheit lieber gehört, aber das braucht sehr, sehr viel Mumm, Logistik und Freiwillige.

Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass meine Meinung sich in den 12 Jahren nicht geändert hat, aber leider mein Mediengebrauch nicht mehr zeitgemäss ist. Zwar könnte ich ungefähr das Gleiche sagen wie damals an Weihnachten 2004, als in der Quartierzeitung ein Leserbrief von mir erschien, der mir unzählige Gespräche mit verschiedensten Menschen ermöglicht hat. Aber das dient nicht mehr, heute müsste ich mich anders und andernorts äussern, was mir nicht liegt, ich ertrage ja nicht einmal Facebook. So bleibt mir im Moment die eher bittere Erkenntnis, dass ich nicht viel mehr tun kann, als mich auf veralteten Kanälen wie hier oder im persönlichen Gespräch zu wiederholen.

Leserbrief Wolkenkratzer Dezember 2004

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